Jugendgewalt "Wir geben den Leuten zu wenig Gründe, uns toll zu finden"

Sie protestiert gegen Roland Koch - und gegen ausländische Gewalttäter. Sie kritisiert die Abschiebedebatte - und Einwanderer, die keine Verantwortung übernehmen. Besuch bei der Grünen-Politikerin Bilkay Öney, die Berliner Schülern offen sagt: "Wenn ihr Mist baut, fällt das zurück auf alle."

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Berlin - Sie ist klein und zierlich, die Haare fallen ihr ins schmale Gesicht. Bilkay Öney, 37, trägt Jeans und Turnschuhe. Die Berliner Grünen-Politikerin, die da vor Dutzenden lärmenden Jugendlichen an einer Hauptschule in Berlin-Kreuzberg steht, sieht fast aus, als sei sie selbst noch eine Schülerin. Aber dann hebt sie ihren Blick, ihre Stimme wird laut: "Es fällt mir immer schwerer, mich in der Politik für euch einzusetzen - wenn 80 Prozent aller jungen Intensivtäter in Berlin Migranten sind."

Öney mit Migrantenkindern: "Später sind die Sprachdefizite nur noch schwer aufzuholen"

Öney mit Migrantenkindern: "Später sind die Sprachdefizite nur noch schwer aufzuholen"

Intensivtäter - das sind Jugendliche, die mindestens zehn Straftaten oder mehrere besonders schwere Taten begangen haben. Mit "euch" meint Öney die Jugendlichen vor ihr, die fast alle aus Einwandererfamilien stammen. "Wenn ihr Mist baut, betrifft das doch nicht nur euch selbst. Es fällt zurück auf eure Landsleute!"

Plötzlich ist es still in der Aula der Kreuzberger Schule. Die meisten Schüler blicken erst mal erschrocken auf die zierliche Frau, die da so deutliche Worte wählt.

Sie hat viel Beifall bekommen bei diesem Auftritt, mit dem sie für eine Anti-Gewalt-Kampagne um den Comedian und früheren Polizisten Murat Topal warb. Der Auftritt war vor zweieinhalb Monaten. Aber was Öney dort gesagt hat, ist angesichts der Debatte über gewaltbereite Jugendliche aktueller denn je. Eine Debatte, zu der sie eine ziemlich eigenständige Haltung hat.

Öney, Parlamentarierin im Berliner Abgeordnetenhaus, sitzt in einem Restaurant bei Wiener Schnitzel und Tee und ärgert sich über den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Dessen Kampagne für schnellere Abschiebung von kriminellen Ausländern macht sie wütend. Das passe zur CDU, sagt sie. "Kriminelle Ausländer werden ohnehin abgeschoben. Und alle, die einen deutschen Pass haben, können wir nicht abschieben." Diese Forderung sei so sinnlos wie populistisch. Gesetze anwenden, klare Worte sprechen, Strafen verhängen, das fordert Öney. "Wir müssen den Straftätern nur klarmachen, dass sie nicht bestraft werden, weil sie Migranten sind - sondern weil sie Mist gebaut haben." Und: "Ich will, dass die sozialen Probleme hier in Deutschland angegangen werden."

"Ich kann Dinge sagen, die sich andere nicht trauen"

Öney ärgert sich allerdings nicht nur über Koch. Sondern auch über Leute, die zum Beispiel die Verantwortung für den Münchner U-Bahn-Übergriff krampfhaft anderswo suchen. Bekannte der Politikerin haben nach der Attacke auf den Rentner gemutmaßt, der junge Türke und sein griechischer Mittäter seien bestimmt vorher provoziert worden. Öney dazu: "Wenn so etwas in der Türkei passiert wäre und ein Deutscher einen Türken fast totgeprügelt hätte, ihn auch noch mit 'Scheiß Türke' beschimpft hätte, dann wäre er vermutlich gelyncht worden."

Die Grünen-Abgeordnete will Migranten "dazu bewegen, sich auch einmal in die Deutschen hineinzuversetzen. Ich sage den Jungs aus den Problemkiezen, dass sie mit jeder Prügelei, mit jedem Abziehen alles an guter Integrationspolitik zunichtemachen können, was bisher gelungen ist".

Bilkay Öney ist in der Türkei geboren. 1973 kam sie nach Deutschland, mit zweieinhalb. Sie wuchs in Berlin-Spandau auf. "Ich habe mich umso mehr angestrengt, weil ich wusste, dass ich hier erst mal schlechtere Startbedingungen hatte als viele Deutsche." Nach dem Abitur studierte sie BWL, dann ging sie als Redakteurin ins Berliner Büro des türkischen Fernsehsenders TRT. 1994 trat sie den Grünen bei, weil sie "schräg sind, Leute, die auch mal ordentlich stänkern können. Und weil sie oft auf der Seite der Schwachen sind." Seit anderthalb Jahren ist sie nun deren integrationspolitische Sprecherin in Berlin. Mehrmals wurde sie gefragt, wieso sie denn allen Klischees entsprechen müsse, denen zufolge eine türkischstämmige Politikerin nur über Integration reden könne.

Sie mache das ganz bewusst, sagt sie. Weil sie Dinge sagen könne, die sich "Biodeutsche" (so nennt sie es) nie trauen würden.

Dinge wie: "Wir geben den Leuten auch nicht viele Gründe, Migranten toll zu finden."

Oder: "Türkische Eltern müssen sich auch mal fragen, ob es Sinn hat, so viele Kinder in die Welt zu setzen, wenn sie es dann nicht schaffen, für sie zu sorgen."

"Jeder liebt doch irgendetwas"

Öney hält Kontakt zu Jugendlichen aus dem Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg und spricht über deren Probleme. Sie versucht ihnen Mut zu machen. Aber sie redet ihnen nicht nur nach dem Mund. Sie kritisiert Missstände in der Migranten-Community deutlich und konsequent - kämpft aber auch dafür, dass junge Einwanderer dieselben Chancen bekommen wie Kinder deutscher Eltern. Sie plant eine Kampagne in der türkischen Gemeinde, damit Migranten ihre Kinder mit spätestens drei Jahren in Kitas geben. "Später sind Sprachdefizite nur noch sehr schwer aufzuholen."

Öney diskutiert auch mit Skinheads. Im Berliner Stadtteil Lichtenberg saß sie einmal auf einer Veranstaltung mit Neonazis. "Irgendwann habe ich gesagt: Wenn Sie hier Ausländer verprügeln, dann schadet das dem Bild Deutschlands." Das habe die Neonazis schockiert: "sich so etwas von einer Türkin - die bin ich ja für sie - anhören zu müssen".

Jeden könne man bei dem packen, was ihm wichtig ist, sagt sie. "Jeder liebt doch irgendetwas."

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