Kandidaten-Kür Merkel wird zermahlen

Gerüchte um einen bayerischen Geheimplan, offen gestreute Zweifel an der Kandidatin: Die Situation für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wird zusehends aussichtsloser. Ihr Rivale Edmund Stoiber wird immer massiver als Schröder-Herausforderer ins Spiel gebracht.


Kann er Schröder besiegen? Bayerns Ministerpräsident Stoiber
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Kann er Schröder besiegen? Bayerns Ministerpräsident Stoiber

Berlin/München - Die Situation für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wird immer brenzliger, ihre Autorität erodiert rapide. Nur wenige Tage nach dem Dresdner Parteikongress, der eigentlich Ruhe in die eigenen Reihen bringen sollte, ist die Diskussion um eine mögliche Kanzler-Kandidatur der ostdeutschen Politikerin erneut aufs heftigste entbrannt.

Immer unwahrscheinlicher wird es, dass Merkel aus dem Kandidatentheater unbeschadet hervorgehen kann. Und immer deutlicher wird, dass breite Kreise der Partei ihrer Vorsitzenden zutiefst misstrauen und eigentlich nur einen Kandidaten für die Kanzlerwahl wollen: den CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber.

Und der drängt immer offensichtlicher an die Spitze. CSU-Sprecherin Dorothee Erpenstein dementierte einen Bericht der "Welt" nicht, dass Stoiber als Kanzlerkandidat bereitstehe: "Ich sehe keinen Grund, das zu kommentieren." Sie verwies lediglich darauf, dass Stoiber und Merkel am Fahrplan für die Kandidatenkür festhalten wollen.

Stoiber selbst sagte zur neuerlichen Kandidatendebatte: "Der Rückhalt für Frau Merkel bröckelt nicht. Das sind Aufgeregtheiten in den Medien, die keine echte Grundlage haben." Die Union brauche zwei starke Persönlichkeiten in CDU und CSU, fügte er hinzu.

In CSU-Kreisen hieß es, Stoiber werde sich seiner Verantwortung für die Union nicht entziehen. Voraussetzung sei aber, dass die Kandidatenfrage nicht im Streit mit Merkel entschieden werden müsse. "Ich hatte nie einen Zweifel, dass er sich nicht verweigern wird", sagte ein Mitglied der CSU-Landesgruppe zur Nachrichtenagentur Reuters. Dessen Chef Michael Glos ließ erkennen, dass die Berliner CSU-Abgeordneten für Stoiber plädieren. Dass die Landesgruppe bei einem Antreten Stoibers mit einem guten Abschneiden bei der Bundestagswahl 2002 in Bayern rechne, sei kein Geheimnis, sagte Glos dem Deutschlandradio Berlin.

Entscheidung in Wildbad Kreuth

Anlass für die neuerliche Kandidatendebatte sind angebliche Pläne mehrerer CDU-Landeschefs und -Ministerpräsidenten, Merkel zu einem Verzicht auf die Kandidatur zu bewegen. In der CSU hieß es, dass Stoiber nur als Kanzlerkandidat antreten werde, wenn Merkel den CSU-Chef darum bitte. "Die CDU muss deutlich zu erkennen geben, was sie will", sagte ein CSU-Landesgruppenmitglied.

DDP
Für Stoiber komme es nicht in Frage, gegen den Willen Merkels nach der Kanzlerkandidatur zu greifen. Dass eine Entscheidung für Stoiber auf dem Treffen der CSU-Landesgruppe Anfang Januar in Wildbad Kreuth fallen könne, wurde in der CSU zurückgewiesen. "Das ist absoluter Quatsch", hieß es in der Landesgruppe mit Blick auf einen entsprechenden Bericht der "Bild"-Zeitung.

Mehrere führende Unionspolitiker warnten dagegen davor, kurz nach dem CDU-Parteitag in Dresden erneut eine Kandidatendebatte zu führen. "Jede öffentliche Debatte darüber müsste eigentlich tabu sein", sagte CDU-Vizechef Christian Wulff der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der nordrhein-westfälische CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers zeigte sich im Deutschlandfunk "richtig sauer", weil Verabredungen nicht eingehalten würden.

Angela Merkel blieb erneut nichts anderes übrig, als tapfer klar zu stellen, dass sie mit Stoiber bei dem in Dresden noch einmal bekräftigten Fahrplan bleibe, Anfang 2002 über den Schröder-Herausforderer zu entscheiden.

Schadenfreude dagegen bei der SPD. Generalsekretär Franz Müntefering sagte, die Sozialdemokraten freuten sich über die Verlässlichkeit, die die Union in der Debatte um ihren Kanzlerkandidaten zeige: "Nachdem das Klatschen verhallt ist, blüht wieder der Klatsch."

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