Joschka Fischers Buchvorstellung "Eine Abrechnung sieht anders aus"

Der selbsternannte letzte Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik hat heute sein erstes Soloalbum vorgestellt: Die Memoiren seiner Außenminister-Jahre, Band eins. Joschka Fischer genießt seine neue Rolle als unabhängiger Großkommentator und Elder Statesman.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Ja, es gibt da etwas, gibt Joschka Fischer zu. Eine Sache hätte er im Nachhinein gerne anders gemacht. Und zwar war das im Februar 1997 - also noch vor dem Regierungsantritt von Rot-Grün.

Leser und Autor Fischer: "So, wie ich es erlebt habe"
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Leser und Autor Fischer: "So, wie ich es erlebt habe"

Damals hatte Fischer gemeinsam mit dem späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder dem "stern" ein Doppelinterview gegeben. "In einer rot-grünen Konstellation muss klar sein: Der Größere ist Koch, der Kleinere Kellner", hatte Schröder da gepoltert - und damit ein Bonmot kreiert, das jahrelang zitiert wurde.

Fischer war damals keine bessere Antwort als "Völliger Quatsch" eingefallen. Heute jedoch, erzählt der sichtlich gut gelaunte Ex-Außenminister, da wüsste er eine treffende Entgegnung. Denn erst gestern habe er mit Schröder zusammengesessen und von ihm persönlich erfahren, dass der Niedersachse gar nicht kochen kann. "Das hätte der Konter sein müssen", flachst Fischer.

Diese Episode ist ein Beispiel für den versöhnlichen, fast milden Blick zurück auf die ersten drei von sieben Jahren rot-grüner Regierungszeit, den Fischer heute zusammen mit dem ersten Teil seiner Memoiren präsentierte. Am Ende ließ er sich sogar zu der Aussage hinreißen, es sei "eine Freude gewesen, für Gerhard Schröder zu kellnern - zumindest, solange das Zeug nicht angebrannt aus der Küche kam."

Zwischen Ernst und Klamauk

Also alles ganz prima, solange nur Joschka und Gerd die Republik steuerten?

Nein, ganz so einfach macht auch der Sprücheklopfer Fischer es sich nicht. Das Buch, das er am Berliner Gendarmenmarkt unter reger Anteilnahme der Hauptstadtpresse vorstellte, habe "den Anspruch, möglich objektiv zu berichten", teilte er mit, "so, wie ich es erlebt habe". Es sei weder eine Abrechnung ("Darunter verstehe ich etwas ganz anderes"), noch Schönfärberei. Sondern ein Versuch, Akteure und ihre Rollen zu beschreiben und zugleich zu analysieren, was die Grundprobleme der deutschen Außenpolitik "vom Kosovo bis zum 11. September" gewesen sind, wie der Untertitel des Werkes es verheißt.

Und so lieferte Fischer denn auch gleich eine historische Dimension mit, innerhalb derer er sein Walten und Schalten an den Hebeln der Macht darstellt: Der Kosovokrieg habe klargemacht, dass Rot-Grün nicht, wie eigentlich gewollt, Außenpolitik in der Kontinuität von Kohl und Genscher treiben konnte. Mit den Konflikten auf dem Balkan sei das Ende der "neuen Nachkriegszeit" eingeläutet worden, die 1989 begonnen habe. Die Anschläge vom 11. September 2001 und ihre Folgen hätten dann endgültig klar gemacht, dass Außenpolitik eine neue Folie braucht. Fischer, das Weltgeist-Medium: Kein Wunder, dass er die Schröder-Memoiren als "dünne Suppe" bezeichnet haben soll.

Mühelos changiert Fischer in dieser Weise über eine Stunde lang zwischen Klamauk und ernstester Weltpolitik.

Nur eines gelingt den Journalisten mit ihren Fragen nicht: Den Choleriker zu provozieren. Den neuen Joschka, von den Versuchungen der Macht entwöhnt, lässt nichts mehr aus der Haut fahren. Er lächelt, wenn er gepiekst wird. Ist sehr, sehr freundlich. Lässt Fragesteller (meistens) sogar aussprechen.

Dieser neue Joschka, der sich heute gewissermaßen gleich mit vorstellte, ist eben ein mit allen Wassern gewaschener Elder Statesman. Er mag nicht einmal verraten, worauf er selbst in seiner Außenminister-Bilanz am stolzesten ist. Es sollen dereinst die Historiker klären, wo seine Verdienste lagen - so, wie es sich für einen großen Mann geziemt.

Lieber berichtet er, wie er über sein Auslandsjahr in den USA erst recht zum Europäer wurde. Er kündigt eine regelmäßige Kolumne an, spricht von Vorträgen, die er halten will, vom Schreiben neuer Bücher ("Ich werde mich nächste Woche an den Zwilling dieses Buches machen").

Er droht sogar den ihm in Hassliebe verbundenen Journalisten, künftig "näher auf den Pelz zu rücken". Wenn nicht alles täuscht, dann wird Fischer bald schon wieder präsenter sein als in den vergangenen beiden Jahren nach Niederlegung seines Amtes und seines Bundestagsmandats. Es scheint, als freue er sich auf all das.

Die Agenturen melden wieder jeden seiner Kommentare

"Es ist nicht mein Sinnen und Trachten, auf aktuelle Politik Einfluss zu nehmen", behauptet er freilich zugleich. Zu ein paar aktuellen Debatten nimmt er sicherheitshalber doch noch Stellung.

Über die tosende Auseinandersetzung um das Hartz-IV-Erbe etwa, die Grüne wie SPD derzeit gleichermaßen beschäftigt, sagt Fischer, man könne zumindest bei seiner Partei nicht von einer Abkehr sprechen: "Diese Debatte gab es von Anfang an. Wir hatten immer einige Punkte, die wir gerne anders gehabt hätten. Aber Abrücken würde bedeuten, wenn man zum alten System zurückkehren wollte."

Beim Blick auf Afghanistan, wo seine eigene Partei gerade ihren Abgeordneten die Ablehnung des zusammengelegten Isaf- und Tornado-Mandats empfohlen hat, lässt sich eine tiefe Kluft erahnen. Denn Fischer geht noch viel weiter als der realpolitischste Realo der Grünen, wenn er sagt: Deutschland hätte sich im heißen Krieg im Süden engagieren müssen, denn nur dann hätte die Bundesrepublik auch Einflussmöglichkeiten.

Man darf vermuten, dass es Fischer immer noch freut, wenn die Nachrichtenagenturen all das gleich auf die Drähte geben. Fischer hat sich selbst zu seinem Abschied den letzten Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik genannt. Jetzt hat er ein Soloalbum veröffentlicht - und das soll natürlich auch einschlagen.



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