Jungpolitikerin Wissler Hessens linke Strippenzieherin

Sie ist die heimliche Chefin der Fraktion: Die 27-jährige Janine Wissler hat eine Blitzkarriere in der hessischen Linkspartei hingelegt. Wegen ihrer extremen Ideen ist die junge Trotzkistin umstritten - eine künftige Regierung Ypsilanti könnte sie noch mächtig in Verlegenheit bringen.

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Hamburg - Janine Wissler beißt sich auf die Lippe, sie will jetzt nichts Falsches sagen. Dabei passt ihr die Frage des Reporters gar nicht: Von der hessischen Linken sei doch nicht ernsthaft eine Revolution zu erwarten, oder?

Landtagsabgeordnete Janine Wissler: Blitzaufstieg dank mächtiger Förderer
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Landtagsabgeordnete Janine Wissler: Blitzaufstieg dank mächtiger Förderer

Wissler wendet sich ab und will gehen. Doch dann lässt sie die Zurückhaltung fallen: "Das wollen wir erst mal sehen."

Der kleine Wortwechsel verrät den inneren Konflikt der jungen Abgeordneten. Die 27-Jährige muss überlegen, wie radikal sie sich noch äußern kann und darf. Hält sie sich wie zuletzt zurück, gilt sie als angepasste Karrieristin. Steht sie stärker zu ihrer politischen Überzeugung, wird ihr der Vorwurf gemacht, extremistische und umstürzlerische Positionen zu vertreten.

Wissler rückt zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit. Wenn Journalisten druckfähige Zitate brauchen, klingelt ihr Telefon. Auch in der sechsköpfigen Fraktion gibt inzwischen sie den Ton an - und nicht mehr der brave Fraktionschef, Willi van Ooyen. Dessen größte Schwäche: Er lässt keinen Fettnapf aus, den Roland Kochs CDU-Leute für ihn bereitstellen.

Doch auch Wissler bietet genügend Angriffsflächen für den politischen Gegner. Sie ist Trotzkistin, wurde geprägt in der Sektierervereinigung "Linksruck" und fiel im Landtag mit polemischen Angriffen gegen die SPD auf. Die Sozialdemokraten hätten 1919 die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu verantworten gehabt, polterte sie etwa vor zwei Wochen.

Die SPD schäumte und warf Wissler "Geschichtsklitterung" vor. Obwohl auch parteiintern Kritik geäußert wurde, sitzt die heimliche Chefin der hessischen Linken fest im Sattel. Die Gründe dafür liegen zuvorderst in Berlin. In der Parteispitze genießt sie breite Rückendeckung. Allen voran Oskar Lafontaine sieht in ihr ein großes politisches Talent, das er bereitwillig fördert.

An der jüngsten Abgeordneten des hessischen Landtages ist die Protektion des Parteichefs keineswegs spurlos vorbeigegangen. In den vergangenen sechs Monaten hat Wissler entschieden an Selbstbewusstsein und Rhetorik zugelegt: "Die Koch-Regierung hat zuletzt gezeigt, aus welchem Holz sie geschnitzt ist", sagte sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Eine parlamentarische Mehrheit reiche nicht aus - der CDU-Mann sei als geschäftsführender Regierungschef noch "zu mächtig".

Trotz der unbestreitbaren rhetorischen Stärke ist die Rolle von "Linksruck"-geprägten Mitgliedern wie Wissler innerhalb der Linken durchaus umstritten. Anfang der neunziger Jahre gegründet, versuchten die Trotzkisten dieser Gruppierung linke Parteien - allen voran die Sozialdemokraten - zu unterwandern. Ihr Ziel: Positionen der SPD zu radikalisieren - oder zumindest reichlich Mitglieder abzuwerben und so die eigene Organisation zu vergrößern.

Die Reformer beäugen Wisslers Aufstieg skeptisch

Welche politische Idee steht dahinter? Die Trotzkisten berufen sich in ihrer politischen Agenda auf die Lehren von Karl Marx, ihren Namen verdanken sie dem kommunistischen Revolutionär Leo Trotzki - während der Revolution war er Chef der Roten Armee, später ein Gegner Stalins. Unter Stalins Regime wurden die Trotzkisten mit brutaler Härte verfolgt. Den Zusammenbruch des sowjetischen Reiches empfanden viele Trotzkisten daher nicht als Niederlage, sondern als Chance, eine andere Anwendung der Marxschen Gesellschaftsideologie einzuführen.

