Julian Nida-Rümelin

Coronamaßnahmen Gebt den Kindern die Freiheit zurück

Julian Nida-Rümelin
Ein Gastbeitrag von Julian Nida-Rümelin
Die Coronarisiken für Junge sind minimal, die Gründe für die »Solidarität mit ihren Großeltern« entfallen durch die Impfungen zunehmend. Deshalb sollten die Einschränkungen für sie so früh wie möglich vollständig aufgehoben werden.
Kinder sind besonders von der Pandemie betroffen.

Kinder sind besonders von der Pandemie betroffen.

Foto: Flashpop / Getty Images

Diese Pandemie hat bestehende Ungleichheiten in der Gesellschaft vertieft und neue geschaffen. Die meisten derjenigen, die einen sicheren Job hatten, sind – auch dank der staatlichen Maßnahmen, insbesondere des Kurzarbeitergeldes – ökonomisch gesehen gut durch die Krise gekommen, andere haben ihre Berufstätigkeit verloren, und ihre wirtschaftliche Existenz, manchmal aufgebaut über Jahrzehnte, wurde zerstört. Drei Branchen sind besonders betroffen: Gastronomie, Hotellerie und Kultur. Künstlerinnen und Künstler fühlen sich marginalisiert, viele von ihnen verzweifeln. Das gilt auch für viele arbeitslos gewordene und Selbstständige, die ihr Unternehmen verloren haben.

Auch Kinder und Jugendliche gehören zu den besonders von der Pandemie Betroffenen. Sie sind angewiesen auf Gleichaltrige. Sie können ihre Persönlichkeit nicht gut entwickeln ohne den Austausch, das Spielen, die neuen Erfahrungen. Jugendliche, die sich von ihrem Elternhaus lösen, waren über Monate gezwungen, diesen Prozess zu stoppen, ja umzukehren. Eine ganze Generation war seit dem vergangenen Frühjahr mit wenigen Unterbrechungen aus Krippen, Kindergärten, Schulen und Universitäten ausgesperrt. Familien gerieten dabei unter massiven mentalen Stress. Der Prozentsatz derjenigen, die unter Depressionen leiden, hat massiv zugenommen.

Zu den Schäden dieser Pandemie, die sich nun – hoffentlich – dank rasch zur Verfügung gestellter Impfstoffe in ihrer Endphase befindet, gehört auch der um sich greifende Mangel an Respekt und wechselseitiger Anerkennung. Die Zivilkultur der Demokratie, die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, hat erkennbar gelitten. Es wird Anstrengung und Zeit kosten, die geschlagenen Wunden am gesellschaftlichen Körper zu heilen.

Zu den Schäden dieser Pandemie gehört auch der um sich greifende Mangel an Respekt und wechselseitiger Anerkennung.

Ob und in welchem Zeitverlauf dies möglich sein wird, hängt auch davon ab, wie wir diese letzten Monate der Pandemie bewältigen. Gegenwärtig sind die Nerven angespannt, weil durch den Erfolg der Impfkampagne neue Ungleichheiten hinzutreten. Diejenigen, die eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, auch diejenigen, die geimpft sind, können ihre grundgesetzlich garantierten Freiheiten wieder wahrnehmen, da die Rechtfertigung für deren Einschränkungen entfallen ist. Den jüngeren Jahrgängen wurde durch die Priorisierung der Impfkampagne zugemutet, aus Solidarität für die Älteren zurückzustehen.

Auch wenn diese Priorisierung von Anbeginn nicht konsequent durchgehalten wurde und das, was in der öffentlichen Diskussion als »Impfdrängeln« bezeichnet worden ist, dazu beitrug, dass viele der besonders Vulnerablen bis heute nicht durch eine Impfung geschützt sind, gibt es doch eine deutliche Ungleichverteilung der Geimpften über die Altersgruppen. Die Rechtfertigung dieser Ungleichverteilung ist das ungleiche Gesundheitsrisiko, das mit einer Covid-19-Infektion einhergeht und das sehr stark mit dem Alter korreliert. Viel stärker, als dies zum Beispiel bei der Spanischen Grippe der Fall war. In Zahlen: Die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu versterben, wenn man sich infiziert hat, beträgt bei unter 35-Jährigen 0,003 Prozent. Dieses Risiko verzwanzigfacht sich schon in der nächsten Dekade, wird 200-mal so hoch in der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen und steigt dann bei 75- bis 85-Jährigen auf das Zweitausendfache an. Dies, die auffällig enge Verknüpfung von Alter und Gesundheitsrisiko war der Grund dafür, Hochbetagte zuerst zu impfen, aber auch Personen mit spezifischen Vorerkrankungen zu priorisieren.

