Ex-AfD-Chef Meuthen in neuer Partei Endstation »Zentrum«

Erst im Frühjahr war Jörg Meuthen aus der AfD ausgetreten. Nun hat der frühere Parteichef eine neue politische Heimat gefunden – in der christlichen Zentrumspartei.
Ex-AfD-Chef Jörg Meuthen mit Mitgliedsausweis der Zentrumspartei

Ex-AfD-Chef Jörg Meuthen mit Mitgliedsausweis der Zentrumspartei

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Kurz vor seinem Auftritt sitzt Jörg Meuthen an einem Tisch im Foyer der Bundespressekonferenz. Bei ihm sind der Vorsitzende der »Deutschen Zentrumspartei« und ihr Schatzmeister. Seine neuen politischen Weggefährten.

Vierzehn Monate ist es her, da sprach Meuthen noch in Dresden auf dem AfD-Bundesparteitag, als Co-Bundesvorsitzender, rund 570 Delegierte hörten ihm zu. Nun sitzt er hier als Mitglied einer Kleinstpartei. Die hat, wie Schatzmeister Hans-Joachim Woitzik später etwas umständlich mitteilt, gerade mal die Zahl von »500 Mitgliedern überschritten«. Zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr wurde sie noch nicht einmal zugelassen, weil sie sechs Jahre lang keinen Rechenschaftsbericht eingereicht hatte, der den gesetzlichen Anforderungen genügte.

Der politische Abstieg ist oft ein schmerzhafter Prozess, doch Meuthen lässt sich an diesem Freitag in Berlin äußerlich nichts anmerken, er wirkt aufgekratzt und munter. Seine neue Partei hat hier zur Pressekonferenz geladen, vor deren Beginn hält er eine Plastikkarte hoch: den neuen Mitgliedsausweis. Dann wird er schnell pathetisch: »Mit Freude im Herzen, großer Zuversicht und voller neuem Tatendrang«, sagt er, gebe er seinen Beitritt bekannt.

So geht es in einem fort. Die Zentrumspartei sei die »vernünftige politische Gemeinschaft, die ich immer gesucht habe«, behauptet er. Dann folgt eine Aufzählung aus dem Wörterbuch der politischen Phraseologie: Die Partei stehe dort, wo auch er sich sehe, sei »konservativ, aber nicht reaktionär, freiheitlich, aber nicht beliebig, patriotisch, aber nicht nationalistisch« und schließlich »sozial, aber nicht sozialistisch«.

Abschied aus der AfD

Viereinhalb Monate war Meuthen ohne Partei, seitdem er im Frühjahr aus der AfD ausgetreten war, nach einem langen Machtkampf gegen die äußersten rechten Kräfte in der Partei. Vorher hatte er sich lange auch auf die Rechtsaußen gestützt, oft laviert, viele in der Partei hielten ihn für einen Opportunisten. Dann sorgte er im Mai 2020 im AfD-Bundesvorstand dafür, dass der Rechtsextremist Andreas Kalbitz, ein enger Mitstreiter von Björn Höcke, seine Parteimitgliedschaft verlor. Am Ende war Meuthen ein einsamer Mann in der AfD, ein Gescheiterter wie einst vor ihm die AfD-Chefs Bernd Lucke und Frauke Petry, die wie er die Partei verließen.

Nun also soll es die Zentrumspartei sein, ein Relikt aus alten Zeiten, 152 Jahre alt. Einst war sie die Sammelpartei für die Katholiken im Kaiserreich, später lange Zeit eine Stütze in der Weimarer Republik, nach 1945 verlor die Partei ihre Bedeutung, nicht zuletzt durch die Gründung der CDU.

