Kampf dem Terror Bushs lange Schlacht

Die USA planen offenbar nicht nur einen Vergeltungsschlag gegen Afghanistan. Politisch, wirtschaftlich und mit militärischen Spezialeinheiten wollen sie über Jahre hinweg Terroristen nachstellen.


Taliban-Miliz in Afghanistan: Bin Laden genießt Gastrecht
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Taliban-Miliz in Afghanistan: Bin Laden genießt Gastrecht

Washington - Der angekündigte Feldzug der USA gegen den internationalen Terrorismus und mögliche staatlichen Helfer wird kein Krieg wie jeder andere sein. Fest steht, dass es keinen schnellen Sieg geben wird. Und Waffengewalt sei nur ein Teilaspekt, obwohl dies nach den Worten von US-Außenminister Colin Powell "gewiss eine Option ist". Die Bevölkerung stünde fest hinter einem Militärschlag: 85 Prozent unterstützen ihn in einer neuen Umfrage, 75 Prozent auch um den Preis des Blutvergießens unschuldiger Zivilisten.

Druck auf allen Ebenen

Diplomatischer, politischer, finanzieller und wirtschaftlicher Druck werden jedoch mindestens ebenso wichtig sein. Den Anstiftern und Ausführenden des Terrors sollen die Lebensadern abgeschnitten werden - über Jahre hinweg.

George W. Bush in Camp David: Einschüchterungsgefechte mit den Taliban
AP

George W. Bush in Camp David: Einschüchterungsgefechte mit den Taliban

Powell hat nach Angaben unterrichteter Regierungskreise Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate aufgefordert, ihre Beziehungen mit den Taliban in Afghanistan abzubrechen - eine Verbindung, die es dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama Bin Laden nach amerikanischer Überzeugung erleichtert, sich mit viel Geld zu versorgen.

Zumindest soll sich der "unsichtbare Feind" nicht mehr wie ein Fisch im Wasser bewegen können. Die Täter kamen nicht etwa im Verborgenen, sondern am hellen Tag in die USA. Die Bevölkerung wappnet sich für eine Einschränkung der gewohnten weitgehenden bürgerlichen Freiheiten als Folge größerer Kontrollen. Forderungen, bei der Jagd auf Terroristen nicht mehr strikt den Rechtsweg einzuhalten, finden stärker Gehör.

Nach dem Schock der Angriffe auf World Trade Center und Pentagon wird es deshalb kaum bei einem nur symbolischen Militärschlag bleiben, obwohl Mitglieder des "Kriegskabinetts" wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld keine Details nennen. Der frühere Nato-Oberkommandierende Wesley Clark sagt eine massive Aktion voraus, die sich allerdings wohl eher durch Präzision als ein Massenaufgebot von Truppen auszeichnen werde.

Eine halbe Million Mann ständig unter Waffen

Die USA haben über eine halbe Million Mann ständig unter Waffen. Die Armee verfügt über 7600 Kampfpanzer, die Luftwaffe über 2300 Kampfflugzeuge, die Marine über mehr als 200 Schiffe, darunter 12 Flugzeugträger. In der Nahost- und Mittelostregion befinden sich rund 30 000 Soldaten, zwei Flugzeugträger mit ihren Begleitschiffen und über 300 Kampfjets. Die Luftlandetruppen in Fort Bragg (North Carolina) und Fort Campbell (Kentucky) stehen in Alarmbereitschaft.

Im Zentrum der Überlegungen steht jedoch nicht die geballte Macht. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Eliteeinheiten, die 1962 gegründeten Special Operating Forces. Unter ihnen wiederum fallen besonders die weniger als 5000 abgebrühten Männer geheimer Kommandos wie der "Delta Force" ins Auge. Die alles in allem rund 40.000 Angehörigen der Spezialeinheiten - in Rangers der Armee, SEALS der Marine und Einsatzgruppen der Marine-Infanterie unterteilt - sind in der Vergangenheit mehr und mehr für undankbare "Jobs" herangezogen worden - ob bei der Drogenbekämpfung in Kolumbien oder der Schiffskontrolle im Persischen Golf. Der Kongress finanziert sie großzügig, in diesem Jahr mit vier Milliarden Dollar.

Ein völlig neuer Krieg

Vizepräsident Dick Cheney nannte Afghanistan als wahrscheinliches Angriffsziel für einen Vergeltungsschlag - die herrschenden Taliban sollen Bin Laden Unterschlupf gewähren. "Wir werden Bin Laden und alle seine Helfer energisch verfolgen. Und selbst wenn es lange dauern sollte, bin ich überzeugt davon, dass wir letztendlich erfolgreich sein werden", sagte Cheney dem Fernsehsender NBC.

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: 50.000 Reservisten angefordert
AFP

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: 50.000 Reservisten angefordert

Präsident George W. Bush weiß jedoch, dass der von ihm so genannte erste Krieg des 21. Jahrhunderts auch ein völlig neuer Krieg ist. Er forderte die Amerikaner zur Geduld auf, weil ein umfassender und dauerhafter "Feldzug" nötig sei. Auch Rumsfeld betont, beim Kampf gegen den Terrorismus handele es sich nicht um eine Sache von Tagen und Wochen, sondern Jahren.

Warnungen, dass eine Militäraktion gegen Afghanistan oder andere Schlupflöcher von Terroristen ohne flankierende wirtschaftliche und politische Schritte "die Schlacht gegen den Terrorismus nur schwieriger machen wird", sind nicht ungehört verhallt. Zu den Mahnern gehört der frühere US-Befehlshaber im Nahen Osten und Südostasien, Anthony Zinni: In ein Land einzumarschieren oder darauf einzuschlagen, verstärke nur antiamerikanische Emotionen und stärke den "Feind im Schatten", statt ihn zu schwächen.



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