Jan Fleischhauer

Koalitionsjournalismus Keine weiteren Fragen bitte

Die Große Koalition hat auch im deutschen Journalismus tiefe Spuren hinterlassen: Wer spitz nachfragt, gilt mittlerweile als gefährlicher Ruhestörer.
Claus Strunz

Claus Strunz

Foto: Herby Sachs/ AP

Der gefährlichste Journalist Deutschlands trägt gerne offene Hemden, daran kann nicht einmal eine Begegnung mit der Bundeskanzlerin etwas ändern. Er pflegt eine Sprache, die auch Menschen verstehen, die nicht über ein Abitur verfügen. Seine Themen sind die Themen, über die Leute reden, wenn sie beim Abendbrot sitzen und keine Sorge haben müssen, dass man ihnen aus ihren Äußerungen einen Strick dreht: Warum steigt die Zahl der Einbrüche? Kann man nach Einbruch der Dunkelheit noch unbesorgt die U-Bahn nehmen? Warum ist es so schwer, Menschen, die kein Recht haben, sich in Deutschland aufzuhalten, in ihre Heimat zurückzuschicken?

Bis zum vergangenen Sonntag war Claus Strunz der Mann, der bei Sat.1 die "Akte" moderiert. Seit seinem Auftritt als einer der Gastgeber des sogenannten TV-Duells ist er der Journalist, der die Sprache aus Freital und Heidenau im Fernsehen salonfähig gemacht hat. Schon die Eingangsfrage an die Kanzlerin, ob sie sich für den Einzug einer rechten Partei in den Bundestag verantwortlich fühle, zog den Unwillen der Beobachter auf sich. Als Strunz dann noch ein Zitat missverständlich wiedergab und sich erdreistete, auf die Zahl der ausreisepflichtigen Ausländer hinzuweisen ("wann sind die weg?"), entlud sich über ihm das Empörungsgewitter.

Als Populist, Gauland-Ersatz und AfD-Schranze wurde Strunz beschimpft. Der Chefredakteur des "Freitag", Christian Füller, fühlte sich an Adolf Eichmann erinnert, "den Transportmeister der Vernichtung, der es so perfekt hinbekam, Menschen zu deportieren". Der Mediendienst "Meedia" machte den Sat.1-Moderator für den Vertrauensverlust in den Journalismus insgesamt verantwortlich. Sein "unsauberes Verhalten" im TV-Duell erschüttere die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche. Wenn sich jetzt die Leser und Zuschauer abwenden würden, die den Medien bislang noch trauten, dann wegen Medienvertretern wie Strunz.

Die Große Koalition hat ihre Spuren hinterlassen, und zwar weit ins journalistische Lager hinein, anders kann man es nicht sagen. Seit Wochen wird in Kommentaren darüber Klage geführt, wie langweilig und vorhersehbar der Wahlkampf sei. Aber wenn dann mal ein wenig Leben in die Bude kommt, weil einer die Kanzlerin mit kritischen Fragen zu ihrer Flüchtlingspolitik piesackt, ist es auch wieder nicht recht. Dann heißt es, die AfD habe die Regie übernommen.

Wahrscheinlich meinen die Leute, die mehr Wahlkampf anmahnen, man müsste Merkel stärker von links kritisieren. Wahlkampf wäre demnach, wenn man ihr vorhielte, dass sie die Rente mit 70 nicht noch entschiedener bekämpft, den Mindestlohn nicht noch mehr erhöht, den Ausstieg aus dem klassischen Automobilbau nicht noch früher beschließt. Das Blöde am Wahlkampf ist, dass gelegentlich auch Themen zur Sprache kommen, die diejenigen Wähler umtreiben, die nicht auf Anhieb den Vorteil eines rot-grünen Bündnisses zu erkennen vermögen.

