Jugendgewalt Einfache Parolen schüren den Hass

Provozieren, pöbeln, zuschlagen: Warum schieben Jugendliche aus Migrantenfamilien solche Wut, besonders auf Deutsche? Statt platter Parolen braucht das Land eine Diskussion der Ursachen, fordert die Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates auf SPIEGEL ONLINE.

Während Länder wie die USA und sogar die Türkei überlegen, den besonders harten und zuweilen menschenverachtenden Umgang mit straffälligen Jugendlichen auf eine fürsorglichere und für einen Rechtsstaat verantwortungsvollere Ebene zu bringen, rufen deutsche Politiker wahlkampfberauscht nach härteren Strafen.

Und damit nicht genug. Um sicher Stimmen von Rechtsaußen zu fischen, verlangt der "anständige", "urdeutsche" Politiker, dass alle ausländischen Jugendlichen, die straffällig werden, schneller abgeschoben werden sollten.

Als ob sie es nicht besser wüssten. Damit werden die Probleme, die wir mit Jugendlichen aus "Einwandererfamilien" haben, nicht gelöst werden. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass es sich dabei um eine verschwindend geringe Anzahl an Jugendlichen handelt, die tatsächlich abgeschoben werden könnte, und seien die Gesetze auch noch so scharf. Denn die meisten besitzen einen deutschen Pass.

Und, für die Zukunft gesprochen, die Zahl der Jugendlichen aus "Einwandererfamilien" mit deutschem Pass nimmt zu. Das heißt, wir brauchen langfristige Lösungen, keine leeren Sprechblasen. Selbst die Abschiebung von - ich spinne mal - vielleicht hundert oder auch tausend Jugendlichen aus ganz Deutschland in ein sogenanntes Herkunftsland - die meisten wurden ja in Deutschland geboren - wird nicht erreichen können, dass es in Zukunft weniger Kriminalität gerade aus diesem Milieu geben wird.

Mitnichten. Die Wut unter diesen Kids steigt, und jeder, speziell die wahlkämpfenden Populisten, sollte sich eher die Frage stellen, warum es ist, wie es ist? Warum werden gerade diese Jungs immer aggressiver, warum schlagen sie schneller zu und sind so wütend auf "Deutsche", auf Deutschland?

Die Jungs werden im Stich gelassen - von beiden Seiten

Sie sind wütend, weil sie sich im Stich gelassen fühlen und tatsächlich auch im Stich gelassen wurden. Sowohl von den eigenen Eltern und der näheren Verwandtschaft, als auch von der deutschen Gesellschaft. Sie sehen, dass sie keine Chance haben, in dieser Gesellschaft ein Bein auf den Boden zu bekommen, und sie schlagen lieber zu, als darüber nachzudenken, ob sie eigenverantwortlich an ihrer Situation etwas ändern könnten. Sie haben nicht gelernt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und Probleme ohne Gewalt zu lösen.

Die Beschimpfung "deutsches Schwein" beim Einprügeln auf einen alten Mann sollte viel ernster genommen und diskutiert werden. Die Kinder sprechen am Ende nämlich das aus, was ihre Eltern ihnen zu Hause beibringen und sie auf der Straße von anderen Kids in ähnlicher Situation hören. Das "deutsche Schwein" ist an allem Schuld. So wie "der Ausländer" herhalten muss, wenn es um das Befinden von rechtsradikalen Urdeutschen geht. Und damit haben wir es nicht nur mit einem Jugendproblem zu tun, wie bei den meisten urdeutschen straffälligen Jugendlichen, sondern zusätzlich mit einem Integrationsproblem - einmal abgesehen von den Problemen mit Kulturen und Traditionen und den Rechtsradikalen.

An diesem Thema zeigt sich wieder mal, ob es gefällt oder nicht, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben, in der kulturelle Unterschiede existieren, deren Bewältigung weder durch Leugnen der Probleme noch durch einen Streit über Zahlen gelingen kann. Meist sind es zeitverschobene Entwicklungen der verschiedenen Kulturen, um die es geht. Dennoch sind es essentielle Unterschiede, die ein Zusammenleben erschweren. Konkret geht es beispielsweise darum, dass in sogenannten Migrantenfamilien Gewalt noch weit verbreitet ist und selbstverständlich in der Erziehung eingesetzt wird.

