Kabinetts-Vereidigung Schröder will keine Hilfe von oben

Gerhard Schröder macht es lieber alleine. Bei seiner Vereidigung verzichtete der alte und neue Bundeskanzler wie schon 1998 auf die Formel "So wahr mir Gott helfe". Auch fünf seiner 13 Minister verzichteten auf himmlischen Beistand.




Gottlose Gesellen im himmlischen Reigen: das neue Kabinett Schröder
[M] DPA/SPIEGEL ONLINE

Gottlose Gesellen im himmlischen Reigen: das neue Kabinett Schröder

Berlin - "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde." Es folgte bleierne Stille. Kein Wort mehr kam über des Kanzlers Lippen. Als erster Regierungschef der Bundesrepublik verzichtete Schröder bei seiner Vereidigung 1998 auf den Zusatz "So wahr mir Gott helfe". Sieben seiner Minister taten es ihm gleich - so viele wie noch nie zuvor.

Berlin, vier Jahre später: Ein wenig steif steht Gerhard Schröder vor Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und liest aus der Urschrift des Grundgesetzes vor. Als er endet: wieder Stille. Dann, nach einem Zögern: "Ich schwöre es" - ein Zusatz, der im Verfassungstext eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Die Worte "So wahr mir Gott helfe" spart er sich erneut.

Nach seinem Eid zieht es Schröder wieder zurück in Richtung SPD-Fraktion. Zu leer sind ihm wohl die Regierungsbänke, wo seine künftigen Minister erst zwei Stunden später Platz nehmen dürfen. Auch unter ihnen befinden sich - wie schon vor vier Jahren - einige gottlose Gesellen: Außenminister Joschka Fischer, Justizministerin Brigitte Zypries, Landwirtschaftsministerin Renate Künast, Umweltminister Jürgen Trittin und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn berufen sich nicht auf göttlichen Beistand und belassen es bei einem "Ich schwöre es". Nur Otto Schily, ohnehin erfahren in wundersamen Wandlungen, wendet sich wieder dem Herrn zu: Im Unterschied zu seiner ersten Vereidigung als Innenminister findet Gott diesmal wieder Platz in seinem Amtseid.

Als Schröder 1998 als erster Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik die religiöse Formel verweigerte, war in den Reihen der Unionsfraktion teils verwundertes, teils empörtes Murmeln zu hören. Auch die katholische Kirche übte deutliche Kritik, die noch lauter wurde, als bei der Einweihung des neuen Kanzleramtes im Jahr 2001 auf den kirchlichen Segen für das Gebäude verzichtet wurde.

In den 49 Jahren vor 1998 hatten nur wenige Kabinettsmitglieder die religiöse Formel nicht benutzt. 1974 waren es die FDP-Minister Werner Maihofer (Inneres) und Josef Ertl (Agrar) sowie SPD-Arbeitsminister Walter Ahrendt, der schon 1969 auf den Zusatz verzichtet hatte. Im letzten christlich-sozialen Kabinett unter Helmut Kohl hatten dagegen alle Minister auf Gott geschworen.



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