Kanzler-Souffleure Globke, die Sphinx der Effizienz

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik viele Trouble Shooter, Souffleure und Sprachrohre der Kanzler. Einer der umstrittensten Organisatoren der Regierungsmacht war Hans Globke, die Graue Eminenz in der Ära Konrad Adenauer.

Von Franz Walter


Die Amtsführung Globkes wurde eine Art Maßstab für das Gros der ihm folgenden Chefs in den jeweiligen Kanzlerämtern. Globkes Einfluss auf Personal und Administration in der Bonner Politik der ersten Jahrzehnts war singulär. Er war in der Konstituierungsphase der westdeutschen Republik der alles entscheidende Mann im Palais Schaumburg, auf den sich der erste deutsche Bundeskanzler operativ nahezu vorbehaltlos stützte.

Globke (r.) und Adenauer (Aufnahme von 1951): "Graue Eminenz" im Kanzleramt
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Globke (r.) und Adenauer (Aufnahme von 1951): "Graue Eminenz" im Kanzleramt

Ein renommierter Chronist und Analytiker der Kanzlerdemokratie schrieb in den 1960er Jahren daher pointiert von der "Ära Adenauer/Globke". Jedenfalls bewegte Globke heftig die Phantasie der politischen Beobachter jener bundesrepublikanischen Aufbaujahre unter Adenauer. Globke war für sie eine moderne Ausformung des Kapuzinerpaters Père Joseph, jenes legendären, geheimnisumwitterten Beraters von Kardinal Richelieu im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts.

Globke war die Sphinx vom Rhein. Man hörte nichts von ihm. Man sah ihn kaum einmal in der Öffentlichkeit. Er agierte in den Dunkelkammern, im Schatten der politischen Macht, verschwiegen und geräuschlos. Globke war kein Mann des Rampenlichtes, des prunkvollen Premierenabends, des glamourösen Presseballs. Aber er galt als der Mann, der alle wichtigen Fäden der politischen Macht in seinen Händen hielt, der über die entscheidenden Karrieren entschied, der mehr als jeder andere das Ohr des Kanzlers hatte. Kurzum: Das Bonner Pressekorps raunte von der "grauen Eminenz", wenn es um die Rolle des Staatssekretärs im Bonner Kanzleramt ging.

Während der ganzen Amtszeit hoch umstritten

Globke war während seiner ganzen Amtszeit durchweg hoch umstritten, war immer wieder Ziel heftiger und verbitterter Angriffe von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, Linksintellektuellen. Er wurde für die Kritiker der Adenauer-Ära zur Inkarnation der Restauration, zum Symbol der Nachlässigkeiten des ersten Kanzlers und seiner Partei gegenüber schuldig gewordenen Funktionsträgern des "Dritten Reiches". Er hielt sich politisch nur, weil Adenauer ihn stur und hartnäckig stützte.

Ein weltanschaulich angetriebener Nationalsozialist war Globke in den braunen Jahren nicht. Auch formal gehörte er, im Unterschied zu zahlreichen anderen Beamten nach 1933, der NSDAP niemals an. Doch watete er Mitte der dreißiger Jahre in den widerwärtigsten Schlamm des Regimes. Globke war seit 1929 Beamter des preußischen Innenministeriums; 1933 avancierte er zum Oberregierungsrat, 1938 zum Ministerialrat. Den offiziellen Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen schrieb er 1936 als Leiter des Personenstandsreferats im Ministerium. Auch bei der juristischen Kommentierung der Zwangsänderung jüdischer Vornamen führte er die Feder. Insofern zählte Globke zu den keineswegs raren Fachleuten, Experten, Administratoren aus der bürgerlichen Elite vor 1933, ohne die das nationalsozialistische Regime nach 1933 kaum funktionsfähig gewesen wäre. Darin, in der bürokratischen und juristischen Unterkellerung der nationalsozialistischen Despotie, lag die exklusive Schuld des Hans Globke, die er auch nach 1945 nicht abstreifen konnte.

Das diskreditierte ihn für die bundesdeutsche Republik begreiflicherweise bei Linken und Liberalen, vor allem natürlich bei vielen Opfern, Verfolgten und Unterdrückten der Nazi-Diktatur. Für sie war es ganz unerträglich, dass der Interpret des Rassenwahns im bundesdeutschen Staat an den Schalthebeln der Macht hantierte. Globke selbst steckte seine moralische Last nie gleichgültig weg. Globke war kein nationalsozialistischer Gesinnungstäter. Er war wohl auch in den dreißiger Jahren und danach in erster Linie gehorsamer Diener seiner katholischen Kirche. Globke blieb auf seinem Regierungsposten, er schrieb seine amtlichen Kommentare, verfasste ministerielle Ausführungsbestimmungen, weil ihn der Berliner Bischof, Konrad Graf von Preysing, dazu anhielt.

