John Kerry in Berlin Amerikas letzter Europa-Fan
US-Außenminister Kerry: Obamas zweite Wahl
Foto: Michael Reynolds/ dpaJohn Kerry ist seit 31 Jahren Politiker, viel länger aber schon ist er Nostalgiker. Der frischbestallte US-Außenminister hegt eine Schwäche für blumige Rhetorik, auch wenn er über Berlin spricht, dem er am Montag seinen Antrittsbesuch abstattet. Kerry schwärmt Reportern gerne vor, wie er als elf Jahre alter Junge - sein Vater arbeitete als Diplomat im Nachkriegsdeutschland - von zu Hause ausbüxte, um allein über den Kurfürstendamm zu radeln oder zum Brandenburger Tor.
Es klingt, als ob der Minister in das Berlin seiner Kindheit zurückkehren möchte, als die Völker der Welt auf diese Stadt schauten und Deutschland zu Amerikas wichtigsten Verbündeten im Kalten Krieg gehörte. Auch für seine Amtsführung misst Kerry sich an historischen Vorbildern jener Ära, erklären Vertraute, an Henry Kissinger oder George Marshall, dem Vater des Marshall-Plans. Kerry wolle ebenfalls außenpolitische Visionen entwickeln, lassen seine Berater in Interviews wissen, auch im Verhältnis zu Europa.
Prompt verfallen auch manche Transatlantiker in Nostalgie. Sie werten Kerrys Reiseroute - anders als bei seiner Vorgängerin Hillary Clinton führt ihn sein erste Auslandsvisite nach Europa - als Punktsieg im ewigem Ringen mit Asien um Amerikas Gunst. Doch solche Hoffnungen sind nicht bloß nostalgisch, sie sind phantastisch. Das geteilte Berlin von Kerrys Jugend existiert nur noch in Geschichtsbüchern, das ist die gute Nachricht. Die Vereinigten Staaten aber blicken auch nicht mehr nach Berlin, und daran wird der Nostalgiker Kerry wenig ändern, das ist die schlechte Nachricht.
Obama ist der ultimative Pragmatiker in Sachen Diplomatie
Denn Kerry hat einen Vorgesetzten, Präsident Barack Obama. Dieser ist vielleicht der erste genuine "Nichteuropäer" im Weißen Haus. Unbelastet von Erinnerungen an den Kalten Krieg, nutzte Obama Berlin 2008 als Wahlkampfkulisse, seitdem ließ er sich dort nicht mehr blicken.
Als es voriges Jahr um seine Wiederwahl ging, schreckte der Präsident vor Europaschelte nicht zurück. Ein geplantes Freihandelsabkommen mit der EU unterstützte Obama so halbherzig, dass der Satz dazu in seine Rede zur Lage der Nation Ende Januar im letzten Moment eingefügt wurde - und erst nach Ausführungen zum transpazifischen Handelsabkommen.
Vor allem aber ist Kerrys Boss, der vermeintlich visionäre Friedensnobelpreisträger Obama, der ultimative Pragmatiker in Sachen Diplomatie. Vali Nasr, einflussreicher Washingtoner Politikprofessor, hat in einem Buch gerade das böse Urteil gefällt, Obamas Außenpolitik richte sich nicht nach strategischen Überlegungen, sondern folge allein Amerikas öffentlicher Meinung.
Der Wunsch der Bürger ist klar: Sie wollen lieber die USA wieder aufbauen als den Rest der Welt. Amerika blickt nach innen statt außen, es will künftig eher aus dem Hintergrund agieren als vorneweg marschieren, wie in Mali oder Syrien zu besichtigen. Wichtiger als transatlantische Nostalgie ist in Washington mittlerweile der kühle Nutzen jeder diplomatischen Transaktion.
Kann Kerry, der Nostalgiker, daran etwas ändern? Nein, aus zwei Gründen. Ein Außenminister hat im amerikanischen System traditionell wenig zu sagen. Amerika leistet sich mehr Militär-Marschmusikanten als Diplomaten. Gewinnen kann ein Amtsinhaber nur durch Zugang zum Ohr des Präsidenten. Aber eine kleine Gruppe enger Vertrauter prägt Obamas Außenpolitik, zu der selbst Superstar Clinton keinen Zugang fand. "Es ist unglaublich, wie wenig Unterstützung sie vom Weißen Haus bekam", vertraute Ex-Generalstabschef Mike Mullen der "New York Times" an. Kerry aber war nicht einmal Obamas erste Wahl, eigentlich sollte Uno-Botschafterin Susan Rice das Außenministerium führen, bis ein Skandal um getötete US-Diplomaten in Libyen sie einholte.
Zweitens aber gibt es aus Obamas Sicht keine Alternative zu Amerikas neuer Zurückhaltung. Amerikaner möchten nicht mehr die "unersetzliche Nation" sein, von der Madeleine Albright einst sprach. Selbst wenn sie es wieder wollten, blickten sie kaum gen Europa, rief der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark gerade deutschen Zuhörern ins Gedächtnis. Oder sie tun es eben nur , wenn sich Kooperation in barer Münze auszahlt, wie beim geplanten Freihandelsabkommen.
Es passt durchaus zur aktuellen Verfassung der Vereinigten Staaten, dass die heftigsten transatlantischen Debatten der zweiten Obama-Amtszeit um Vorschriften zur Geflügelzubereitung oder Medikamentenstandards kreisen könnten, nicht um die Zukunft des Westens. Amerikas Chef-Außenpolitiker muss derzeit eher ein Handelsbeauftragter sein als ein Globalstratege à la Kissinger oder Marshall.
Jetzt muss das nur noch jemand John Kerry erklären.