Jobsuche in Deutschland "Es war schön damals, als man keine Angst hatte"

Fast fünf Millionen Arbeitslose gibt es in Deutschland. Die 36-jährige Susanne Risken ist eine von ihnen. Ihr Beispiel zeigt, dass die Fehler nicht im System stecken. Das System scheint der Fehler zu sein.

Von Benjamin Triebe


Susanne Risken: Seit fünf Jahren arbeitslos
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Susanne Risken: Seit fünf Jahren arbeitslos

Berlin - Susanne Risken aus Soest in Nordrhein-Westfalen ist eine von 4.728.000 Arbeitslosen in Deutschland. Sie ist 36 Jahre alt. Seit fünf Jahren sucht sie einen Job. Sie hat immer das getan, was ihr die netten Herren und Damen vom Arbeitsamt, das jetzt Arbeitsagentur heißt, gesagt haben. Sie hat nie gejammert, sie schimpft auch nicht auf den Bundeskanzler oder auf Angela Merkel. Das Wahlergebnis findet sie "verwirrend" - aber sie hat eh nicht angenommen, dass der Sieg irgendeiner Partei ihr aus der Bredouille hilft.

Susanne Risken hat jede Qualifizierungsmaßnahme angenommen, die man ihr im Amt angeboten hat. Und so wurde Susanne Risken immer weiter in die Arbeitslosigkeit hinein qualifiziert.

Sie hat als Schriftsetzerin Schulbücher gedruckt, als Lagerhilfe Müll gefegt, als Computer-Spezialistin Webseiten programmiert. Als Industriearbeiterin hat sie Fahrradgabeln und Radkappen besprüht, später zur Vertretung in der Pathologie gearbeitet und sich anschließend zur Buchhalterin ausbilden lassen.

Aber arbeitslos ist sie immer noch.

Die stämmige Blondine ist flexibel, genau wie die Arbeitsagentur es fordert. Sie sagt: "Ich darf mich nicht auf das Amt verlassen. Ich muss selber dazu beitragen, dass ich eine Arbeit finde." Ein Satz, wie Westerwelles und Co. ihn lieben. Genützt hat es ihr bisher nichts.

Immer das Richtige getan - trotzdem ohne Arbeit

Susanne Risken ist der Beweis dafür, dass es nicht nur einen Fehler im System gibt. Der Fehler scheint das System selbst zu sein. Als ihr Leben ohne feste Arbeit vor fünf Jahren begann, war Susanne Risken fassungslos. "Es war mir überhaupt nicht bewusst, dass so etwas passieren kann", sagt sie. Noch 1999 führte sie ein Leben ohne Sorgen. Ihr Vertrag war unbefristet, die Kollegen jung und nett, das Gehalt stimmte. Ohne nachzurechnen einen schicken Pulli in einer Boutique zu kaufen, danach mit Freunden Essen gehen - alles kein Problem.

"Es war schön damals, als man keine Angst hatte", sagt sie. Diese Zeit begann 1987, als die 18-jährige Susanne Risken einen Ausbildungsvertrag in einer Druckerei abschloss. Schriftsetzerin wollte sie werden und Satzmaschinen beherrschen, die groß waren wie Schränke. Ein Beruf, dem schon damals keine große Zukunft beschienen war. Das Wissen ist heute nicht mehr zu gebrauchen, die alten Satzmaschinen haben längst ausgedient. Doch gewarnt hat sie niemand.

Raus aus der Ausbildung, rein in den Job

Zuerst lief alles bestens. 1990 wurde Risken ohne Umstände übernommen, der Chef machte nicht viel Worte. Für 2500 Mark im Monat saß sie an einem Macintosh und gestaltete Visitenkarten, Geschäftsbriefe, Schulbücher, Reisekataloge.

Mit 20 Jahren nahm sie sich eine eigene Wohnung, 43 Quadratmeter Dachgeschoss am Soester Umgehungsring. Die Aussicht ist gut, aber die Dachschräge zwingt zum Kopfeinziehen. Sie wohnt heute noch dort, zusammen mit zwei Meerschweinchen, ihr Käfig belegt ein Drittel der kleinen Küche.

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Nach vier Jahren wird es in der Druckerei langweilig. Susanne Risken suchte sich einen Job bei einem Soester Computergroßhändler, in der Marketing-Abteilung. Der Computerbranche scheint die Zukunft zu gehören, jedenfalls ist das überall zu hören und zu lesen. "Ich habe den Wechsel nicht als Risiko gesehen", sagt Risken. Dann brach ein neues Jahrtausend an, und der Chef sagte, es ginge nicht mehr. Alle 1300 Mitarbeiter zu behalten, könne man sich nicht leisten. Sie war draußen.

Auch in der alten Druckerei fand man für sie keine Verwendung mehr. Bei ihrem Abgang hatte der Chef noch gesagt, sie könne jederzeit wiederkommen. Doch inzwischen war das Geschäft schwieriger geworden.

