Jugendgewalt Die isolierten Macho-Schläger

Sie kommen aus sozial benachteiligten Gruppen, aus Familien, in denen Gewalt und absurder Männlichkeitswahn Alltag sind. Aggressiv prügeln sie auf ihre Opfer ein - die Anlässe sind oft banal.

Berlin - Die Nachrichten über drastische Fälle von Jugendgewalt in München und Berlin entsetzten die Republik - und die Politik reagierte prompt. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Schlagen Minderjährige jetzt immer brutaler und skrupelloser zu? Waren die brutalen Schläger Ausnahmen? Welche Strukturen in den Tätergruppen lassen sich erkennen? Welche Gründe gibt es für die Gewaltausbrüche? Wie hoch ist der Anteil der Migranten unter den Schlägern?

Kurz vor Weihnachten schlagen Serkan und sein griechischer Freund in München zu. Ihr Opfer, ein pensionierter Lehrer, 76 Jahre alt, erlitt mehrfache Schädelbrüche. Der Mann hatte die jungen Männer aufgefordert, das Rauchverbot in der Münchner U-Bahn zu beachten.

Acht Tage später, wieder München, wieder in der U-Bahn: Drei junge Männer hören in einem Abteil über ihren MP3-Player so laut Musik, dass sich andere Fahrgäste belästigt fühlen. Als ein Mann die Jugendlichen auffordert, die Musik leiser zu stellen, schlug einer der drei ihm nach Angaben der Polizei mehrfach mit der Faust ins Gesicht.

In der Silvesternacht griffen mutmaßlich rechtsextreme Schläger in Berlin eine afghanische Familie an.

Drei extreme Fälle aus einer ganzen Reihe brutaler Überfälle, verübt in den vergangenen zwei Wochen, von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Einmal waren es junge Migranten, in dem Fall aus Berlin sehr wahrscheinlich Rechtsextremisten.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat das Thema jetzt zum Wahlkampfthema Nummer eins auserkoren. Unionspolitiker fordern härtere Jugendstrafen, Erziehungscamps und die schnellere Ausweisung ausländischer Straftäter. Die Sozialdemokraten sind empört: Die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti, wirft Koch vor, eine "schmutzige Kampagne" zu führen. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie: "Das ist die Methode Koch, Sündenböcke für seine verfehlte Politik zu suchen."

Dramatischer Anstieg bei Körperverletzungen

Eines jedenfalls scheint zumindest laut eines Papiers einer Arbeitsgruppe aus Bund und Ländern deutlich zu sein: Die Gefahr Opfer einer Gewalttat zu werden, ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Die Untersuchung für die Innenministerkonferenz besagt außerdem, dass die Anzahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren bei Gewaltdelikten in den vergangenen zehn Jahren um über 25 Prozent auf jetzt 43,4 Prozent gestiegen ist. In einzelnen Bundesländern hat sich die Zahl der Körperverletzungen durch jugendliche Täter demnach nahezu verdoppelt.

Die polizeilichen Daten schlüsseln die Entwicklung der Gewaltverbrechen durch Jugendliche in unterschiedliche Vergehen auf:

  • Die Zahl der Tötungsdelikte, verübt von Jugendlichen, in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent zurückgegangen.
  • Die Zahl der Raubtaten sank um 20 Prozent.
  • Erschreckend indes ist ein Anstieg bei Körperverletzungen. Seit Mitte der neunziger Jahre ist die Zahl der angezeigten Prügeleien, Messerstechereien und anderen Verletzungen mit jugendlichen Tätern um 60 Prozent gestiegen.

Alarmierende Zahlen, die Experten aber darauf zurückführen, dass Opfer immer öfter Anzeige erstatten würden. "Einen Großteil des Anstiegs erklären wir uns so", sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Auch die Studie der Innenministerkonferenz verweist nachdrücklich darauf, dass kriminologische Forschungen zu dem Ergebnis kommen, dass vor allem "die steigende Anzeigebereitschaft" für die Zahlen verantwortlich ist.

Migranten überproportional oft Gewalttäter

Viel mehr Körperverletzungen, zumindest nach den Zahlen der angezeigten Fälle - und ein sehr hoher Anteil von Migranten unter den jugendlichen Gewalttätern. Das ist das zweite Ergebnis, zu dem Untersuchungen übereinstimmend kommen.

So verzeichnet die Studie der Innenminister bei den nichtdeutschen jugendlichen Tatverdächtigen zwar einen Rückgang von 26,1 auf knapp 25 Prozent - immer noch aber seien Migranten überproportional häufig Gewalttäter: Sie machen der Studie zufolge nur 8,8 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In Berlin ist der Anteil der gewalttätigen Einwandererjugendlichen besonders erschreckend: Hier sind 44,7 Prozent aller jungen Täter Migranten.

