Wolf Wiedmann-Schmidt

Judenhass in Deutschland Der Antisemit ist immer der andere

Wolf Wiedmann-Schmidt
Ein Kommentar von Wolf Wiedmann-Schmidt
Es ist eine Tatsache, dass manchen Einwanderern der Hass auf Israel und »die Juden« anerzogen wurde. Aber so zu tun, als wäre der Antisemitismus vor allem ein »importiertes« Problem, verbietet sich im Land der NS-Mörder.
Verbrennung einer Israelflagge in Neukölln (Archivbild von 2017)

Verbrennung einer Israelflagge in Neukölln (Archivbild von 2017)

Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. / dpa

Deutschland hat ein Problem. Mit Antisemitismus. Und damit, wie die Debatte über Judenhass geführt wird.

Nach dem Anschlag von Halle, bei dem ein fanatischer deutscher Antisemit eine Synagoge mit 51 Gläubigen angriff, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, waren sich alle einig: Der Rechtsextremismus ist die größte Gefahr für das Land. »Wehret den Anfängen«, hieß es. »Nie wieder«.

Nach den Ausschreitungen der vergangenen Tage scheint all das schon wieder vergessen. Der Antisemitismus gilt jetzt als »importiertes« Problem, durch Muslime aus dem Nahen Osten.

Für Linke ein unangenehmes Problem

Tatsächlich gibt es unter Einwanderern Antisemitismus, die Bilder der Demos der vergangenen Tage sind ein erschreckendes Zeugnis davon. Allein die Tatsache, dass vermeintliche Kritiker der israelischen Politik nicht vor die Botschaft des Landes zogen, sondern vor Synagogen, zeigt ihren antisemitischen Charakter. Wer »beschießt Tel Aviv« ruft oder »Judensau«, wer Israelflaggen verbrennt oder Steine auf Synagogen und Polizisten wirft, sollte den wehrhaften Staat zu spüren bekommen – bis hin zu Ausweisungen, falls die Täter keine Deutschen sind.

Für viele, gerade Linke, ist die Benennung dieses Problems unbequem, zu groß ist die Angst, damit Rechtspopulisten in die Hände zu spielen. Aber deshalb zu schweigen, wäre Verrat an den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden.

Man muss Probleme ansprechen. Dazu gehört, dass vielen Geflüchteten aus dem Nahen Osten der Hass auf Israel und »die Juden« anerzogen wurde. Vor dem Bürgerkrieg, als man noch durch Syrien reisen konnte, liefen in Überlandbussen vor den Augen kleiner Kinder brutale Spielfilme, in denen der Bösewicht stets zu erkennen war: am Davidstern. Wer unter einer solchen Propaganda aufwächst, überwindet seine Ressentiments nicht so einfach.

Es gibt leider kaum belastbare Untersuchungen, aber die Studien, die es gibt, legen nahe: Aussagen wie »Juden kontrollieren die Welt mit ihrem Geld« sind etwa unter syrischen und irakischen Flüchtlingen keine Seltenheit. Diese Einstellung muss bekämpft werden – mit Bildung, Integrationsprogrammen und interkulturellen Projekten mit Muslimen, Juden, Christen und Atheisten. Und, wenn es sein muss, auch mit repressiven Mitteln.

Was aber nicht geht, schon gar nicht im Land der NS-Massenmörder: So zu tun, als wäre der Antisemitismus nur oder vor allem das Problem der anderen. Das ist ein erbärmlicher Versuch der Schuldentlastung.

Die Schamlosigkeit der AfD

Schon der Begriff »importierter« Antisemitismus ist problematisch. Zum einen wird damit ein Wort aus der Welt der Waren auf Menschen übertragen. Zum anderen schwingt dabei mit, jemand habe aktiv ein Problem nach Deutschland geholt. Dieser unterschwellige Vorwurf scheint bei manchen Rechtskonservativen auch beabsichtigt zu sein. Sie nutzen die Debatte für eine erneute Abrechnung mit Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Den ersten Platz im Wettbewerb der Schamlosigkeit sicherte sich allerdings die AfD. Die Bundesregierung kapituliere »vor dem antisemitischen Straßenterror muslimischer Horden«, sagte Vize-Fraktionschefin Beatrix von Storch. Das sei »angesichts der deutschen Geschichte eine Schande«.

Dabei hat keine Partei in den letzten Jahren antisemitische Denkmuster so salonfähig gemacht wie die AfD. Der Judenhass mag dabei modern verpackt und hinter Chiffren versteckt sein. Aber was etwa der Thüringer Parteichef Björn Höcke von sich gibt, ist unmissverständlich. Er raunt von »globalen Geldeliten«, die eine »gleichgeschaltete Welt« ohne Nationen und Kulturen anstrebten, und wirft der EU vor, den »volkszerstörenden Ungeist« des aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammenden Investors George Soros zu vollstrecken. Das ist purer Antisemitismus. Und angesichts der deutschen Geschichte eine echte Schande.

Antisemitismus aus jeder Ecke ist zu bekämpfen

Es ist ganz einfach: Wer den Antisemitismus bekämpfen will, darf nicht nur den Antisemitismus aus einer Ecke bekämpfen. Er muss rechten Judenhass genauso verurteilen wie linken und den unter Migranten und Muslimen. Und auch den im eigenen Umfeld, im Alltag, in der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft.

Während der Pandemie wucherte der Antisemitismus unter den Corona-Verharmlosern. Demonstranten trugen gelbe Judensterne mit der Aufschrift »Ungeimpft« und verbreiteten Verschwörungsmärchen über Bill Gates oder »die Zionisten«, die einen heimlichen Plan verfolgten, die Menschheit zu unterjochen.

Inzwischen kennt wohl jeder jemanden aus dem Bekanntenkreis, der auf Facebook oder über WhatsApp abstruse Thesen über die Coronapandemie verbreitet. Und damit oft auch judenfeindliche Hirngespinste.

Antisemiten sind eben nicht immer die anderen. Sondern manchmal auch die eigenen Freunde oder Verwandten.

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