Studie Junge Deutsch-Türken geben sich immer religiöser

Besser integriert, gläubig, aber seltener religiös fundamentalistisch - so sehen sich laut einer Studie die Nachkommen der ersten Generation türkischer Einwanderer. Aufgenommen fühlen sich viele dennoch nicht.

Sehitlik-Moschee in Berlin
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Sehitlik-Moschee in Berlin

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Für die Nachkommen türkischer Einwanderer ist ihre Religion offenbar ein immer wichtigeres Identitätsmerkmal - auch wenn sie im Alltag ihren Glauben seltener praktizieren als ihre Eltern oder Großeltern.

Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer repräsentativen Studie "Integration und Religion aus Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland" der Universität Münster, für die TNS Emnid mehr als 1200 Deutsch-Türken befragt hat.

Konkret heißt das:

Laut der Studie besuchen nur 23 Prozent der Deutsch-Türken aus der zweiten und dritten Generation wöchentlich oder öfter eine Moschee, im Vergleich zu 32 Prozent der Migranten der ersten Generation. Auch betet nur rund ein Drittel der jüngeren Generation mehrmals täglich, von den älteren Deutsch-Türken tun das der Studie zufolge mehr als die Hälfte. Und trotzdem schätzen sich von den Jüngeren deutlich mehr als religiös ein, nämlich 72 Prozent. Die Autoren vermuten hinter der Antwort eher ein demonstratives Bekenntnis zur eigenen kulturellen Herkunft als "tatsächlich gelebte Religiosität".

Die Studie legt nahe, dass die jüngeren Deutsch-Türken stärker und demonstrativer ihre Herkunft betonen wollen, auch als Abgrenzung. Diese Wertung wird noch durch ein anderes Ergebnis gestützt: So meinen 72 Prozent der Befragten aus der ersten Generation, aber nur 52 Prozent der Befragten aus der zweiten/dritten Generation, dass sich Muslime an die deutsche Kultur anpassen sollten. Zugleich sind deutlich mehr Jüngere der Ansicht, man solle selbstbewusst zu seiner eigenen Kultur und Herkunft stehen. Wenn es nicht um Religion geht, dann sagen allerdings insgesamt 70 Prozent aller Befragten, man solle sich ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft integrieren.

Grundsätzlich gibt es starke Unterschiede in der Wahrnehmung des Islams. Von den befragten muslimischen Deutsch-Türken sind 61 Prozent der Meinung, dass der Islam durchaus in die westliche Welt passt - und widersprechen damit 73 Prozent der Mehrheitsgesellschaft, die dies verneint. Insgesamt kommen die Wissenschaftler der Studie zu dem Schluss: "Für die türkeistämmige Minderheit in Deutschland stellt sich der Islam als eine angegriffene Religion dar, die vor Verletzungen, Vorurteilen und Verdächtigungen geschützt werden muss."

Es gibt laut der Studie unter muslimischen Deutsch-Türken einen beträchtlichen Anteil von Menschen, die fundamentalistischen Aussagen zustimmen - aber diese Einstellungen nehmen in der zweiten und dritten Generation ab. Insgesamt stimmten 47 Prozent der befragten Muslime mit türkischen Wurzeln dem Satz zu: "Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe." Von den Befragten der zweiten und dritten Generation vertreten 36 Prozent diese Ansicht.

Ein "umfassendes und verfestigtes islamisch-fundamentalistisches Weltbild" haben in der zweiten und dritten Generation laut der Studie rund neun Prozent. Sie haben diesen vier Aussagen zugestimmt:

  • "Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe."
  • "Muslime sollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten Mohammeds anstreben."
  • "Es gibt nur eine wahre Religion."
  • "Nur der Islam ist in der Lage , die Probleme unserer Zeit zu lösen."

Bei der ersten Generation der Deutsch-Türken ist dieser Anteil doppelt so hoch. Auch der Anteil derer, die unter bestimmten Umständen Gewalt aus religiösen Motiven akzeptieren würden, ist bei den jüngeren Deutsch-Türken kleiner als bei den älteren. Aber immer noch 15 Prozent der zweiten oder dritten Generation stimmten der Aussage: "Die Bedrohung des Islam durch die westliche Welt rechtfertigt, dass Muslime sich mit Gewalt verteidigen" zu.

Auf der anderen Seite ergibt die Studie, dass es in der Integration etwa im Bereich Bildung vorangeht, dass sich 90 Prozent der Befragten sehr wohl oder wohl in Deutschland fühlen und stark verbunden mit Deutschland - aber auch mit der Türkei. Diese Gemengelage ist auch vor dem Hintergrund des Streits um die Armenien-Resolution interessant, in dem auch viele Deutsch-Türken die Sicht und Empörung der türkischen Regierung teilen.

Wie auch frühere Befragungen ergibt die neue Studie, dass viele Migranten oder deren Nachkommen sich nicht richtig angenommen fühlen. (Hier eine Studie zu Fremdenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft)

  • a) "Als Türkeistämmiger fühle ich mich als Bürger 2. Klasse" (stimme stark/eher zu)
  • b) "Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt" (stimme stark/eher zu)
  • c) "Würden Sie sich selbst als Angehörige einer Bevölkerungsgruppe bezeichnen, die in Deutschland diskriminiert wird?" (ja)

Fazit: Die Studie zeichnet ein sehr ambivalentes Bild - einerseits fühlen sich die allermeisten Befragten hierzulande sehr wohl und wollen dazugehören. Andererseits gibt es das Gefühl, nicht richtig akzeptiert zu werden und sich verteidigen zu müssen.

Die Autoren der Studie sehen beide Seiten gefordert: Die deutsche Mehrheitsbevölkerung sollte "mehr Verständnis für die spannungsreichen Probleme der zugewanderten und ihrer Kinder aufbringen, sich in die deutsche Gesellschaft einzufügen, ohne die Prägungen der Herkunftsgesellschaft zu verleugnen", heißt es im Fazit der Studie. Sie sollte sich insgesamt ein differenzierteres Bild von Muslimen und vom Islam machen.

Gleichzeitig sollten die Türkeistämmigen "mehr Verständnis für die Vorbehalte der deutschen Mehrheitsgesellschaft aufbringen und auf sie nicht nur mit Verteidigung und Empörung reagieren, sondern sich auch kritisch mit fundamentalistischen Tendenzen in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen."



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