Christoph Giesa

Juden in Deutschland Der alltägliche Hass im Klassenzimmer

Christoph Giesa
Ein Gastbeitrag von Christoph Giesa
Wer mit Schülern über Juden spricht, erlebt Schockierendes. Doch viele Lehrer leugnen das Problem. Das liegt auch an der Art und Weise, wie wir in Deutschland über Antisemitismus debattieren.
Jungen mit Kippa in Hamburg

Jungen mit Kippa in Hamburg

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Daniel Bockwoldt/DPA

Es war genau drei Tage nach Eröffnung der Documenta 15, nicht weit von Kassel entfernt, als es wieder einmal geschah. Nach einer Veranstaltung zu modernen Formen des Antisemitismus, die ich gemeinsam mit dem jüdischen Rapper Ben Salomo an Schulen regelmäßig anbiete, kam ein Mädchen auf uns zu, die sich als Jüdin zu erkennen gab. Unter Tränen berichtete sie, wie es ihr als einzig offen jüdischem Kind an ihrer Schule ergeht. Mobbing durch Mitschüler sei an der Tagesordnung. Dabei gehe es nicht um den Holocaust, sondern um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Wie die anwesende Lehrerin bestätigte, sieht ein Teil der Lehrerschaft dieses Mobbing aber nicht als großes Problem und tut auch nichts dagegen.

Der Fall ist einer unter vielen. Er ist ein Ergebnis der Art und Weise, wie in Deutschland mit Antisemitismus umgegangen wird – und wie über Antisemitismus in der deutschen Öffentlichkeit debattiert wird. Die Mobber sind häufig Jugendliche mit arabischer Migrationsgeschichte. Religion kann dabei eine Rolle spielen, muss aber nicht. Schülerinnen und Schüler, die sich ansonsten gegen Ungerechtigkeit und Rassismus engagieren, schauen weg, wenn es um israelbezogenen Antisemitismus geht. Diversity, das merken wir immer wieder, kommt gut ohne den jüdischen Farbklecks aus. Gedeckt wird das Ganze von Lehrerinnen und Lehrern, die sich selbst wohl als links oder linksliberal bezeichnen würden, die das »Nie wieder!« im Geschichtsunterricht und bei der Begegnung mit Überlebenden des Holocausts nicht müde werden zu betonen.

Doch wenn deutsche Jüdinnen und Juden in deutschen Schulen angegriffen werden, die Begründung aber im Konflikt im Nahen Osten liegt, tut man sich schwer, dagegen vorzugehen. Weil man es häufig nicht als Antisemitismus erkennt. Aber auch, weil das Juste Milieu, aus dem sich die Lehrerschaft zu nicht geringem Anteil rekrutiert, ein Herz für die »palästinensische Sache« hat. Das ist an sich nicht verwerflich, führt aber in Kombination mit oberflächlichem Wissen nicht selten dazu, dass man sich schwertut, zwischen legitimen Anliegen und Propaganda zu unterscheiden.

Ins Recht gesetzt fühlen sich diese Lehrkräfte durch genau die Art von Debatten, wie wir sie um antisemitische Kunstwerke und Künstlergruppen auf der Documenta erleben. Die Schriftstellerin Eva Menasse schrieb vor wenigen Tagen  etwa, sie habe »keine Angst vor zwanzig Jahren alten antisemitischen Karikaturen aus Indonesien, auch nicht vor denen, die sie gewebt oder gemalt haben.« Vielmehr habe sie Angst »vor den Leuten, die Walter Lübcke auf seiner Veranda erschießen oder versuchen, mit einer Maschinenpistole in eine voll besetzte Synagoge einzudringen.« Wer möchte da nicht zunächst einmal nicken?

Doch was klug klingt, ist in diesem Fall die Beschreibung einer gefährlichen Leerstelle. Man sieht eben nur, was im Licht steht: Menasse und viele andere, die in den letzten Jahrzehnten umfassend über den deutschen Antisemitismus der Vergangenheit publiziert haben, wissen von der Realität jungen jüdischen Lebens vermutlich wenig. Das muss sich ändern. Die im Schatten müssen wir sehen. Denn sie werden zwar in der Regel nicht mit dem Leben bedroht, müssen aber jeden Tag mit körperlichen und psychischen Übergriffen rechnen. Nicht in den Hinterhöfen einzelner sogenannter Problemviertel, sondern dort, wo derlei am allerwenigsten zu suchen hat: in den Schulen unseres Landes.