Doppelexistenz im Nationalsozialismus

Globke arbeitete gleichsam als Beauftragter der katholischen Kirche im Reichsinnenministerium. Er informierte seinen Bischof bis zum katastrophalen Ende des Nationalsozialismus über innere Vorgänge im Ministerium, über Gesetzesvorlagen, über Personalangelegenheiten. In den vierziger Jahren stand Globke überdies in Kontakt mit Widerstandskreisen, die er ebenfalls mit Nachrichten versorgte. Ein ganzes Konvolut von Ehrenerklärungen davongekommener Nazi-Gegner konnte das nach 1945 überzeugend belegen. Seine Doppelexistenz im Nationalsozialismus aber verstärkte Globkes zuvor schon außerordentlich introvertiertes Wesen. Er hatte sich während all dieser Jahre noch mehr verpuppt. Das wurde ihm zur zweiten Natur.

An in sich gekehrten Menschen gab es wohl selbst im durchaus schwatzhaften politischen Bonn noch einige mehr als nur Globke. Aber an Globkes weitere Fertigkeiten kamen sie nicht heran. Am stärksten stachen bei Globke seine außerordentlichen Personalkenntnisse heraus. Globke wusste fast alles über das politische und administrative Personal in Bonn und noch darüber hinaus. Er war da ein wandelndes Lexikon; er wusste über die Lebensgeschichten Bescheid, über schulische und berufliche Qualifikationen und oft genug auch über persönliche Faibles und Verfehlungen. Immer wieder wurde in jenen Jahren gemunkelt, aber nie ganz überzeugend belegt, dass der Kanzleramtschef üppige Dossiers, wenn nötig auch mit Hilfe geheimdienstlicher Recherchen, über alle möglichen Politiker zusammengestellt habe.

Das machte ihn zur wichtigsten Figur im Umfeld Adenauers. Ohne Globke wäre die Politik Adenauers erheblich störanfälliger, ob man es mag oder nicht: weit weniger erfolgreich gewesen. Denn Globke war der Spezialist für alle kniffligen Fälle. Wann immer sich ein Problem ergab, dann ging Adenauer damit zu Globke und lud es auf dessen Schultern ab. Globke ertrug das alles gleichmütig, ohne den geringsten Protest, eben dienend, wenngleich in den letzten Jahren der Ära Adenauer nur noch unter größten Kraftanstrengungen, mehr krank schon als gesund. So wurde Globke unter Adenauer zum mächtigen Mann in Bonn. Er übertraf an Einfluss alle Minister. Politisch gab es in jenen Jahren keinen besser informierten Menschen in Deutschland. Und doch musste Adenauer ihn deshalb nicht beargwöhnen.

Globke verfügte über Macht und Einfluss nur so lange, wie er sich in aller Stille damit ganz und gar undemonstrativ begnügte und sie allein zum Nutzen seines Kanzlers anwandte. Globke kannte seine durch Schuld gesetzten Grenzen, und das machte ihn mächtig. Hätte er mehr gewollt, wäre ihm der Einfluss entglitten. Aber Globke wollte nicht mehr, konnte nicht mehr sein als das, was er war – und deshalb wurde er zum Maßstab des verschwiegenen, pragmatischen, allwissenden, allein aus dem Hintergrund agierenden, seinem obersten Herrn loyal ergebenen Kanzleramtschefs in der zweiten deutschen Republik.

Seit Brandt dominierte nüchterner Pragmatismus

Doch darin lag, seit den Zeiten Helmut Schmidts bereits, auch ein Problem. Dem Pragmatismus der loyalen Kanzleramtsmanager und all ihrer dienenden Maschinisten der Macht im engeren Umfeld fehlte diesseits des perfekten Administrierens überwiegend die konzeptionelle Richtschnur, die ideelle Fassung, der orientierende Fluchtpunkt, was in der ruhebedürftigen, gegenüber allen großen Deutungen skeptischen Gesellschaft der fünfziger Jahre gewiss kaum nachgefragt wurde, seit den achtziger Jahren aber als Defizit sich mehr und mehr negativ auswirkt.

Seitdem Willy Brandt das Kanzlerpalais verließ, dominierte in den Bonner und Berliner Regierungszentralen - während der Zeit der unzweifelhaft umsichtig-kompetenten Kanzleramtschefs Schüler, Schäuble, Seiters, Bohl, Steinmeier und de Maiziere - vorwiegend nüchterner Pragmatismus, kühle Machtpolitik, der Imperativ täglichen Krisenmanagements, was den früh installierten Maßstäben akkurater Verwaltungstechnik gewiss entsprach, überzeugungskräftige Leitideen und sinnträchtige Zielbegriffe für eine moderne, beteiligungsintensive, bürgergesellschaftliche Demokratie indessen nicht mehr hervorbrachte.

Insofern hat der Staatssekretär im Palais Schaumburg die Maßstäbe für die bundesdeutsche Republik in der Tat nachhaltig fixiert. Wahrscheinlich stehen auch heute die Kriterien der Effizienz, Reibungslosigkeit und administrativer Perfektion höher im Rang des vom Wahlbürgertums erwarteten Regierungshandelns als die Tugenden leidenschaftlicher Kontroversen, unaufgeregter Fehlerkorrekturen, reflexiver Debatten. Es ist bemerkenswert, wie wenig auch die sozialliberalen Aufbrüche der siebziger und rot-grünen Projekte der neunziger Jahre an diesem Globkismus hierzulande geändert haben.



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