Joachim Gauck in Koblenz: Applaus für einen möglichen Wulff-Nachfolger
Joachim Gauck in Koblenz Der gefühlte Präsident
Es sollte partout nicht das Thema des Abends sein - und war es dann natürlich doch: Der Rücktritt von Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten. Joachim Gauck war ins Koblenzer Stadttheater gekommen, um aus seinen Erinnerungen zu lesen. "Winter im Sommer, Frühling im Herbst", hat er sie genannt. Sie reichen bis zum Mai 2009 - ein Jahr bevor der jetzt abgetretene Präsident ins Schloss Bellevue zog. Joachim Gauck: evangelischer Pfarrer, Bürgerrechtler - und 2010 Gegenkandidat Wulffs. Wird er jetzt wieder kandidieren?
"Den ganzen Abend heute geht es um das Buch - um nichts anderes", eröffnet Gauck seine Lesung. Großes Gelächter im Saal. Alle wissen, was heute in Berlin geschah und dass da vorne auf der schlichten Bühne am schwarzen Pult ein Mann steht, der das Zeug zum Präsidenten hat. Im Foyer wurde getuschelt, das denkmalgeschützte Theater in der Koblenzer Innenstadt ist voll - mehr als 400 Menschen wollen den ehemaligen Bürgerrechtler sehen. Am Morgen war die Veranstaltung noch nicht ausverkauft.
Doch Gauck verlässt sich lieber auf die Wirkung seiner Worte über die Vergangenheit anstatt sich mit der Zukunft zu beschäftigen. Mit tiefer, bewegter Stimme liest und erzählt er Geschichten aus seinem Leben, vom persönlichen Schicksal, aber auch von den großen Dingen wie Freiheit und Demokratie. Er wirkt echt, erzählt von seiner Trauer, Wut und Freude in den letzten Jahrzehnten. Die Zuhörer folgen ihm gebannt.
Sollte Gauck den Abend nicht lieber in Berlin verbringen?
Im Vorfeld hatte es Verwunderung über die Frage gegeben, ob Gauck denn am Abend seine Lesung noch halten würde. "Ja, warum denn nicht?" fragt Felix Mauser, der ihn eingeladen hat. Er hätte doch schließlich den Termin schon lange ausgemacht und es würde nichts dagegen sprechen, dass er diesen auch wahrnehme.
Doch auch er gibt implizit zu, dass die Veranstaltung nicht einfach nur Routine ist an diesem Tag in Koblenz. "Noch nie in meinem Leben hatte ich so sehr das Gefühl am richtigen Ort im richtigen Moment zu sein", sagt er bewegt nach Ende der Lesung. Damit reihte er sich in die Standing Ovations der Zuschauer ein. Eine junge Frau hatte sogar ein Plakat aus dem Jahr 2010 mitgebracht, mit Gaucks Porträt und dem Wahlaufruf an die Bundesversammlung.
So ganz ist die Frage eben nicht von der Hand zu weisen, ob Gauck diesen Abend nicht lieber hätte in Berlin verbringen sollen. Das höchste Amt im Staat ist vakant. Und Joachim Gauck hat sich schon 2010 als ein Kandidat bewiesen, der überparteilich anerkannt war, obgleich offiziell von SPD und Grünen vorgeschlagen. Nur mit äußerster Mühe war es Bundeskanzlerin Angela Merkel damals gelungen, ihren Wunsch-Präsidenten Christian Wulff durchzusetzen. Hätte damals das Volk wählen dürfen - Gauck wäre heute Präsident.
Nachfolgedebatte: Abwarten, beschwichtigen, aber nichts ausschließen
Dass ihn sich viele noch immer als solchen wünschen, wird auch in Koblenz deutlich. Die Studentin Conny Dold ist spontan zu der Veranstaltung gekommen. "Er ist ein Brückenbauer", sagt die Lehramtsanwärterin und meint damit seine ostdeutsche Herkunft und seine persönliche Biografie. Ob Gauck noch einmal antreten wird? "Hoffentlich", ruft eine andere Zuschauerin dazwischen.
Doch so, wie Gauck wirkt - bodenständig, erfahren, vertrauenerweckend, und auch ein wenig altersklug - ist es sehr unwahrscheinlich, dass er sich nochmals ohne einen parteiübergreifenden Konsens aufstellen lässt. "Warten wir jetzt mal, wie schnell sich unsere Regierung und unsere Opposition einigen und hoffen wir, dass das bald und einvernehmlich geschieht", sagt er und beschwichtigt die Nachfolgedebatte.
Gleichzeitig schließt er nichts aus. Dass er im Volk beliebt ist, freue ihn doch sehr. Er hätte viele Kinder und Enkel die ständig im Netz unterwegs seien und ihm von den Umfragen erzählten. Noch viel mehr genieße er allerdings den Kontakt zum Publikum, sagt er, und dass sich über so viele unterschiedliche Menschen in der Lesung Intensität aufbaue. Auch die Zuschauer in Koblenz sind ja Bürger, die auf einen neuen Bundespräsidenten warten - und sie haben deutlich gemacht, wer ihr Kandidat wäre.