Meuthen (Mitte) im Foyer der Bundespressekonferenz in Berlin mit den »Zentrums«-Vorsitzenden Christian Otte (links) und dem Schatzmeister Hans-Joachim Woitzik

Meuthen (Mitte) im Foyer der Bundespressekonferenz in Berlin mit den »Zentrums«-Vorsitzenden Christian Otte (links) und dem Schatzmeister Hans-Joachim Woitzik

Foto: IMAGO/M. Popow / IMAGO/Metodi Popow

Seit Januar stellt die Partei zum ersten Mal seit 1957 wieder einen Abgeordneten im Bundestag, Uwe Witt. Auch er war, wie Meuthen, als früheres AfD-Mitglied in das »Zentrum« eingetreten. Witt im Bundestag, Meuthen nun als Europaabgeordneter in Brüssel – das werde zu einem »ganz besonderen Jahr für die Zentrumspartei«, freut sich deren Bundesvorsitzender Christian Otte – und fügt vorsorglich hinzu: Eine »AfD 2.0« wolle man nicht werden. Das, sagt Meuthen, werde er auch nicht zulassen. Doch von einer Massenwanderung früherer AfDler zu ihrer Partei, davon gehen Meuthen und Otte auch nicht aus.

Karriere in der Kleinstpartei?

Otte ist erst seit April Bundesvorsitzender. Auf Nachfragen, ob Meuthen seinen Posten irgendwann übernehmen könnte, lachen beide und schmunzeln sich zu. Otte sagt, dass er »ganz gerne Bundesvorsitzender« sei – doch er hänge nicht mit »Zähnen und Klauen« an seinem Posten. So wie er das sagt, klingt es ganz danach, als könnte das einfache Mitglied Meuthen in seiner Kleinstpartei irgendwann doch noch Karriere machen. Dass sie nur in wenigen kommunalen Parlamenten in NRW und Niedersachsen vertreten ist, lächelt Meuthen einfach weg. »Der Mensch wächst an der Größe seiner Aufgaben, das ist bei Parteien nicht anders«, sagt er.

Viel wurde gerätselt in den vergangenen Monaten, wohin es Meuthen treiben würde. Zurück als Volkswirtschaftsprofessor an seine frühere Hochschule in Baden-Württemberg? Diesen Gedanken habe er »auch mal gehabt«, aber dann nie ernsthaft erwogen, denn er habe »richtig Lust, Politik weiterzumachen«.

»Mir ist es völlig egal, mit wem sie an der Spitze ihren Weg in die Versenkung fortsetzen.«

Ex-AfD-Chef Jörg Meuthen über seine frühere Partei

Warum er keine neue Partei gegründet habe wie einst die früheren AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke und Frauke Petry? Die seien ja bekanntlich »beide damit krachend gescheitert«. Dass Meuthen nun ausgerechnet bei einer christlich fundierten Partei landet, ist überraschend, weil er als AfD-Chef nicht durch besondere Nähe zum christlichen Glauben aufgefallen war. Nun sagt er in Berlin, er gehöre zwar der katholischen Kirche an, in der er »einiges kritisch sehe« – Politik und »eigene Religiosität« solle man aber voneinander getrennt halten.

Der »Niedergang« der AfD

Sechseinhalb Jahre lang stand er als einer der Vorsitzenden an der Spitze der AfD. Nun sagt er, es sei ihm nicht gelungen, die Partei auf einen »vernünftigen, bürgerlich-konservativen Kurs zu bringen«. Sein Austritt sei für ihn »in jeder Hinsicht, persönlich und politisch ein Neuanfang« gewesen.

Ende kommender Woche wählt die AfD im sächsischen Riesa auf ihrem Bundesparteitag eine neue Führung. Tino Chrupalla, einst Meuthens Co-Chef, wird wieder antreten, der Rechtsextremist Björn Höcke scheint bislang vor einer Kandidatur zurückzuschrecken. Die AfD, sagt Meuthen, habe doch allenfalls noch im Osten »eine Chance als Regionalpartei«, ansonsten befinde sie sich »im Niedergang«. Ihm sei es »völlig egal, mit wem sie an der Spitze ihren Weg in die Versenkung fortsetzen«.

Mit dem »Zentrum« zielt er nun auf Nichtwähler, enttäuschte Anhänger vor allem von Union und SPD. Man wolle in die Parlamente, bei der Landtagswahl in Niedersachsen im Oktober auch ein »erstes Ausrufezeichen« setzen, sagt Meuthen.

Es gibt nur ein Problem: Die Partei muss erst noch die Hürde zur Wahlzulassung überspringen. Aber auch da gibt sich Meuthen an diesem Tag optimistisch. Das sehe »sehr, sehr gut aus«.

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