Jungpolitiker Anna auf dem Weg nach Berlin

Joschka Fischer ist schon von ihr begeistert, vielleicht überzeugt sie mit ihrem Selbstbewusstsein auch manchen Wähler in Hessen: Die Grünen-Politikerin Anna Lührmann könnte mit 19 Jahren die jüngste Abgeordnete im neuen Bundestag werden.

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Jung und selbstbewusst: Anna Lührmann
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Jung und selbstbewusst: Anna Lührmann

Hamburg - Eigentlich unterscheidet sich Anna Lührmann in vielen Dingen nicht von den anderen jungen Menschen in ihrem Alter, wenn sie über sich und ihre Freunde erzählt: "Wir gehen joggen, tanzen oder was trinken. Wir gehen auch oft ins Kino." Zuletzt sah sie "Spider-Man" und "Der Nesthocker", einen französischer Film über einen jungen Mann, der partout das "Hotel Mama" nicht verlassen will.

Anna Lührmanns Eltern in Hofheim im Main-Taunus-Kreis müssen diese Sorge aber nicht mehr haben. Denn ihre Tochter zieht es nach Berlin - was auch auf ihrer Homepage "Anna-nach-Berlin.de" kategorisch gefordert wird. Möglicherweise wird Anna Lührmann in der Hauptstadt auch studieren, Politik, BWL oder VWL. Aber da hören die Gemeinsamkeiten mit den meisten Gleichaltrigen auf. Denn eigentlich möchte die 19-Jährige nach der Bundestagswahl am 22. September als Abgeordnete im Reichstag sitzen - sie wäre damit die Jüngste im Plenum.

Die Aussichten des hochgewachsenen Teenagers könnten schlechter sein: In Hessen kandidiert sie auf dem aussichtsreichen Platz fünf der Landesliste der Grünen - hinter Antje Vollmer, Joschka Fischer und zwei Staatssekretären. Sollte ihre Partei bundesweit 8,1 Prozent der Stimmen bekommen, hätte Anna Lührmann ihren Platz im Plenum auf jeden Fall sicher.

"Meine Gegenkandidaten werden sich wundern"

Entsprechend selbstbewusst gibt sich die Abiturientin der Main-Taunus-Schule. Sie wolle "frischen Wind nach Berlin" bringen, verkündet sie, und sie wolle nicht nur meckern, sondern "selbst Hand anlegen". Mit ihrem forschen Auftreten überzeugte sie auch Joschka Fischer. Der Außenminister findet es "fast unglaublich - aber richtig gut", dass Anna Lührmann mit knapp 19 für den Bundestag kandidiert.

"Meine Gegenkandidaten werden sich noch gehörig wundern", glaubt die Hessin. Im Main-Taunus-Kreis tritt sie gegen eine Altherrenriege an. Die Kandidaten Heinz Riesenhuber (CDU), Klaus Wiesehügel (SPD) und Fritz-Wilhelm-Krüger (FDP) brächten zusammen "leicht 180 Jahre auf die Bank", lästerte Bernd-Wilhelm Brzoska, Geschäftsführer der Grünen im Main-Taunus-Kreis, in der "Tageszeitung". Angst vor Podiumsdiskussionen mit ihren Rivalen kennt Lührmann nicht. "Bei einer Veranstaltung in Hanau haben sich die Zuhörer schon gewundert, wie gut ich mich bei der Steuerpolitik auskenne", berichtet sie. "Anfangs belächeln die Leute mich immer, aber wenn sie mich dann reden hören, merken sie schnell, dass ich wirklich was drauf hab."

Tipps für gelungene Auftritte holte sich Anna Lührmann von der rund zehn Jahre älteren Niombo Lomba, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen: Eine klare, ruhige Stimme, ein gute Körperhaltung und vor allem eine gute Vorbereitung - das kleine Einmaleins eines angehenden Politprofis eben.

Keine Zeit für einen Freund

Ein Schlüsselerlebnis für ihr politisches Interesse habe sie mit acht Jahren erlebt, behauptet Lührmann. "Meine Mutter wollte in unserem Garten einen Baum fällen, und da war ich so traurig, dass ich geweint habe." In der Schule interessierten sie Themen wie das Waldsterben und der Protest gegen die Jagd auf Robben. Mit 13 wurde sie dann bei der Grünen Jugend aktiv, vorher hatte sie sich auch schon bei Greenpeace und in der Schülervertretung engagiert. Mittlerweile ist sie Sprecherin der Grünen Jugend Hessen und auch Mitglied der Jungen Europäischen Föderalisten, für die sie kürzlich auch am EU-Jugendkonvent in Brüssel teilnahm, wo sie natürlich gleich ins Präsidium gewählt wurde. Zeit für einen Freund hat sie bei dem Termin-Stress eines Wahlkampfes mit einer 70-Stunden-Woche nicht.

Für wichtige Themen hält Anna Lührmann Bildungs- und Hochschulpolitik, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Europapolitik. Wenn sie gewählt werde, wolle sie aber auch "globalisierungskritischen Jugendlichen eine Stimme verleihen". Wenn es mit dem Sprung in den Bundestag nicht sofort klappt, schiebt Lührmann eben ein Studium ein. Berlin wird auf jeden Fall ihr neuer Lebensmittelpunkt - ein Zimmer in einer WG sucht sie aber noch.

Ihre Eltern sind zwar SPD-Anhänger, aber mit den Sozialdemokraten hat sie nichts am Hut: "Bei denen kann man als einzelnes Mitglied nichts bewegen", glaubt sie. Ihr Bruder steht der FDP nahe, aber Lührmann legt Wert darauf, dass er nicht "meine Kompetenz in Frage stellt, sondern weil er anderer politischer Meinung ist - darauf lege ich wert."



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