Eine gerechte Verteilung von Ressourcen ist in einem solchen Fall nicht die Gleichverteilung, sondern ihr Einsatz je nach individuellem Risiko. Solange der Impfstoff knapp ist, es also weit mehr Personen gibt, die sich impfen lassen wollen, als dafür Impfstoff zur Verfügung steht, bedeutet das Impfen derjenigen, die nur ein Hundertstel oder ein Tausendstel des Gesundheitsrisikos tragen, eine Ungerechtigkeit gegenüber den Vulnerablen. Je länger die Knappheit anhält, desto schwerer ist es, diese risikoethische Einsicht auszuhalten. Tatsächlich hat die Politik dem Druck in verschiedener Weise schon nachgegeben und die Priorisierung abgemildert, teilweise aus pragmatischen Gründen, weil die Impfzentren zu schwerfällig agierten, teilweise weil manche Impfstoffe ohnehin unter mangelnder Akzeptanz litten und nun allgemein verimpft werden können, wie zum Beispiel AstraZeneca.

Wir dürfen die zum Teil hohen, teilweise sogar steigenden Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen nicht zum Anlass nehmen, die Restriktionen ihnen gegenüber aufrechtzuerhalten.

Halten wir fest: Weder mein Plädoyer, im Frühjahr des vergangenen Jahres, die am meisten Gefährdeten besonders zu schützen, um zu verhindern, dass die Pandemie auf Alten- und Pflegeheime übergreift, noch die risikoethische Einsicht, dass Hochbetagte Priorität haben, stellen eine Diskriminierung im Sinne einer ethisch unzulässigen Benachteiligung dar. Weder wurden mit der Forderung, Vulnerable besonders zu schützen, Alte diskriminiert, noch wurden mit der Forderung, bei der Impfung Alte zu priorisieren, Junge benachteiligt. Wenn dagegen das Risiko über die unterschiedlichen Altersgruppen gleich oder annähernd gleich verteilt wäre, dann wäre die Kritik berechtigt. Die Priorisierung der Vulnerabelsten entspringt jedenfalls nicht einem in Deutschland verbreiteten Hass auf Kinder, wie er für patriarchalische Gesellschaften typisch sein soll. Am Rande: War das berühmt kinderliebe und kinderreiche Italien der Fünfziger- und Sechzigerjahre kein patriarchalisches Land?

Richtig ist, dass wir die Belastungen durch Pandemiemaßnahmen, die für Kinder und Jugendliche besonders gravierend sind, so rasch wie möglich beenden sollten. Aber was ist »so rasch wie möglich«? Hier gehen die Meinungen auseinander. Meine Auffassung ist, dass wir die zum Teil hohen, teilweise sogar steigenden Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen nicht zum Anlass nehmen dürfen, die Restriktionen ihnen gegenüber aufrechtzuerhalten. Die Gesundheitsrisiken von Kindern und Jugendlichen sind im Vergleich zu den Gesundheitsrisiken älterer Jahrgänge derart minimal, dass sie es nicht rechtfertigen, diese weiterhin mit den gleichen Maßnahmen einzuschränken, obwohl die Gründe für die eingeforderte »Solidarität mit ihren Großeltern« durch den Fortschritt der Impfkampagne zunehmend entfallen. Wenn die Großeltern geschützt sind, muss von ihren Enkeln keine Solidarität in der Pandemie mehr eingefordert werden, dann müssen sich Kinder und Jugendliche nicht einschränken, um ihre Großeltern vor Covid-19-Infektionen zu schützen.

Bis zum 11. Mai starben in Deutschland insgesamt 40.588 Frauen und 44.300 Männer. Von diesen 85.000 Verstorbenen waren 19 Personen unter 20 Jahre alt, das heißt weniger als ein Viertausendstel der Todesfälle entfielen auf Kinder und Jugendliche. Jeder einzelne Todesfall ist allerdings einer zu viel. Und im Falle von Kindern und Jugendlichen haben Todesfälle eine besondere Tragik. Es ist zu hoffen, dass die Auswertung dieser wenigen gravierenden Fälle erlaubt, besondere Risikofaktoren zu bestimmen und dann die davon betroffenen Kinder und Jugendlichen durch Impfung zu schützen. Eine Fortsetzung der allgemeinen restriktiven Maßnahmen gegenüber den Jüngsten in dieser Gesellschaft, die über Monate besonders gelitten haben, sollte jedoch vermieden werden. Wir können und sollten die Kinder und Jugendlichen mit dem Fortschritt der Impfkampagne baldmöglichst in die volle Freiheit entlassen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.