Sinnlose Weiterbildung: Mal zu einfach, mal zu schwer

Für die gelernte Schriftsetzerin beginnt, was die Vermittler der Arbeitsagentur im Kopf haben, wenn sie von "Flexibilität" und "Mobilität" reden. Das Arbeitsamt will fördern. Schriftsetzerin Risken muss einen Grundlagen-Computerkurs machen. Der dauert drei Wochen, bringt ihr aber nichts. Das meiste, was man ihr beibrachte, wusste sie längst - in einer Marketingabteilung muss jeder mit einem PC umgehen können.

Danach wird sie zu einem Weiterbildungsträger geschickt: Fortbildung zum Internet-Spezialisten. "Der IT-Bereich ist die Zukunft", sagen die Vermittler. Man schreibt das Jahr 2000. Susanne Riskens Wunsch, eine örtliche Schule für Sozialpädagogik besuchen zu dürfen, wird abgelehnt. Dabei wünscht sich die 31-Jährige so sehr einen Job, in dem sie viel mit Menschen zu tun hat.

Stattdessen versucht das Amt, in zwölf Monaten aus einer Anfängerin mit Grundkenntnissen einen Programmier-Profi zu machen. Das klappt nicht. Einen Server kann Susanne Risken danach nicht betreuen, genauso wenig wie viele ihrer Kurskollegen. Als die Internetblase platzt und der IT-Arbeitsmarkt abstürzt, herrschen für angelernte Internet-Experten besonders schlechte Aussichten.

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Natürlich kann das Arbeitsamt nichts dafür, dass der Stellenmarkt zusammenbricht. Aber die investierte Zeit ist weg - zumal Susanne Risken es gar nicht zum Profi gebracht hat.

Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Verheiratet ist sie nicht, für einen Arbeitsplatz würde sie auch umziehen. 20 Bewerbungen schreibt sie pro Monat, die Stellen sucht sie sich selber, vom Amt kommen in all den Jahren nur drei Angebote.

Jeden Job annehmen - nur nicht rumsitzen müssen

Die erhofften Antworten bleiben jedoch aus. Stattdessen findet sie einen Aushilfsjob in der Soester Pathologie: Ein halbes Jahr Vertretung. Sie muss Gewebeproben zur Analyse aufbereiten. Alles besser, als arbeitslos zu sein.

Als die Stelle ausläuft, will die inzwischen in Agentur für Arbeit umgetaufte Behörde ihr keine neue Weiterbildung mehr bezahlen. Sie sei schließlich Internet-Spezialistin, weitere Maßnahmen sind nicht vorgesehen.

In ihrer Not nimmt Susanne Risken einen Minijob an: bei ihrem alten Arbeitgeber, dem Computergroßhändler. Sie räumt im Lager auf. Die ehemaligen Kollegen kommen vorbei und stellen Fragen. "Du hast doch früher im Marketing gearbeitet. Was räumst du denn hier den Müll weg?" Das fällt schwer, nagt am Ego. Aber sie erträgt es. "So einen Job nehme ich ernst", sagt sie. Susanne Risken ordnet Kartons und Verpackungen, die Arbeit macht sie gewissenhaft. Zwei Studenten jobben auch im Lager, sie arbeiten halb so schnell.

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Danach wechselt die Schriftsetzerin und Internet-Spezialistin mit Pathologie- und Putzerfahrung zu einer Pulverbeschichtungsfirma. Vier Wochen lang Fahrradgabeln, Schrauben und Radkappen mit Chemikalien besprühen.

Die Kraft, einfach weiterzumachen und die Hoffnung nicht zu verlieren, schöpft sie aus dem Zuspruch von Freunden und Familie. Keiner macht ihr Vorwürfe. Jeder weiß, dass sie immer alles versucht hat.

Mit Einführung der sogenannten Bildungsgutscheine darf sich auch Susanne Risken wieder auf Staatskosten weiterqualifizieren, diesmal im kaufmännischen Bereich. Sechs Monate Grundlagen der Buchführung. Der Kurs läuft im Frühjahr aus, aber Stellen gibt es immer noch nicht.

Neuer Beruf, neue Hoffnung

Da erfüllt die Arbeitsagentur endlich den großen Wunsch ihrer treuen Kundin: Susanne Risken darf die Schule für Sozialpädagogik besuchen. Im August fängt sie an, drei Jahre dauert die Ausbildung. "Das gibt mir viel Halt", sagt sie. Nebenher will sie das Montessori-Diplom machen, ein Nachweis für eine spezielle Art der Kinderpädagogik. Man habe damit sehr gute Chancen, sagt sie. Dann wäre Susanne Risken Erzieherin, im Alter von knapp 40 Jahren.

Ein Happy End sieht sicher anders aus. Trotzdem wäre der Job endlich der ersehnte neue Anfang.



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