Kampf um die Mehrheit Merkel schwört Union auf Last-Minute-Wahlkampf ein

Kaum zurück vom G-20-Gipfel in Pittsburgh hat sich Angela Merkel noch einmal in den Wahlkampf gestürzt. Denn die schwarz-gelbe Wunschmehrheit ist alles andere als sicher. "Es kommt auf jede Stimme an", spornte die Kanzlerin ihre Anhänger an - und warnte vor "taktischen Spielchen".

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Berlin - Angela Merkel sieht fast erleichtert aus. Geschafft, vorbei, die letzte große Wahlkampfrede ist gehalten. Ein letzter, halbstündiger Schnelldurchlauf durch 60 Jahre Bundesrepublik, durch 20 Jahre Deutsche Einheit, durch das Wahlprogramm von CDU und CSU. Ein letzter Ruf nach "stabilen Verhältnissen", nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, die es auch international durchzusetzen gelte.

Die Kanzlerin steht am Samstagvormittag im weißen Blazer auf der orangefarbenen Bühne in der "Arena" im Berliner Bezirk Treptow. Einst konnten die Berliner Verkehrsbetriebe hier 240 Omnibusse unterstellen, nun jubeln rund 2500 CDU-Anhänger ihrer Parteichefin zu. Sie dankt es mit einem etwas müden Winken, leichte Erschöpfung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Erst am Morgen ist die Kanzlerin in Berlin gelandet, zurück vom G-20-Gipfel im amerikanischen Pittsburgh.

Doch fürs Ausruhen hat Merkel keine Zeit. Die Umfragen sagen ein knappes Rennen voraus. Die angestrebte Mehrheit für Schwarz-Gelb, sie wackelt. Am Freitag schreckten die Meinungsforscher von Forsa die Unionsstrategen mit einem mageren 33-Prozent-Wert für CDU und CSU auf. "Es kommt auf jede Stimme an", ruft Merkel den Zuschauern daher zu. Zwar markiert die Großveranstaltung den offiziellen Wahlkampfabschluss, doch tatsächlich geht das Werben bis zur letzten Minute weiter. "Es lohnt sich, heute noch bis in die späten Abendstunden mit jedem Nachbarn und Freund noch ein Wort zu reden", lautet Merkels Appell. Schließlich glauben die Demoskopen, dass noch gut ein Drittel der Wähler unentschlossen ist.

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Wahlkampfabschluss: Ein Herz für Merkel

Ihrem Stil bleibt Merkel auch bei ihrem letzten Auftritt treu. Laut sind an diesem Samstag einmal mehr nur das musikalische Vorprogramm und der inzwischen schon traditionelle Einmarschsong der Kanzlerin: Zum Rolling-Stones-Titel "Start me up" bewegt sie sich durch die Menge, um am Rednerpult dann selbst eher wieder leisere Töne anzustimmen. Zwar zeichnet sie noch einmal das Bild einer zerrissenen Sozialdemokratie, doch wirkliche scharfe Attacken auf den politischen Gegner lanciert sie auch diesmal nicht. Der Name ihres Herausforderers Frank-Walter Steinmeier, er bleibt wie so oft unerwähnt.

Das gilt allerdings lange Zeit auch für ihren Wunschpartner FDP. Erst nach 25 Minuten ihrer Rede wiederholt sie das Bekenntnis zur angestrebten schwarz-gelben Koalition nach dem Wahltag. "Aber", sagt Merkel - und es ist ein langgezogenes, mahnendes Aber -, "aber dafür braucht es eine starke Union." Nur so gebe es Stabilität.

Merkels deutliche Botschaft an die Liberalen und all jene, die in den vergangenen Tagen über ein Splitting von Erst- und Zweitstimme nachgedacht haben: Die Union hat nichts zu verschenken. Der Wahltag sei "nicht der Tag, an dem man taktische Spielchen machen kann", warnt die Kanzlerin. "Wählen Sie nicht taktisch. Wählen Sie ganz einfach", sagt Merkel. Vor ihr am Rednerpult steht der klare Wahlaufruf: "Beide Stimmen für die CDU".