So auch "Linksruck": Die Aktivisten traten bei ihren Agitationen stets besonders lautstark und rücksichtslos auf. Bei ihren Happenings und Aktionen wurden sie nicht selten von militanten Genossen aus Großbritannien unterstützt. Indes: "Linksruck" blieb stets nur eine kleine, versprengte Gruppe ohne erkennbaren Einfluss oder Zuwachs. Auch nach der Umbenennung in "Marx 21" vor einem Jahr behielten die Trotzkisten ihren Außenseiterstatus innerhalb der Linken. Wolfgang Schroeder, Kasseler Politikwissenschaftler, sieht daher auch kaum Gefahr für Andrea Ypsilantis Regierungspläne: "Die Trotzkisten blasen gerne die Backen auf und sagen unglaubliche Dinge. Doch da ist viel heiße Luft dabei."

Das sehen die eher pragmatisch ausgerichteten Parteireformer der Linkspartei ähnlich. Man beäuge Wisslers Aufstieg zwar skeptisch, heißt es in ihren Reihen. Klar sei jedoch, dass Lafontaine sie "sofort fallen lassen" würde, wenn sie das rot-rot-grüne Projekt in Hessen gefährde.

Das ist kaum zu erwarten. Wissler lästert zwar häufig und leidenschaftlich über die Zerstrittenheit der Ypsilanti-SPD. Doch sie sagt auch: "An der Tolerierung führt kein Weg vorbei." Zu SPIEGEL ONLINE sagte sie, der Umgang mit den Sozialdemokraten entspanne sich langsam: "Es herrscht noch keine innige Vertrautheit, aber wir nähern uns an."

Genau beobachtet wird derweil in Berlin, dass "Marx 21" zuletzt seine Strategie verändert hat. Statt sich aus den Parteistrukturen zurückzuziehen, bemühen sich Wissler und Co. vermehrt, die eigene links-oppositionelle Strömung zu vergrößern. So gibt es intensive Kontakte zur "Sozialistischen Alternative" (SAV). Dieser gehörte etwa Lucy Redler an, die in Berlin 2006 einige Berühmtheit erlangte mit ihrem Protest gegen die rot-rote Koalition. Wie "Marx 21" hatte die SAV laut Verfassungsschutzbericht im Jahre 2007 rund 400 Mitglieder.

"Freiraum für illusorische Forderungen"

Prominenteste Repräsentantin neben Wissler ist die Hamburgerin Christine Buchholz. Sie sitzt wie ihre hessische Parteikollegin im Bundesvorstand. Außerdem gehören etwa ein Dutzend Mitarbeiter der Linken-Bundestagsfraktion dem parteiinternen Netzwerk an.

Warum Wissler so schnell in der Fraktion aufgestiegen ist, erklärt sich laut Schroeder wohl kaum aus ihrer trotzkistischen Sozialisation. "Die dort vorherrschenden autoritären Strukturen waren sicher hilfreich. Vermutlich profitierte sie auch von ihrer Zeit als Mitarbeiterin von Werner Dreibus." Bereits während ihres Politikstudiums beschäftigte der Bundestagsabgeordnete sie in seinem Wahlkreisbüro.

"Dort wird sie ein besseres Verständnis parlamentarischer Abläufe gewonnen haben", erklärt Schroeder. Vermutlich habe Dreibus zudem den Kontakt zur Parteispitze um Lafontaine und Bodo Ramelow hergestellt.

Momentan drohe Ypsilantis Linksbündnis von Wissler "keine Gefahr", so der Politikwissenschaftler. "Das gemeinsame Ziel, Koch abzulösen, überdeckt kurzfristig alle Differenzen." Doch wenn Rot-Grün erst mal ein paar Monate im Amt sei, biete sich neuer "Freiraum für illusorische Forderungen" seitens der Linken.



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