Kanzlerauftritt in Augsburg Wie Schröder das Bierzelt zum Toben bringt

Diesmal kam er ohne Gummistiefel. Als Flutkanzler und Bayernfreund präsentierte sich Gerhard Schröder in Augsburg und entzückte das Publikum mit einer schlichten Rezeptur: Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freiheit und ganz viel Nostalgie.

Von , Augsburg


Schröder in Augsburg: Die Flut war schon weg
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Schröder in Augsburg: Die Flut war schon weg

Augsburg - Die Flut ist schon weg, als Schröder nach Augsburg kommt. Die Pegelstände waren in den letzten Tagen zurückgegangen, die Einsturz gefährdete Autobahnbrücke gerettet, der Katastrophenalarm längst aufgehoben. Nur ein leichter Regen fällt an diesem Donnerstagabend, als die Wagenkolonne vor dem Rathaus eintrifft. Der Kanzler steigt hundert Meter vor dem Ziel aus dem Auto und geht den Rest zu Fuß. Auf dem Platz ist Sand aufgeschüttet, ein Beachvolleyball-Turnier ist gerade im Gange. Die wenigen Zuschauer auf der Tribüne drehen sich um. "Geh heim" ruft einer, "Bravo" ein anderer. Schröder winkt unter dem Regenschirm hervor.

Anlass für Schröders Besuch ist ein Wahlkampfauftritt, eine lange geplante Kundgebung auf dem Volksfest "Am Plärrer". Überlegungen im Kanzleramt, vor dem Abendtermin eventuell das Hochwasser vor Ort zu besichtigen, waren auf Grund der entschärften Lage wieder verworfen worden.

Aber auch ohne Gummistiefel gibt Schröder in Augsburg den Flutkanzler. Nach dem Gespräch mit dem SPD-Oberbürgermeister steht er im Fürstenzimmer des Rathauses aus der Fugger-Zeit, "des schönsten in Deutschland", wie Schröder dem Gastgeber versichert, und erzählt von seinem Treffen mit Edmund Stoiber am Nachmittag. Er hatte sich selbst in die Münchner Staatskanzlei eingeladen und blieb eine Dreiviertelstunde, zum Leidwesen des bayerischen Ministerpräsidenten, der die Rolle als Flut-Manager nun teilen muss.

Ernst redet Schröder im Fürstenzimmer von der "Fürsorgepflicht, die wir haben", und dass es heute nicht um Parteipolitik oder Wahlkampf gehe, sondern einzig und allein um ein "Signal an die Betroffenen". Leider gebe es "rechtliche Schwierigkeiten": So sei eigentlich nicht vorgesehen, dass die Bundesregierung helfe, wenn nur ein Bundesland von einer Katastrophe betroffen ist. Aber in diesem Fall hoffe er, dass man das Gesetz offensiv auslegen könne. Er kündigt an, die Arbeitsgruppe von Justizministerin Zypries, die die Flut von 2002 erfolgreich gemanagt habe, wieder einzusetzen und Bundeshilfen zu prüfen. So könnte man vielleicht die Agrarausgaben aufstocken und sie in den Hochwasserschutz leiten. Auch die Deutsche Bahn und der Bundesverkehrminister sollen zusehen, wie sie helfen können, sagt Schröder.

Der Kanzler in Bayern: "Fürsorgepflicht, die wir haben"
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Der Kanzler in Bayern: "Fürsorgepflicht, die wir haben"

Die gleichen Versprechen macht er wenig später in dem überfüllten Bierzelt "Schaller Treff". Knapp 3000 Fans sitzen auf den Holzbänken. Weitere tausend, die nicht rein passen, stehen draußen. Wie überall, wo Schröder in diesen Tagen auftaucht, sprengt der Ansturm alle Erwartungen. Am Vortag waren zehntausend nach Esslingen gekommen, am Montag in Magdeburg waren es 8000. Böse Zungen behaupten, das liege daran, dass Schröders Wahlkampf als Abschiedstournee wahrgenommen werde. Bei Helmut Kohl habe es 1998 einen ähnlichen Effekt gegeben. Schröder selbst interpretiert das naturgemäß anders. Er sieht darin das gesteigerte Interesse der Menschen an seinen Argumenten.

Das Augsburger Publikum ist begeisterungsfähig, sehr begeisterungsfähig. Als der Oberbürgermeister in seinen einleitenden Worten an Schröder gewandt sagt: "Du sollst der Bundeskanzler bleiben", schwellt der Applaus an, und die Leute trampeln mit den Füßen auf den Holzboden. Es ist nicht das letzte Mal an diesem Abend.

