Jüdischer Friedhof Berlin verwüstet Die zweite Schandtat von Weißensee

Randalierer haben auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zum zweiten Mal Dutzende Grabsteine umgeworfen. Die Stadt ist geschockt - und die Fahnder stehen vor einem Rätsel. Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland spricht von einer "unerträglichen Schandtat".

Berlin - Mächtige Bäume, verwunschene Wege, kunstvolle Grabstätten - der jüdische Friedhof Weißensee gilt als der schönste und größte seiner Art in Europa. Berühmte Persönlichkeiten sind hier begraben: der Gründer der Kaufhauskette Hertie, Hermann Tietz, der Publizist Theodor Wolff und der Schriftsteller Stefan Heym.

Der Friedhof wurde 1880 gegründet, und Berlins jüdische Gemeinde setzt sich seit Jahren dafür ein, das Areal und die teils mehr als hundert Jahre alten Grabmäler zu erhalten. An vielen Stellen hat sich schon die Natur ihren Weg gebahnt.

Doch jetzt spannen sich rot-weiße Flatterbänder zwischen den schwarzen Grabsteinen und den gepflasterten Wegen. Hinter der Absperrung sind Verwüstungen zu sehen, die nicht durch Wind und Wetter entstanden sind. Grabsteine sind aus ihrer Verankerung gerissen, Begrenzungssäulen liegen am Boden, die Bruchstellen sind frisch.

Wie viele Gräber geschändet sind, ist noch unklar. Schon in der Nacht zu Dienstag sind laut Polizei mindestens 23 Grabsteine und zehn Stelen von unbekannten Randalierern umgeworfen worden. Heute entdeckten die Ermittler weitere verwüstete Gräber, nach ersten Schätzungen mindestens 20. Ein Polizeisprecher sagte, die Täter seien dazu vermutlich ein zweites Mal auf den Friedhof geschlichen.

"Unerträgliche Herabwürdigung"

Schmierereien haben die Fahnder bisher nicht entdeckt, auch konkrete Hinweise auf einen antisemitischen Hintergrund gibt es nicht. Die Ermittler schließen politische Motive allerdings nicht aus, daher hat der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts den Fall übernommen.

Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht in der "Schandtat von Weißensee" eine "unerträgliche Herabwürdigung des Andenkens der sechs Millionen Opfer der Shoa". Die Schändung sei ausgerechnet in der Nacht zum Gedenktag an die Vernichtung der Juden, zum Jom Hashoa, verübt worden. "Das sieht aus wie das Werk von Menschen, die noch heute der Geisteshaltung des Nationalsozialismus angehören", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Die Schändung sei kein Einzelfall, warnte Knobloch. Im vergangenen Jahr seien in Deutschland 30 jüdische Friedhöfe geschändet worden, nur vier dieser Taten hätten aufgeklärt werden können. "Der Friedhof Weißensee in Berlin ist nicht nur einer der bedeutendsten jüdischen Begräbnisstätten hierzulande, sondern auch ein Monument der deutschen Geschichte", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Wer diesen Platz schändet, verfolgt das perfide Ziel, alle Menschen guten Willens in Deutschland ins Mark zu treffen."

Videoüberwachung und höhere Mauer seit 1999

Der jüdische Friedhof Weißensee ist nicht zum ersten Mal Ziel von Randalierern, doch der aktuelle Vorfall ist der schlimmste seit fast zehn Jahren: Im Oktober 1999 zerstörten Unbekannte 103 Gräber, teilweise irreparabel. Die Täter sind laut "Berliner Zeitung" bis heute nicht gefunden. Zuletzt hatten Vandalen 2005 zwei Gräber geschändet und mehrere Grabplatten zerstört.

Die Polizei überprüft nun die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen. Der "Berliner Zeitung" zufolge hatte die Gemeinde schon nach der Tat von 1999 mit den Sicherheitsbehörden den Schutz des Friedhofes erhöht. Seitdem gibt es dort zur Überwachung eine Videoanlage, die Mauer rund um das Areal wurde erhöht. Zusätzlich fahren Polizisten und Wachschützer nachts Streife. Doch auch das reicht offensichtlich nicht aus. Das Konzept müsse jetzt neu bewertet werden, sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE.

Neue Konzepte müssen also her, das zeigt auch die Entwicklung: Denn die Anzahl der antisemitisch motivierten Straftaten in Berlin hat im vergangenen Jahr stark zugenommen. Die polizeiliche Kriminalstatistik hat im Schnitt der Jahre 2003 bis 2006 vier Fälle verzeichnet - 2007 waren es neun. Die Aufklärungsquote lag in den vergangenen fünf Jahren bei 50 Prozent.