Frühstart in Sachsen-Anhalt Spahn zeigt sich irritiert über vorzeitigen Impfbeginn

Deutschlandweit sollten die Corona-Impfungen am Sonntag beginnen, nun erhielt eine 101-Jährige die Vakzine bereits am Samstag. Gesundheitsminister Spahn »wünscht Edith Kwoizalla alles Gute« – dann kommt das Aber.
Jens Spahn: »Wir hatten vereinbart, ab Sonntag gemeinsam mit den Impfungen zu beginnen«

Jens Spahn: »Wir hatten vereinbart, ab Sonntag gemeinsam mit den Impfungen zu beginnen«

Foto: Michele Tantussi / dpa

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist laut einem Medienbericht vom eigenmächtig vorgezogenen Impfstart im Landkreis Harz überrascht worden. Dort war die 101-jährige Heimbewohnerin Edith Kwoizalla am Samstag als erster Mensch in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft worden. Eigentlich sollten die Impfungen deutschlandweit am Sonntag beginnen. 

Spahns Sprecher sagte der »Bild am Sonntag«: »Minister Spahn wünscht Edith Kwoizalla alles Gute und freut sich mit der ersten Corona-Geimpften in Deutschland. Das ist ein erster, wichtiger Schritt raus aus dieser Pandemie. Allerdings hatten wir mit allen Partnerländern der EU und mit den 16 Bundesländern vereinbart, am Samstag an alle auszuliefern und ab Sonntag gemeinsam mit den Impfungen zu beginnen.« 

»Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag zu viel«

Neben Edith Kwoizalla sind in dem Seniorenzentrum in Halberstadt in Sachsen-Anhalt etwa 40 weitere Bewohner geimpft worden. Außerdem ließen sich zehn Pflegekräfte immunisieren. Der Betreiber des Seniorenheims, Tobias Krüger, wollte offensichtlich keine Zeit verlieren. »Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag zu viel«, sagte er. Das Landratsamt hatte zuvor bei ihm angefragt, ob im Heim alles vorbereitet sei. 

Am Sonntag sollen die Impfungen dann offiziell in allen Bundesländern beginnen, mehrere Zehntausend Impfdosen wurden am Samstag ausgeliefert. Sie werden von den zuständigen Landesbehörden an Impfzentren und mobile Teams verteilt. Zuerst sollen Menschen über 80 Jahre sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal immunisiert werden.

Gesundheitsminister Jens Spahn rief zu einem »nationalen Kraftakt« auf, um so viele Menschen wie möglich gegen das Coronavirus zu immunisieren. »Dieser Impfstoff ist der entscheidende Schlüssel, diese Pandemie zu besiegen. Er ist der Schlüssel dafür, dass wir unser Leben zurückbekommen können«, sagte der CDU-Politiker in Berlin.

In dem Seniorenzentrum in Halberstadt entschieden sich zwei Drittel der 59 Bewohner für die Impfung sowie ein Viertel der 40 Mitarbeiter. Auch Heimleiter Krüger war darunter. Er halte die Impfung für sinnvoll. »Ich verstehe aber auch die Bedenken.« Am 15. Januar, also in knapp drei Wochen, erfolgt dann die zweite Impfung der Bewohner. Damit wird erst die volle Wirkung des Impfstoffs der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer gewährleistet.

»Wer mitmacht, rettet Leben«

Die Bundesregierung wirbt unter dem Motto »Ärmel hoch« gezielt dafür, an der Impfkampagne teilzunehmen. Um die Pandemie zu stoppen, müssten nach Schätzung von Experten etwa 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung geimpft werden. »Wir wollen so viele Menschen impfen, dass das Virus keine Chance mehr hat, in Deutschland und in Europa«, sagte Spahn. Jede Impfung mehr bedeute weniger Infektionen und weniger Todesfälle. »Wer mitmacht, rettet Leben.«

Bis Ende des Jahres sollen 1,3 Millionen Impfdosen ausgeliefert werden. Ende März sollen es schon über zehn Millionen sein. Und Mitte des kommenden Jahres will Spahn allen, die sich impfen lassen wollen, ein Angebot machen können.

Der Gesundheitsminister bereitete die Bevölkerung aber auch darauf vor, dass angesichts der Größe der Kampagne möglicherweise nicht alles sofort glattlaufen wird. »Es wird an der einen oder anderen Stelle auch mal ruckeln, das ist ganz normal.«

Spahn rief die Jüngeren zur Solidarität mit den Alten und Schwachen auf, die den Impfstoff nun am dringendsten benötigten. Und er machte Hoffnung, dass die Pandemie im Laufe des nächsten Jahres überwunden werden kann: »Der Herbst und der Winter und auch das Weihnachten des kommenden Jahres sollen nicht mehr im Zeichen dieser Pandemie stehen.«

»Viel zu wenig Impfstoff«

Der Deutsche Städtetag dämpfte dagegen die Erwartungen. »Es ist ein Anfang gemacht, aber der Spuk mit dem gefährlichen Coronavirus ist noch nicht vorbei«, sagte Städtetagspräsident Burkhard Jung (SPD) den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Infektionslage sei derzeit weiterhin besorgniserregend und die Zeit für Massenimpfungen noch nicht gekommen. »Dafür gibt es zunächst viel zu wenig Impfstoff«, sagte Jung, der auch Oberbürgermeister von Leipzig ist.

Am 27. Januar 2020 war die erste Corona-Infektion in Deutschland bekannt geworden. Seitdem wurden mehr als 1,6 Millionen Infektionen registriert. Bis Samstag starben laut Robert Koch-Institut in Deutschland 29.422 Infizierte.

wal/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.