Ex-Zentralratschefin Knobloch "Du hast doch auch nichts erreicht"

Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hofft, dass das Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zur Normalität wird. Doch sie zieht ein bitteres Fazit ihrer Arbeit.

Charlotte Knobloch während einer Holocaust-Gedenkveranstaltung im Europäischen Parlament
DPA

Charlotte Knobloch während einer Holocaust-Gedenkveranstaltung im Europäischen Parlament


"Fast nichts" habe er in den sieben Jahren als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland bewirkt, hatte Ignatz Bubis 1999 in einem Interview mit dem "Stern" gesagt. Jüdische und nichtjüdische Deutsche seien einander fremd geblieben.

Damals hatte ihm seine Nachfolgerin, Charlotte Knobloch, noch widersprochen. "Aber jetzt erreichen mich diese Worte selbst." Das hat sie nun im Interview mit der "Zeit" gesagt, in dem sie eine bittere Bilanz ihrer Bemühungen um eine Aussöhnung zog. "Wenn ich mir die derzeitige Situation anschaue, denke ich manchmal: Du hast doch auch nichts erreicht."

Sie habe gehofft, dass das Miteinander von Juden und Nichtjuden in Normalität übergehe und sie dies noch erlebe, sagte Knobloch der Wochenzeitung weiter. "Im Moment sehe ich eher das Gegenteil." Sie habe gelernt, dass sich Hass nur begrenzt eindämmen und nie ganz überwinden ließe.

In Mittelfranken versteckt

Die 87-jährige Knobloch überlebte versteckt in Mittelfranken den Holocaust und war von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden. Heute ist sie die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Ihr Vorgänger Bubis, der ebenfalls den Holocaust erlebte und 1999 starb (hier lesen Sie einen Nachruf) entschied sich zuvor, dass er in Israel beigesetzt werden wolle - aus Angst, sein Grab würde in Deutschland von Rechtsradikalen geschändet.

vks/dpa/AFP



insgesamt 26 Beiträge
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Bondurant 20.11.2019
1. Jetzt mal ganz im Ernst und nicht missverstehen
Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hofft, dass das Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zur Normalität wird. Wie soll denn Normalität einkehren, wenn man einem Menschen gegenübersteht, von dem man weiß: vor (nur) siebzig Jahren wäre der in diesem Land umgebracht worden, einfach weil er da war?
Saure Gurke 20.11.2019
2.
Das eine ist der Alltag, in dem ich eigentlich gar nicht weiß, wer welcher Religionsgemeinschaft angehört. Das andere ist die entsetzliche Geschichte, mit der man umgehen muss und von der aus man zu einer Normalität gelangen muss. Kann das so schnell gehen? Und dann sind da diejenigen, die kein Miteinander wollen. Die hat man zu lange toleriert.
karlbernhard 20.11.2019
3. Frau Knobloch
Ich habe Frau Knobloch beim Bayerischen Staatsakt am 26. August 2018 in München zu Ehren meines Großonkels Karl Stützel (Bayerischer Innenminister 1924-1933) kennengelernt. Sie ist eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit. Ihr negatives Urteil, dass sie bei der Überwindung des Antisemitismus "nichts erreicht" habe, teile ich nicht. Deutschland hat sich in dieser Hinsicht geändert. Geblieben ist aber der leider weltweit noch vorhandene Rest eines dumpfen Antisemitismus. Den wird man wohl nie ausrotten. Aber für Deutschland hat Frau Knobloch viel erreicht.
vicbrother 20.11.2019
4. Stolpersteine
Bis heute gibt es in München keinen Stolperstein, um auf die Schicksale der Juden Münchens hinzuweisen. Für die unter den Nazis "Hauptstadt der Bewegung" genannte Stadt halte ich dies für sehr beschämend!
kuac 20.11.2019
5.
Zitat von BondurantDie frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hofft, dass das Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zur Normalität wird. Wie soll denn Normalität einkehren, wenn man einem Menschen gegenübersteht, von dem man weiß: vor (nur) siebzig Jahren wäre der in diesem Land umgebracht worden, einfach weil er da war?
Man kann so denken, aber hilfreich ist das nicht.
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