Kampagne gegen Ehrenmorde "Für die Freiheit seiner Schwester kämpfen"

Schikane, Zwangsheiraten, Schläge, Mord: Täglich wird in Deutschland Gewalt gegen Frauen mit der "Ehre" begründet. Prominente Frauen, Migrantenorganisationen und das nordrhein-westfälische Integrationsministerium wollen nicht länger wegsehen.

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Berlin - "Deine Schwester ist ein korrektes Mädchen mit einer eigenen Meinung. Akzeptier' das!", sagt der junge Mann mit dem stolzen Blick. Seine Mahnung hat Erfolg: "Ich will, dass meiner Schwester nichts passiert. Aber mein Freund hat Recht. Auf sie aufpassen heißt nicht, sie einzusperren." Dialoge unter Freunden, zwei Postkarten - auf beiden steht in großen roten Lettern: "Ihre Freiheit, seine Ehre". Es ist ein schlichter Slogan, aber er soll Denkweisen vom Kopf auf die Füße stellen.

Postkarte der Kampagne "Ehre" neu definieren

Postkarte der Kampagne "Ehre" neu definieren

250.000 solcher Postkarten sollen in den nächsten Monaten in ganz Deutschland verteilt werden - in Discos, Kneipen, Restaurants und Büros. Zusammen mit Migrantenselbstorganisationen und prominenten Frauen wie Alice Schwarzer, Sabine Christiansen, der Journalistin Barbara Dickmann und der Frauenrechtlerin und Berliner Anwältin Seyran Ates hat das nordrhein-westfälische Ministerium für Integration eine Kampagne gestartet. Das gemeinsame Ziel: Der Kampf gegen "Gewalt im Namen der Ehre". In Schulen sollen Theaterstücke zum Thema aufgeführt, auf Podien soll diskutiert werden. "Wir dürfen keine Gelegenheit auslassen, um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen", sagt Seyran Ates.

Denn Gewalt im Namen der Ehre sei "keine exotische Geschichte aus Fernasien oder dem Nahen Osten", so die Leiterin des Aktionsbündnisses der Migrantenselbstorganisationen Gülseren Celebi.

"Ehre besser über die Freiheit der Frau definieren"

Sondern sie passiert jeden Tag in Deutschland. "Ehre ist ein Begriff, der besonders unter Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt wird", erklärt der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU). Und wenn ein Mann schon seine Ehre über eine Frau definiere, dann besser über ihre Freiheit, so der Minister. Nicht nur Öffentlichkeit schaffen also soll die Kampagne aus NRW, sondern auch Begriffe neu definieren. Geistige Inspiration für den visuellen Teil der Kampagne lieferte eine Postkartenaktion des Berliner Mädchentreffs Madonna. Deren Slogan lautet: "Ehre ist für die Freiheit seiner Schwester zu kämpfen."

Im letzten Jahr hatte der Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü ganz Deutschland erschüttert. Sie wurde auf offener Straße von ihrem Bruder erschossen, weil sie es wagte, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Der Mord an Hatun Sürücü war kein Einzelfall. Bekannt sei, dass in den letzten Jahren in Deutschland 55 mal "Blut für Ehre" geflossen ist, sagt Minister Laschet. Die Dunkelziffer liege aber wahrscheinlich viel höher - denn die meisten Fälle gelangten nie an die Öffentlichkeit.

Auch das soll die Kampagne gegen "Gewalt im Namen der Ehre" ändern: "Wir haben nicht gewartet, bis der nächste Ehrenmord passiert, wir wissen ja um die Umstände", so die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates. Man müsse nun ein Signal setzen und den betroffenen Frauen zeigen: "Wir sind da, falls ihr Hilfe braucht", so Ates. Mord und schwere Körperverletzung sind dabei die extremsten Fälle - aber bei "Gewalt im Namen der Ehre" handelt es sich nicht nur um schwerste Verbrechen.

Sondern es geht auch um tägliche Schikane, Schläge, Repressalien. Es geht darum, was mit Frauen passiert, die gegen den Kodex ihrer Familien oder ihres Umfeld verstoßen. Die sich ihren Partner selbst aussuchen, ihre Sexualität auch vor der Ehe leben, sich kleiden, wie sie wollen. Oder die dazu erst gar nicht kommen: "Es ist bereits Gewalt, wenn junge Menschen vor allem Frauen zu einer Eheschließung gezwungen werden", sagt Armin Laschet.

Die Kampagne "ihre Freiheit - seine Ehre" setze vor allem darauf, dass gemeinsame Werte gelebt werden. Es gehe es nicht darum, sich von der Migrantengemeinde abzugrenzen, so Armin Laschet. Man arbeite gemeinsam. "Wir Deutschen sollten nicht überheblich werden, schließlich steht bei uns Vergewaltigung in der Ehe auch noch nicht so lange unter Strafe", so der Minister. Aber, betont die Redaktionsleiterin des Fernsehfrauenmagazins "Mona Lisa", die betroffenen Frauen müssten "sich für einen gemeinsamen Dialog auch einsetzen".

Unterstützt wird die Kampagne "Ihre Freiheit - seine Ehre" auch von der türkischen Zeitung "Hürriyet". Eine Zusammenarbeit, über die sich Seyran Ates sehr freut: "Die 'Hürriyet' hat die Kurve gekriegt und nutzt jetzt ihre Chance ein Unrechtsbewusstsein zu schaffen", so Ates.

Damit sich sich von Gewalt betroffenen Frauen direkt Hilfe holen können, werde im Rahmen der Kampagne bald eine Onlineberatung eingerichtet, kündigte Minister Laschet an.



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