Kanzlerbesuch am Vater-Grab Schröders stiller Friedhofsgang

Kanzler Schröder hat zum ersten Mal das Grab seines in Rumänien gefallenen Vaters besucht. Mit einem Korb weißer Rosen und blauer Stiefmütterchen schritt er allein über den Friedhof. Es sollte ein privater Besuch sein, doch das kleine Dorf Ceanu Mare hatte große Hoffnungen darauf gesetzt.

Aus Ceanu Mare berichtet




Ceanu Mare: Gerhard Schröder (3.v.l.) und der rumänische Priester Daniel Crisan (l.) beim Verlassen des Friedhofs
REUTERS

Ceanu Mare: Gerhard Schröder (3.v.l.) und der rumänische Priester Daniel Crisan (l.) beim Verlassen des Friedhofs

Die Sonnenblumenfelder leuchten, die Sonne brennt fast senkrecht vom Himmel - der Donnerstag ist perfekt für das Jahrhundertereignis im kleinen rumänischen Ort Ceanu Mare. Der 43-jährige Gabi Cuc ist extra aus der Kreisstadt Cluj in sein Heimatdorf gekommen. Er lehnt neben seinem Vater am Zaun und beobachtet zum ersten Mal die Vorarbeiten eines Staatsbesuchs. Ein "privater Besuch" soll es werden, doch das ist von vornherein illusorisch. Das lokale Fernsehen hatte die ganze Woche berichtet.

Bullige Sicherheitsleute durchkämmen jedes Haus und jeden Vorgarten rund um die Kirche nach Reportern und Papparrazi. Um elf Uhr ist die Gegend geräumt, das halbe Dorf steht in Sonntagskleidung an der leicht ansteigenden Straße, die zum Bürgermeisteramt führt. Oben hat sich eine Phalanx von Kameras aufgebaut. Die Feldarbeit ruht.

Die Wagenkolonne taucht um 12.10 Uhr unterhalb der Kirche auf. Die Kameraleute müssen ihre Teleobjektive auf den Boden richten: Der deutsche Kanzler will absolute Privatheit, wenn er zum ersten Mal am Grab seines Vaters steht, den er nie kennen gelernt hat. Hinterher gibt es großes Lob von der deutschen Seite. Zuschauer und Journalisten hätten sich sehr respektvoll verhalten.

Schröder sei ganz allein gewesen, erzählt Daniel Crisan, der griechisch-orthodoxe Pfarrer der Gemeinde. Selbst der rumänische Premierminister Adrian Nastase muss während der Schweigeminute am Grab außerhalb des Kirchhofzauns warten. Bei der kurzen Zeremonie in der Kirche sind genau vier Leute anwesend: Schröder, Crisan, ein Übersetzer und ein Sänger. Crisan bricht das Brot, der Sänger stimmt ein Totenlied an. Tränen habe er bei Schröder nicht gesehen, sagt der Sänger, aber "vibriert" habe er.

Grab in Ceanu Mare: Erst vor drei Jahren erfuhr Gerhard Schröder, dass sein Vater hier begraben ist
AP

Grab in Ceanu Mare: Erst vor drei Jahren erfuhr Gerhard Schröder, dass sein Vater hier begraben ist

Währenddessen steigt vor dem Bürgermeisteramt die Spannung. Ein fünfköpfiges Empfangskomittee wartet auf den hohen Gast. Bürgermeister Gavrila Oros hat in der Nacht vor Aufregung kaum geschlafen, verrät seine Frau. Der 75-jährige Marcu Hadarean, der im Oktober 1944 gesehen hatte, wie die Leiche des Obergefreiten Fritz Schröder in das Gemeinschaftsgrab geworfen wurde, sitzt erwartungsvoll auf einer der frisch gestrichenen Bänke. Der Kanzler wird ihm die Hand schütteln.

Als Schröder auf der Straße tritt, beginnt ein Riesenapplaus. Oros begrüßt ihn mit Salz und Brot. Dann verschwinden sie zu einer kurzen Unterredung. Die Deutschen haben einen Siemens-Computer mitgebracht sowie ein Dutzend Fußbälle. Kinder werden angewiesen, vor den Kameras ein bisschen zu kicken.

Der Kanzler geht so schnell, wie er gekommen ist. Nach einer guten halben Stunde ist der Spuk vorbei, der Tross wieder auf dem Weg nach Bukarest. Zurück bleiben aufgeregte Dörfler, die ihre Eindrücke mitteilen. "Ich habe nichts gesehen", mäkelt Englischlehrerin Elena Bindean. Ein 13-jähriges Mädchen hingegen hat Schröders Hand geschüttelt. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal den deutschen Kanzler treffen würde", sagt sie mit einem schüchternen Lächeln. Den ehemaligen Dorfpfarrer Pater Bob, der das Grab 15 Jahre lang gepflegt hatte, trifft Schröder nicht. "Ich bin nicht enttäuscht", versichert der Pater tapfer. Doch ganz nimmt man ihm das nicht ab.

Auf der Straße wird das einstige KP-Parteiorgan "Die Wahrheit" aus Cluj verteilt. "Schröder untreu", lautet die Schlagzeile. Es ist eine alte Geschichte, die bereits 2001 verbreitet, aber nie bewiesen wurde: Eine Frau behauptet, ihre Tante habe damals ein Verhältnis mit dem Soldaten Fritz Schröder gehabt, während dessen Frau Erika zuhause mit dem kleinen Gerd wartete.

Fritz Schröder: Der Vater des Kanzlers fiel 1944
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Fritz Schröder: Der Vater des Kanzlers fiel 1944

Das Gerücht kann Oros' überschwängliche Stimmung nicht trüben. Er ist noch im Bann des Kanzlers. "Es war so ein normaler Besuch", sagt der Kommunalpolitiker. Die Erleichterung ist ihm anzusehen. Nie war in Ceanu Mare ein hoher Politiker gewesen, und nun hatte er Gelegenheit, gleich zwei Regierungschefs sein Leid zu klagen. Er bringt das Hauptproblem Ceanu Mares zur Sprache: fehlendes Trinkwasser. Nastase sagt ihm vollste Unterstützung für das 1,2-Millionen-Euro-Projekt zu.

Schröder lobt das Dorf und den gepflegten Zustand des Grabs. Mit der Presse redet er nicht. Es sollte ein "Besuch des Schweigens" sein, verlautet aus seinem Umfeld. "Er war sehr bewegt und froh, dass seine Privatsphäre respektiert wurde", sagt Oros. "Er hat mir gesagt, er werde alles seiner bald 91-jährigen Mutter erzählen." Der Bürgermeister konnte sich auch nicht zurückhalten mit der wichtigsten Frage, die allen Dörflern auf der Zunge liegt: Wird Schröder wiederkommen? "Er sagte, versprochen."



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