Brandbrief der Jugendorganisation Sexismus-Vorwürfe gegen Piraten

Die Piraten befinden sich seit Wochen auf einem Höhenflug. Aber wenige Wochen vor den nächsten Landtagswahlen beschert ihre Nachwuchs-Organisation der Partei eine Debatte über Sexismus und Rassismus. In einem Brandbrief prangert sie die Diskriminierung von Frauen und Ausländern an.
Piratin beim Bundesparteitag in Offenbach (2011): Brandbrief der Jugendorganisation

Piratin beim Bundesparteitag in Offenbach (2011): Brandbrief der Jugendorganisation

Foto: Fredrik Von Erichsen/ dpa

Berlin - Es sind derbe Sprüche und erschreckende Beispiele, die einige Jungpiraten in dem offenen Brief auflisten, der die Piratenpartei jetzt beschäftigt. Schon seit geraumer Zeit, so schreiben die Autoren, betrachte die Nachwuchsorganisation mit Sorge, wie diskriminierend sich manche Parteimitglieder in Debatten äußern würden.

So sei eine Frau als "zu hübsch" bezeichnet worden, um ernst genommen zu werden. Ein Pirat habe kundgetan, Frauen hätten nichts bei Stammtischen verloren. Jemand anderes äußerte, eine Frau "sollte mal richtig hart durchgefickt werden", damit sie sich entspanne. Auch rassistische Äußerungen würden immer wieder fallen.

Der Brandbrief wurde veröffentlicht auf der Website der Jungen Piraten  und heftig diskutiert bei Twitter. Der Nachwuchs zwingt der Mutterpartei damit eine Debatte über Sexismus und Rassismus in den eigenen Reihen auf - und das nur wenige Wochen vor den wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Und auch nur wenige Wochen vor dem nächsten Bundesparteitag, bei dem der schwelende interne Machtkampf wohl ausgefochten wird. In normalen Parteien würde man sagen: Die Debatte kommt zur Unzeit.

Die Piraten wollen eigentlich "post-gender" sein

Doch bei den Jungen Piraten sieht man das anders. Ihr Vorsitzender Florian Zumkeller-Quast sagte SPIEGEL ONLINE, es sei Aufgabe einer Jugendorganisation, die Partei ab und an zu piksen. "Wir haben da ein Problem", und darauf müsse man aufmerksam machen. Sein Stellvertreter Paul Meyer-Dunker sagte, das Thema würde ja nicht plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Immer wieder gebe es bei den Piraten problematische Äußerungen, gegen die nicht konsequent genug vorgegangen werde. "Es geschieht zu wenig." Seine Mitstreiter hätten das Thema Diskriminierung erneut ans Licht bringen wollen.

Das ist ihnen offensichtlich gelungen: Allein auf der Website der Jungen Piraten wurde der Brief mehrere Dutzend Mal kommentiert, meist zustimmend. Das Problem scheint einigen Piraten und Piratinnen sehr am Herzen zu liegen.

Das Geschlechter-Thema beschäftigt die Piraten schon länger. Eigentlich will die Partei über den Geschlechtern schweben, "post-gender" sein, Unterschiede zwischen Männern und Frauen bewusst ausklammern. Als Ziel wird die absolute Gleichberechtigung postuliert. Doch bei sich selbst kann die Partei diesen Anspruch kaum erfüllen, wie eine Umfrage unter Mitgliedern vor einigen Wochen nahelegte.

Die Autoren des Brandbriefs kritisieren auch, dass es in vielen Diskussionen als "vollkommen in Ordnung" gelte, "ausländerkritisch" zu sein. All zu oft würden rassistische Statements als Einzelfälle abgetan - oder mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit verteidigt. Die Diskriminierung würde somit legitimiert.

Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sind es noch fünf Wochen. In Meinungsumfragen kommen SPD und Grüne derzeit zusammen auf eine stabile Mehrheit von mehr als 50 Prozent. Die Piraten, die in NRW 4000 Mitglieder haben, liegen in den Umfragen über der Fünfprozenthürde. Wie die FDP müssen auch die Linken um die Rückkehr in den Landtag bangen.

otr

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