Augsburg sei die "Friedensstadt", fährt der Oberbürgermeister fort, und er sei stolz darauf, dass der "Kanzler des Friedens" sich in das Goldene Buch eingetragen habe. Schon vorher im Rathaus hatte er mehrfach daran erinnert, dass die Stadt dieses Jahr das 450-jährige Jubiläum des "Augsburger Religionsfriedens" feiere. Er vergisst auch nicht, den traditionellen Friedenspreis der Stadt zu erwähnen. Wider Erwarten geht der allerdings nicht an Schröder, sondern an den Leipziger Pastor Christian Führer, der vergangenen Sommer als Anführer der Hartz-IV-Proteste Aufsehen erregt hatte.

Schröder, sichtlich aufgeputscht vom Publikumszuspruch, hält eine makellose Rede. Zu Beginn kokettiert er wie schon im Wahlkampf 2002 damit, dass er ja bayerischer Staatsbürger sei. Laut Artikel sechs der bayerischen Verfassung gebe es drei Wege, Bayer zu werden: Geburt, Verleihung durch die Landesregierung, oder Heirat einer Bayerin. Die ersten beiden seien ihm versagt geblieben, das dritte sei ihm "zu meinem großen Glück" gelungen. Und gleich folgt die bekannte Geschichte, dass Doris Schröder-Köpf bei der "Augsburger Allgemeinen" volontiert und viele Jahre in Augsburg gelebt habe.

Die Kanzlergattin spielt eine herausragende Rolle an diesem Tag. Scheinbar mühelos passt Schröder seine übliche Wahlkampfrede an die örtlichen Besonderheiten an. Er schlägt den Bogen von der Flut zur rot-grünen Energiepolitik und gibt dabei dem amerikanischen Präsidenten noch einen Seitenhieb mit. Die Flut-Katastrophe zeige, "dass wir recht hatten". Wer meine, die Ökonomie auf Kosten der Ökologie pflegen zu können, sei auf dem falschen Dampfer. Rot-Grün habe dafür gesorgt, dass über die Bebauung von Ufern wieder geredet werde. Eine "Wende rückwärts" dürfe es nicht geben. In dem Zusammenhang erwähnt er auch gleich noch das Klimaschutzabkommen von Kyoto. "Wir sagen es auch unseren amerikanischen Freunden: Wir wollen Kyoto II".

Ungewöhnlich hart geht Schröder "diesen Finanzprofessor da aus Heidelberg" an. Gemeint ist der Finanzexperte des Merkel-Kompetenzteams, Paul Kirchhof. Dessen Steuerpläne, die einen Einheitssteuersatz von 25 Prozent und die Streichung aller Abschreibemöglichkeiten vorsehen, nennt Schröder "zutiefst illusorisch und ungerecht". Die Verlierer wären "diejenigen, die arbeiten, wenn wir anderen auf der Matte liegen", nämlich Nacht- und Schichtarbeiter. Die Union gefährde die "Friedlichkeit des Reformprozesses", donnert Schröder.

Als der Kanzler im zweiten Teil seiner Rede, inzwischen wieder leise und staatsmännisch geworden, über die "ungeheure" Bedeutung Russlands doziert, ruft ein Mann "Willy Brandt Schröder". Erfreut blickt Schröder auf und meint, den Vergleich würde er zwar nicht ziehen, aber er hoffe doch, dass eine Kamera ihn aufgenommen habe. Richtig aus dem Häuschen gerät das Zeltpublikum bei Schröders Satz, dass die deutsche Außenpolitik in Berlin gemacht werde, gefolgt vom obligatorischen Zweifel, ob das unter Merkel wohl so bleiben werde. Es wird getrampelt, es gibt Standing Ovations, der Applaus wird rhythmisch, das Zelt tobt.

Der Abend ist ein "Best of Schröder", doch in der Begeisterung geht wie jedes Mal unter, dass die Wahlkampfrede eine reine Bilanzrede ist. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freiheit und ganz viel Nostalgie. Außer der besseren Kinderbetreuung erwähnt Schröder kein Thema aus dem SPD-Wahlmanifest, das er in Zukunft angehen möchte. Nach einer Dreiviertelstunde sagt er: "Man muss keine zwei Stunden in einem bayerischen Bierzelt reden". Damit ist Schluss. Er bekommt ein Glücksschwein geschenkt, minutenlange Ovationen und fliegt noch am Abend zurück nach Berlin.



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