Jörg Schönbohm Die Rückhand des Kanoniers

Mit einem listigen Manöver in der Provinz kämpft Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm um seinen Traum, Verteidigungsminister in Berlin zu werden. Der General steht vor seiner vermutlich letzten, großen Schlacht.

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Potsdam/Berlin - Im Leben eines Politikers liegen Sieg und Niederlage manchmal dicht beieinander. Da ist Jörg Schönbohm, der Gewinner: In weißem Sportdress hechtet er über den Ascheplatz seines Tennisclubs Blau-Weiss, der Himmel über Berlin-Schmargendorf strahlt in den Vereinsfarben, und Schönbohm, der gelernte Artillerist, belegt seinen Gegner genüsslich mit einem Bombardement aus gelben Filzbällen.

Schönbohm: Offene Flanken
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Schönbohm: Offene Flanken

Den "Kanonier" nennen sie ihn hier - wegen seiner vernichtenden Vorhand. Aber es gibt auch den Verlierer Jörg Schönbohm. Angeschlagen sitzt er am vergangenen Dienstag im Konferenzzimmer Nummer 334 des Potsdamer Landtags und ringt um sanfte Worte für eine brutale Zahl: Nur 20,6 Prozent hat die märkische Union bei der Bundestagswahl geholt - das schlechteste Ergebnis aller Landesverbände, zum zweiten Mal in Folge. So etwas schafft offene Flanken.

Mit einwöchiger Verspätung bemüht sich deshalb Brandenburgs Innenminister vor der Fraktion um parteiinterne Schadensbegrenzung. Aber die Rückhand war noch nie seine Stärke. Ausgerechnet in den demokratischen Chaos-Tagen von Berlin wirkt Schönbohm, 68, ziemlich kampfesmüde. Dabei bedeuten die Nachwahl-Wirren einen Wendepunkt in der wechselhaften Karriere des überzeugten Soldaten, der den zackigen Jargon des Kommandostands nie wirklich ablegen konnte.

Die nächsten Wochen werden entscheiden, ob sich sein laut geträumter Traum, Verteidigungsminister in einer unionsgeführten Bundesregierung zu werden, tatsächlich noch erfüllt - kurz vor der Bundestagswahl hatte er die Ostdeutschen bezichtigt, "proletarisiert" zu sein. Oder ob seine politischen Spuren nach der verhängnisvollen Schelte allmählich im märkischen Sand verwehen.

Der General steht vor seiner vermutlich letzten, großen Schlacht. Die Frontlinie verläuft dabei so unübersichtlich, dass sich Stratege Schönbohm entschlossen hat, sein letztes Gefecht um Berlin in der Provinz auszutragen. Also übt sich der Truppenführer morgens im brandenburgischen CDU-Landesverband in der Rolle eines Selbstverteidigungsministers - um sich dann am Nachmittag in einem Berliner Fernsehstudio Angela Merkel als erfahrener Großkoalitionär und überzeugter Konservativer anzupreisen.

Schönbohm habe dem "Wahlkampf massiv und irreparabel geschadet", hatte daheim etwa der Strausberger Ortsverbandschef Thomas Frenzel gepoltert und die bedingungslose Kapitulation des Vorsitzenden gefordert - weil der als Wessi die ehemaligen DDR-Bürger noch immer nicht verstehe. Weitere Parteigänger, darunter Ex-Justizministerin Barbara Richstein und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka, verweigerten den Gehorsam.

Besänftigung im Finale

Ex-General Schönbohm: Oft übers Ziel hinausgeschossen
DPA

Ex-General Schönbohm: Oft übers Ziel hinausgeschossen

Die anhaltenden Querschläger ließen beim Chef, nach sechs scharmützelreichen Jahren im Landesverband sichtlich genervt, erstmals Rückzugsbewegungen erkennen: Falls Schönbohm nicht Verteidigungsminister wird, so sein vorläufiger Abmarschplan, soll Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns im Frühjahr 2006 den Landesvorsitz übernehmen.

Junghanns, 49, erlernte einst die Berufe des Pferdewirts und des Staatswissenschaftlers und könnte der märkischen Union das bieten, was sie an ihrem West-General immer vermisst hat: einen auf Harmonie bedachten Ossi, der als früheres Mitglied einer DDR-Blockpartei mit der Kunst des Kompromisses bestens vertraut ist. Mit der frühzeitigen Nominierung des gemäßigten Nachfolgers versucht es Schönbohm, der Polarisierer, ausgerechnet im Finale mit Besänftigung. Je dichter er die Reihen seines Landesverbandes zu schließen vermag, so das Kalkül, desto größer werden seine durch eigenes Zutun inzwischen weitaus geringer gewordenen Chancen, doch noch von Angela Merkel an die Spitze des Verteidigungsministeriums berufen zu werden.

Der Konkurrenten-Kreis im eigenen Lager dürfte im Ernstfall klein ausfallen, das ist sicher ein taktischer Vorteil für den einstigen Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium. Doch da ist auch die Angst der Parteispitze, dass Kanonier Schönbohm auf seine alten Tage auch künftig gefährlich weit übers Ziel hinausschießt. Vor der Landtagswahl 2004 hatte er sich praktisch selbst zum zukünftigen Ministerpräsidenten ausgerufen - und dann deutlich gegen Amtsinhaber und Koalitionspartner Matthias Platzeck (SPD) verloren. Vor der Bundestagswahl kündigte er vollmundig ein Ergebnis von "25 Prozent plus x" an.

Doch dann wurde aus "plus x" ein "minus fünf" und damit ein Negativergebnis, das den Ab-wärtstrend der märkischen Union fortsetzt. Dazu verfügt der "rechte Sponti" (Schönbohm über Schönbohm) über einen Wesenszug, der Pressesprechern mitunter den Angstschweiß auf die Stirn treibt: Der Mann sagt offen, was er denkt - nicht nur über den politischen Gegner.

DER SPIEGEL
Mal ließ er sich den Vorwurf entlocken, Merkel laufe Gefahr, das "konservative Tafelsilber" zu verscheuern, mal warnte er sie vor einer Kurskorrektur im Unionsprogramm, "nur um dem Zeitgeist nachzujagen". Die Archive sind gut gefüllt mit solchen Zitaten, und diese alten Fehlschüsse des einstigen Feuerleitoffiziers gefährden nun den erträumten Abschluss in der Spätphase seiner politischen Karriere.

Für den Fall eines parteipolitischen Zapfenstreichs hat Schönbohm denn auch schon die Strategie ausgearbeitet - ganz im Stile eines preußischen Offiziers. "Einen Rücktritt", schnarrte er jüngst, "kündigt man nicht an - man vollzieht ihn."



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