Ein Herz für Angela

Zeitgleich mit den Christdemokraten kämpft an diesem Samstag auf dem Münchner Marienplatz auch die CSU um die Stimmen der bayerischen Wähler. Eine Video-Liveschaltung bringt die Schwestern zusammen. Auf der Großbildleinwand ist ein sichtlich gut gelaunter Horst Seehofer zu sehen. "Die Zeichen, liebe Angela, stehen auf Sieg", ruft er in die Hauptstadt - ohne in seinem kurzen Grußwort auch nur einmal die FDP zu erwähnen, die es für den wirklichen Sieg und das Ende der Großen Koalition schon braucht. Stattdessen überhäuft er Angela Merkel mit Lob. "Großartiges" habe sie in Pittsburgh erreicht, überhaupt sei sie eine "erstklassige Kanzlerin, national und international".

Dann kündigt der CSU-Chef ein symbolisches, typisches Oktoberfest-Geschenk für Merkel an, das er ihr bald auch noch persönlich überreichen wolle, damit es einen Platz "im Kanzleramt oder zu Hause" bekommt. Merkel spitzt skeptisch die Lippen - bei Seehofer weiß man schließlich nie. Doch kurz darauf kann sie befreit auflachen. In München hält der bayerische Ministerpräsident ein riesiges Lebkuchenherz in die Kamera - Aufschrift: "Angela, unser Sonnenschein". Merkel bedankt sich: Die Gemeinsamkeit von CDU und CSU sei ein "Glücksfall für Deutschland". So viel Harmonie zwischen den Schwesterparteien gibt es nur einen Tag vor einer Bundestagswahl.

Ein Wahlkampftag, der für die Kanzlerin am Mittag in Berlin noch nicht ganz zu Ende ist. Sie fährt noch auf einen Abstecher nach Brandenburg, wirbt in Potsdam um Stimmen für die Landes-CDU bei der ebenfalls am Sonntag stattfindenden Landtagswahl.

Am Sonntag dann kann Merkel wirklich nicht mehr viel tun. "Ich will mal schauen, wie lange ich morgen schlafen kann", sagt sie. "Es wäre sicherlich kein Fehler, mal auszuschlafen." Allerdings werde die Aufregung wohl zu groß sein. "Wenn's Wahllokal öffnet, werde ich wohl aufwachen, obwohl ich ja nichts beeinflussen kann." Um 13 Uhr dann hat sich die Kanzlerin zur Stimmabgabe in der Mensa-Süd der Berliner Humboldt-Uni angekündigt. "Na ja, und dann sitzt man und wartet."

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Seite 1
aqualung 18.09.2009
1.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Denke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
zbigbrz 18.09.2009
2.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Was gibt's da zu bewerten? Wahlkampf fand doch nicht statt. Das Merkel fährt im Schlafwagen zurück ins Kanzleramt.
Machtbesessen 18.09.2009
3. Gleiche Augenhöhe
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Das Finale ist gut. Die beiden Kanzlerkandidaten sind bald auf Augenhöhe. Beide haben dafür Ihr bestes dafür gegeben.
Brand-Redner 18.09.2009
4. Hamlet 2009
Zitat von aqualungDenke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
Frei nach Shakespeare: Ist es auch Blödsinn, so hat es doch Methode. Ich würde sie "hochschreiben" nennen, denn die gebetsmühlenartige Wiederholung utopischer "Umfragewerte", scheinbar ein Mantra des politischen Mainstreams, soll doch nichts anderes werden als eine selbsterfüllende Prophezeiung nach dem Motto: Es gibt genügend Lemminge, die sich wirklichen und auch erdachten Mehrheiten anschließen. Die wählen schon deshalb den angepriesenen Favoriten, um nachher stolz sagen zu können: "Ich habe es ja richtig gemacht!" Doch die neoliberalen Volksverführer haben - wen wundert's - bis dato nichts aus der Finanzkrise gelernt: Die maßlose Überbewertung eines dubiosen "Produktes" führt früher oder später zum totalen Wertverlust. Der könnte in diesem Falle am 27. September erfolgen - mein Mitleid hält sich aber schon heute in Grenzen...
pssst... 18.09.2009
5.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Schlaftabeltten sind dagegen reine Aufputschmittel.
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