Kanadischer Premier Trudeau muss sich für Wutausbruch im Parlament entschuldigen

Kanadas Premier Justin Trudeau gilt als Everybody's Darling, jetzt steht er wegen eines heiklen Vorfalls unter Beschuss: Bei einem Streit im Parlament traf sein Ellbogen eine Abgeordnete.

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Hat der populäre kanadische Premierminister Justin Trudeau im Parlament von Ottawa überreagiert? Ist er gegenüber mehreren Abgeordneten vorsätzlich handgreiflich geworden? Hat Trudeau ein Aggressionsproblem? Darüber debattiert die Öffentlichkeit in Kanada und in den USA.

Anlass ist ein Zwischenfall im kanadischen Unterhaus, über den mehrere Medien berichteten: Am Mittwoch stand eine Abstimmung zu einer Sterbehilfe-Reform an. Trudeau, der zur Partei der Liberalen gehört, drängte im Vorfeld zur Eile. Offenbar versuchten aber einige Abgeordnete, die Abstimmung zu verzögern. Daraufhin trat Trudeau, vor den Augen vieler Parlamentarier, ziemlich ungehalten auf.

Videoaufnahmen zeigen, wie mehrere Abgeordnete zusammenstehen, anstatt abzustimmen. Man sieht, wie Trudeau auf den Konservativen Gord Brown zustürmt und ihn am Arm zerrt - damit dieser sich auf seinen Sitzplatz bewege.

Dabei bekommt die sozialdemokratische Abgeordnete Ruth Ellen, die in unmittelbarer Nähe steht, Trudeaus Ellbogen ab. Ellen verzieht ihr Gesicht, anscheinend vor Schmerz.

"Es war sehr erschütternd"

Die kanadische, britische und amerikanische Presse reagierte mit breiter Empörung. Der Fernsehsender CBC berichtete, Trudeau habe während des Zwischenfalls geflucht ("Get the fuck out of the way"). Die BBC sieht Trudeaus Popularität durch den Vorfall angekratzt. Die US-Seite Vox.com schrieb, Trudeau sei in großen Schwierigkeiten.

Die Abgeordnete, die den Ellbogen abkriegte, machte Trudeau heftige Vorwürfe. Sie habe in die Lobby gehen müssen, um sich zu erholen, sagte Ruth Ellen. "Ich wurde vom Premierminister grob angerempelt, danach konnte ich nicht anders, als rauszugehen. Es war sehr erschütternd. Ich habe seinetwegen die Abstimmung verpasst."

Trudeau selbst entschuldigte sich mehrfach. "Die Abgeordneten erwarten zu Recht ein besseres Verhalten im Parlament. Ich selbst erwarte ein besseres Verhalten von mir", sagte er. Der Ellenbogenstoß sei keine Absicht gewesen, versicherte er. Dennoch: "Ich habe einen Fehler gemacht, ich bedauere ihn", erklärte er weiter. "Ich bitte die Kanadier um Verständnis und Vergebung."

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Kanadas Premier Trudeau: Junger Shootingstar der Politik

Der im Volk überaus beliebte Trudeau, passionierter Boxer und ehemaliger Türsteher, verwies auf den Stress, den sein Job mit sich bringe. "Ich glaube, die Leute verstehen, dass meine Arbeit mit einer Menge Druck zusammenhängt. Ich bin ein Mensch", sagte er in einem Interview. "Es ist wichtig, dass man Fehler auch zugeben kann. Ich kann Ihnen versichern, so etwas passiert nie wieder."

Hitzige #elbowgate-Debatte

Ob die Abgeordnete absichtlich den Ellenbogen abbekam oder unglücklich im Weg stand - darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Im Netz kritisieren Menschen unter dem Schlagwort #elbowgate Trudeaus Verhalten. Andere halten den Aufruhr für übertrieben.

Hier zwei Tweets aus der aktuellen Debatte: Der erste sieht Trudeau zu Unrecht beschuldigt ("Es war offensichtlich keine Absicht"). Der zweite sieht den Premier in der Verantwortung ("Führung bedeutet auch, seine Wut unter Kontrolle halten zu können").

Auf YouTube kursieren Videomontagen, die den Vorfall in Zeitlupe zeigen. Manche haben Trudeaus Rempler satirisch mit Hip-Hop-Beats unterlegt, um eine Straßenschlägerei zu imitieren.

Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt?

Die kanadische Zeitung "The Globe and Mail" warf der Opposition vor, Trudeaus Verhalten für eine Debatte über Gewalt gegen Frauen instrumentalisieren zu wollen. Abgeordnete der Neuen Demokraten, die in der Opposition sitzen, hatten den Ellbogenstoß gegen Ruth Ellen in einen Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt gebracht.

"Der Premier hat die Fassung verloren", schrieb die Zeitung. "Diesen Vorfall mit Gewalt gegen Frauen zu vergleichen, ist ein Schlag ins Gesicht für jede Frau, die tatsächlich angegriffen wurde".

Trudeau tritt öffentlich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein, und bezeichnet sich selbst als Feministen.

Der Vorsitzende des kanadischen Unterhauses, Geoff Regan, nannte Trudeaus Verhalten am Donnerstag "nicht angemessen". Er kündigte eine parlamentarische Untersuchung des Vorfalls an.

amz



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