Ein Umstand, der auch Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch, große Sorgen macht. Bereits im vergangenen Jahr sagte Glietsch im Interview mit SPIEGEL ONLINE, gerade junge Migranten machten "am meisten Sorgen, wenn es um die Zahl der Delikte, die Brutalität, die Gefährlichkeit, die Rücksichtslosigkeit des Vorgehens geht". Jetzt erklärte der Polizeipräsident im Jahr 2007 sei die Jugendgewalt in der Hauptstadt abermals gestiegen.

Auch Kriminologe Pfeiffer beobachtet eine erschreckende Gewaltbereitschaft unter jungen Migranten. "Die Schere geht immer weiter auseinander." Junge Einwanderer seien in der Gewaltstatistik erheblich auffälliger als Deutsche. In allen von seinem Institut untersuchten deutschen Städten gehe die Kriminalität unter deutschen Jugendlichen zurück, unter Migranten stagniere sie hingegen oder steige sogar.

Doch wie erklärt sich die hohe Gewaltbereitschaft unter jungen Migranten?

"Rechtsextreme und gewalttätige Migranten sind Zwillinge im Geiste"

Die Berliner Landeskommission gegen Gewalt hat sich in einer Studie ausgiebig mit den Gründen beschäftigt und laut "taz" folgende Muster herausgearbeitet: Wer zuschlägt, empfindet oft Perspektivlosigkeit im Hinblick auf Ausbildung und Beruf, fehlende Partizipationsmöglichkeiten. Viele junge Gewalttäter durchlebten zudem Identitätskonflikte, seien mit innerfamiliärer Gewalt konfrontiert, mit traditionell-autoritären Erziehungsmustern und überzogene Männlichkeitsvorstellungen. In Ermangelung von Identifizierungsmöglichkeiten "wird der Körper für die Jugendlichen oftmals zur vermeintlich letzten Ressource", heißt es der "taz" zufolge in der Studie. "Diese Ressource wird gepflegt, mitunter bis zur Hypermaskulinität aufgebläht und in Form von Gewalt zum Schaden anderer eingesetzt."

Vormoderne Vorstellungen von Männlichkeit, der Begriff der "Familienehre" und mangelndes Rechtsbewusstsein gehören der Studie zufolge laut "Tagesspiegel" ebenso zu den Gründen für Gewalt unter Migranten.

Auch Kriminologe Pfeiffer macht vor allem die fehlende soziale Integration für die grassierende Gewalt unter Einwandererkindern verantwortlich. Dort, wo der Anteil von Migranten auf den Gymnasien höher sei, nehme auch die Gewalt ab. "Die Konflikte in unserer Winner-und-Loser-Gesellschaft werden immer deutlicher und schlagen immer häufiger in Hass um", sagt er.

"Machokultur hat eindeutig mit Gewalt zu tun"

Vor allem in schlecht integrierten und bildungsfernen Migrantenfamilien gebe es viel häufiger Gewalt als in deutschen Familien, Kinder bekommen mit, wie der Vater die Mutter prügelt oder werden selbst misshandelt. In 27 Prozent der Einwandererfamilien gebe es Gewalt unter den Eltern, in deutschen Familien nur bei sechs Prozent. Die Lebensgeschichte von Serkan, dem Schläger aus München, passt perfekt in dieses Schema. Der "Stern" bringt in seiner morgigen Ausgabe einen Artikel über den Zwanzigjährigen - sein Vater habe ständig geprügelt, seine Mutter sei mit den Kindern ins Frauenhaus geflüchtet. "Aus Opfern werden Täter", so Pfeiffer. Hinzu komme oft eine ausgeprägte Machokultur. "Und die hat eindeutig mit Gewalt zu tun."

Von härteren Bestrafungen hält Pfeiffer nichts, stattdessen müssen Migrantenkinder gefördert werden. "Und wenn überhaupt von Ausweisungen gesprochen wird, sollten wir ins Auge fassen, ausländische Väter die nach dem Gewaltschutzgesetz der Wohnung verwiesen wurden auch des Landes zu verweisen." Eines müsse deutlich werden: "Wir sind bereit, im Kinderschutz radikale Maßnahmen dafür zu ergreifen, dass eine Botschaft in die Köpfe der Eltern kommt: Prügeln von Kindern ist in diesem Staat nicht erlaubt."

Es sei notwendig, dass deutlich benannt werde, wenn Einwanderer Täter waren. Nicht um zu diskriminieren, sondern weil es bestimmte, oft kulturelle, Muster gebe, die immer wieder auftauchen und die auch bei der Bekämpfung von Gewalt helfen würden.

Und das nicht nur auf Seiten der oft perspektivlosen Einwandererkinder. Rechtsextreme und gewalttätige Migranten seien zwei Seiten derselben Medaille. "Sie sind Zwillinge im Geiste", sagt Pfeiffer. In Familien von Rechtsextremen oder gewalttätigen Migranten sei oft viel misshandelt worden, auch bei den rechtsradikalen Tätern gebe es starke Machokulturen. "Die Strukturen sind so ähnlich, dass es schon absurd ist, wie sie sich hassen."

"Die nehmen beide nicht viel Rücksicht wenn es um Gewalt gegen Andersdenkende geht", sagt auch Berlins Polizeipräsident Glietsch.

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