Der Wahlsonntag könnte für eine Überraschung sorgen

Strunz mag sich etwas ungeschickt ausgedrückt haben, aber die Fragen, die er am Sonntag an die beiden Bewerber für das Kanzleramt hatte, sind Fragen, die sich viele Menschen in Deutschland stellen. Es sind vielleicht nicht die Menschen, die an Redaktionssitzungen teilnehmen. Aber schon eine Etage tiefer, beim Personal in der Kantine, ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, dass es leichter ist, ohne Pass nach Deutschland einzureisen, als Deutschland ohne Pass wieder zu verlassen. Dass von den 226.000 Personen, die eigentlich ausreisen müssten, 160.000 eine sogenannte "Duldung" besitzen, macht die Sache aus Sicht vieler Wähler nicht besser.

Ich wage an dieser Stelle eine Prognose. Dass Angela Merkel die Wahl gewinnen wird, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Ich habe nie verstanden, was die SPD der Kanzlerin vorwirft. Die SPD selber auch nicht, wie man seit diesem Sonntag weiß. Dennoch könnte der Wahlsonntag für eine Überraschung sorgen. Die offene Frage ist nicht, ob die CDU stärkste Partei wird oder die SPD zur CDU aufschließen kann - die interessante Frage wird sein, wie AfD und FDP abschneiden. Mein Gefühl sagt mir, dass beide Parteien stärker sind, als es die Umfragen derzeit abbilden.

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Angela Merkel vs. Martin Schulz: Dröges Duell

Foto: Herby Sachs/ dpa

Was soll jemand wählen, der sich wieder eine Opposition im Deutschen Bundestag wünscht? Das ist für viele Menschen eine Frage, die sich nach dem TV-Duell umso dringlicher stellt. Wenn es noch eines Grunds bedurft hätte, ein Ende der Koalition der Willigen zu wünschen, dann lieferte ihn der Sonntag. Nach Lage der Dinge bieten sich mit AfD und FDP eine anständige und eine unanständige Alternative an. Ich bin aus dem Alter raus, indem man das Antibürgerliche für einen Wert an sich hält, also werde ich mein Kreuz bei der FDP machen.

Wenn es einen Journalisten gibt, dem man vorwerfen kann, dem Ansehen des Journalismus Schaden zugefügt zu haben, dann ist es der Chefredakteur des ZDF, Peter Frey. Über mehrere Stunden verhandelten die Abgesandten der Kanzlerin im Hauptstadtstudios des ZDF über den Ablauf des Duells. Zähneknirschend habe man sich den Wünschen aus dem Kanzleramt gefügt, hieß es anschließend aus den Sendeanstalten, da Merkels Leute damit gedroht hätten, dass die Kanzlerin andernfalls nicht teilnehmen werde.

Es wird Zeit, die Große Koalition zu beenden

Wenn Frey und sein ARD-Kollege Rainald Becker Journalisten wären und nicht Journalismusverwalter, dann hätten sie Folgendes gesagt: "Wir werden am Sonntag zwei Stühle im Studio haben, und zwar einen für die Kanzlerin und einen für Herrn Schulz. Wenn sich die Kanzlerin entschließt, nicht teilnehmen zu wollen, bleibt ihr Stuhl frei. Dann werden wir uns eben 90 Minuten mit Herrn Schulz beschäftigen."

Wie gesagt, das hätte ein Chefredakteur gesagt, der nicht in der Angst lebt, dass ihn die Politik bei der nächsten Verhandlung über eine Gebührenerhöhung für seine Unbotmäßigkeit bestraft. Der letzte ZDF-Chefredakteur, der sich als ziemlich furchtlos erwiesen hat, hieß Nikolaus Brender. Den hat die CDU auf dem Gewissen, obwohl Brender nicht als SPD-Mann galt. Frey steht der SPD nahe, was aber unter den Bedingungen der Großen Koalition nicht viel heißt, wie man sieht.

Es wird Zeit, die Große Koalition zu beenden.