Bundespräsident im SPIEGEL-Gespräch Gauck kritisiert Erdogan und Trump

Kurz vor Ende seiner Amtszeit mischt er sich noch einmal in die aktuelle Politik ein: Im Gespräch mit dem SPIEGEL kritisiert Joachim Gauck die US-Politik - und das Vorgehen der Türkei gegen den Journalisten Deniz Yücel.
Bundespräsident Joachim Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck

Foto: Christian Irrgang/ DER SPIEGEL

Enttäuscht zeigt sich Bundespräsident Joachim Gauck über die Entwicklung der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoan. "Es macht einen tieftraurig, wenn man sieht, dass eine liberale Demokratie in dem Land bis auf Weiteres in immer weitere Ferne rückt und stattdessen ein autoritäres, religiös verbrämtes Führungssystem immer stärker Fuß fasst", sagt Gauck in einem SPIEGEL-Gespräch. (Lesen Sie hier das ganze Gespräch mit Joachim Gauck im neuen SPIEGEL.)

Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel bezeichnete er als "inakzeptabel". Der Vorgang lasse einen fragen, "ob die Türkei überhaupt noch den Anspruch hat, eine Demokratie und ein Rechtsstaat zu sein".

Dem neuen US-Präsidenten Donald Trump wirft Gauck vor, das Ansehen Amerikas zu beschädigen. "Es besorgt mich sehr, dass der amerikanische Präsident so manches von dem zur Disposition stellt, was Generationen anderer US-Amerikaner zusammen mit Europäern geschaffen haben", so Gauck.

Und weiter: "Die Tatsache, dass sich der jetzige amerikanische Präsident abschätzig über einen bestimmten Richter geäußert hat, werden ihm viele rechtstreue US-Bürger nicht vergessen." Zu Trumps Umgang mit den Medien sagt Gauck: "Das beschädigt die Demokratie." Die USA seien in seiner Jugend "Sehnsuchtsort" und ein "Rollenmodell" gewesen. Das seien sie "derzeit nicht".

In dem SPIEGEL-Gespräch zieht Gauck eine Bilanz seiner Amtszeit. Ihm sei es wichtig gewesen, die Leistungen der Bürger zu würdigen und die Deutschen darin zu bestärken, "dass sie stolz sein können auf diese parlamentarische Demokratie und alles, was dazugehört". Nun freue er sich darauf, "erst mal ein Weilchen durchatmen zu können und nur für mich und meine Familie verantwortlich zu sein".

Der Bundespräsident äußert im SPIEGEL sein Unverständnis, dass Russland bei den Deutschen inzwischen genauso viel Vertrauen genieße wie Amerika. Es gebe "keinerlei Gründe, Sympathien für dieses Modell von Politik der jetzigen russischen Regierung zu hegen", so Gauck. "Man stelle sich vor, ein solcher Sympathisant würde eine Zeit lang im heutigen Russland mit seinen eingeschränkten Bürgerrechten leben. Ich bin sicher, die Sympathie wäre schnell verflogen."

Im Video: "Er war ein guter Präsident" - SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über das Abschiedsgespräch mit dem scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck.

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