Was haben wir nicht alles erlebt in den letzten Jahren? Immer wieder syrische Flüchtlingskinder, die ihren Hass auf Juden ausdrückten und formulierten, was für sie nicht verhandelbar sei: die Vernichtung Israels. Kids mit Wurzeln im Libanon, die die nicht nur in Deutschland verbotene islamistische Terrororganisation Hisbollah als »Freiheitskämpfer« bezeichneten – und dafür Unterstützung von Mitschülern und Lehrern bekamen. Die Verharmlosung und teils Glorifizierung des Holocausts, Hitlers und der SS – von Schülerinnen und Schülern mit arabischer Migrationsgeschichte. Hetzvideos, die uns eine Schülerin zeigte, die sie von ihren Eltern zugeschickt bekommen hatte, in denen zum Mord an Juden aufgerufen wurde.

Bei etwa einem Fünftel unserer Veranstaltungen hören wir von solchen Vorfällen. Das Nichtwissen – und vielleicht auch das Nichtwissenwollen – derjenigen, die sich sonst für jede diskriminierte oder an den Rand gedrängte Gruppe der Welt einsetzen, ist eine Schande. So kann es nicht bleiben.

Was also tun? Ich war vor einigen Wochen im Rahmen einer Delegationsreise der Friedrich-Naumann-Stiftung zu den Themenfeldern Antisemitismus und Antirassismus in Israel. Aus einem Gespräch mit Ronit Heyd, der Direktorin des Zentrums für israelische und jüdische Identität am Shalom Hartman Institute, ist mir ein Satz in Erinnerung geblieben, der zunächst irritieren mag. »Wir müssen Kritik an der israelischen Politik möglich machen«, hatte sie formuliert und damit gemeint, dass es im vitalen Interesse eines liberalen und demokratischen Israels liegen muss, legitime Kritik an politischen Entscheidungen und Antisemitismus in der Debatte voneinander zu trennen. Während die eine Seite nämlich versucht, jede Kritik als Antisemitismus zu framen und damit Kritik an sich zu verunmöglichen, versucht die andere, Antisemitismus als vermeintlich legitime Kritik zu verkleiden. Beides ist für die Debatte schädlich und nutzt nur den Rändern.

Genau an diesem Punkt sind wir längst auch für die Antisemitismusdebatte in Deutschland angekommen. Ich halte überhaupt nichts vom Erstellen eines Antisemitismusrankings, wie man es in der deutschen Debatte immer wieder erlebt. Eher rechte Kreise zeigen dann mit den Fingern auf den »importierten Antisemitismus«, ein Begriff, der allein schon deshalb fehlleitet, weil viele derjenigen, die damit auffallen, in Deutschland geboren und aufgewachsen sind – und zumeist Deutsche sind. Eher linke Kreise sehen wiederum nur den rechten Antisemitismus und scheinen zu glauben, dass Angriffe aus anderen Milieus irgendwie mit Israel zu rechtfertigen seien. Eine Verständigung wird so unmöglich. In Abwandlung des Satzes von Ronit Heyd möchte ich daher formulieren: »Wir müssen eine umfassende Antisemitismuskritik möglich machen.« Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des eigenen Milieus. Das mag kurzfristig schmerzhaft sein, hilft langfristig aber allen. Außer den Radikalen, die kein Interesse an Verständigung haben.

Der Druck auf die politische Rechte, Antisemitismus und Rassismus in kirchlichen Kreisen, bei den Sicherheitsbehörden und im politischen Umfeld ins Visier zu nehmen, ist seit Jahren hoch. Und zwar zu Recht. Dasselbe muss auch für die politische Linke mit Blick auf den dort zu findenden Antisemitismus gelten. Dabei muss es weniger darum gehen, Positionen zum Nahostkonflikt anzupassen. Es gibt legitime Positionen, die eher in Richtung der offiziellen Linie Israels neigen, wie auch solche, die eher auf der Seite der Palästinensischen Autonomiebehörde sind. Wir werden diese Widersprüche nicht auflösen. Und ehrlicherweise müssen wir es auch nicht.

Was wir brauchen, ist die Fähigkeit der politischen Rechten, Antisemitismus aus den Reihen der Migrationsgesellschaft zu diskutieren, ohne gleich rassistische oder kulturrassistische Kategorien zu bemühen. Und wir brauchen die Fähigkeit der politischen Linken, Antisemitismus auch dann zu benennen, wenn er aus den eigenen Reihen oder von anderen marginalisierten Gruppen kommt, anstatt jeden, der sich dazu äußert, als Rassisten zu labeln. Was wir definitiv nicht brauchen sind Erklärungsansätze, warum Antisemitismus – zumal staatlich gefördert und prominent ausgestellt – im öffentlichen Raum nicht so schlimm ist, weil er von Künstlergruppen aus dem Globalen Süden kommt.

Deutschland muss sich nicht die toxischen Debatten der Welt ins Land holen. Wir haben genug damit zu tun, Schulen und öffentliche Räume wieder zum Schutzraum für jüdische Kinder und Jugendliche zu machen. Wenn uns das gelingt, hat das auch positive Auswirkungen auf alle anderen Gruppen. Und damit auf die liberale Demokratie an sich.

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