Gewalt in der Erziehung? Eine Selbstverständlichkeit

Wir wissen inzwischen sehr genau, dass diejenigen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, in der Regel später selbst Gewalt ausüben. Das gilt weltweit. Und wir wissen, dass weltweit Prügel nach wie vor als Erziehungsmittel eingesetzt werden. Nur in einigen wenigen Gesellschaften, wie in Deutschland, ist das heute nicht mehr akzeptiert. Gemäß Paragraf 1631 Absatz 2 Bundesgesetzbuch haben Kinder in Deutschland das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. In Deutschland hat es einen Bewusstseinswandel gegeben: Niemand darf sein Kind schlagen.

Meines Erachtens haben sich diese Ablehnung und das Verbot von Gewalt gegenüber Kindern noch nicht in allen Migrantenfamilien herumgesprochen. Aus dem Türkischen kenne ich viele Redewendungen, die Gewalt legitimieren sollen. "Der Knochen gehört mir, das Fleisch gehört dir", sagten Eltern früher in der Türkei, wenn sie ihre Kinder in der Schule ablieferten. Sie waren also damit einverstanden, wenn auch in der Schule geprügelt wurde.

Für die Kulturrelativisten: Ähnliche Sprüche gibt es natürlich in allen Kulturen. Trotzdem: Im Gegensatz zu den meisten urdeutschen Familien ist gerade in bildungsfernen Einwandererfamilien Gewalt in der Erziehung eine Selbstverständlichkeit. Ist sie damit ein Bestandteil der Kultur oder Tradition dieser Familien?

Stimmungsmache gegen "deutsche Schweine"

Ich denke ja, zumindest gilt das für die meisten bildungsfernen Einwandererfamilien. Sie sind der Ansicht, dass Kinder nur so Respekt und Anstand erlernen. Auch wenn in Deutschland immer mehr Stimmen laut werden, dass unsere Kinder zu lasch erzogen werden, mehr Grenzen benötigen, eine Ohrfeige hin und wieder nicht schaden könnte - "urdeutsche" Kinder erleben weniger Gewalt in ihrer Erziehung. Vielleicht sollte man Kinder einfach öfter danach befragen.

Vor etwa drei Monaten wurde eine Bekannte von mir Zeugin eines Telefonats, auf der Straße im Stadtteil Wedding. Ein Jugendlicher (er sprach Türkisch und Deutsch gemischt), ungefähr 15 Jahre alt, sagte ins Telefon: "Mann Alter, ich weiß nicht, was ich machen soll, ich war nicht beim Korankurs. Was soll ich ihm sagen, der glaubt mir nicht, der prügelt mich". Und er selbst entsprach äußerlich dem Typus, der selbst zuschlägt, wenn ihm etwas nicht passt.

Es gilt darüber hinaus, sich mehr mit der Frage zu beschäftigen, warum Kinder und Jugendliche einen regelrechten Hass auf "die Deutschen" entwickeln. Die meisten hören von Geburt an von ihren Eltern und überall im Kiez - in der Parallelgesellschaft, in der sie leben, fernab von den "Urdeutschen" - wie schlimm, wie rassistisch die Deutschen sind. Die seien Schuld an der sozialen Misere der Einwanderer. Und sie seien auch Schuld am Verfall der Moral und Sitten unter den Einwanderern, weil die Deutschen so freizügig und egoistisch leben.

So klingen die einfachen Parolen in der Parallelgesellschaft. Es wird Stimmung gemacht gegen die "deutschen Schweine". Es ist Hetze, genau wie die Tiraden der Politiker auf der "urdeutschen" Seite, die "Ausländer" am liebsten abschieben wollen.

Unterm Strich haben wir es auf beiden Seiten mit Menschen zu tun, die nicht begriffen haben, nicht begreifen wollen, was es heißt, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben, in einer Gesellschaft, mit gleicher Verantwortung, Rechten und Pflichten und gemeinsamen Werten. Gewalt produziert Gewalt. Und die Verharmlosung von Gewalt erzeugt ebenfalls Gewalt.

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