Kanzlerin in der Krise Warum Merkel so unentschlossen wirkt

Adenauer hatte seinen Lenz, Brandt seinen Ehmke, Schröder seinen Hombach – aber wen hat Angela Merkel? Nur mit devotem Grau in Grau im Umfeld können Kanzler politisch nicht reüssieren. In Berlin fehlt ein kraftvoller, phantasiereicher, unbeirrt originärer Troubleshooter.
Von Franz Walter

Göttingen - Regierungschefs verfügen in aller Regel über eine Entourage von absolut loyalen, unbedingt diskreten, hundertprozentig verschwiegenen Beratern. Konrad Adenauer hatte seinen Hans Globke, Helmut Schmidt stützte sich auf Manfred Schüler, Gerhard Schröder vertraute Frank-Walter Steinmeier, und Angela Merkel verlässt sich auf Beate Baumann. Doch immer wieder gibt es Situationen, in denen Kanzler auch einen anderen, einen weiteren Typus in ihrer Gefolgschaft benötigen: Den umtriebigen, durchaus geltungsgeneigten Troubleshooter, der zuweilen eine Menge Wirbel veranstaltet, dadurch seinen obersten Chef in schwierigen Momenten aus der Schusslinie zieht, so gewissermaßen als knüppelharter Prellbock fungiert.

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in die Geschichte der deutschen Kanzlerdemokratie. Adenauers Prellbock hieß Otto Lenz. Ihn holte er 1951 zu sich ins Kanzleramt, da er jemanden brauchte, der die zu Beginn der fünfziger Jahre keineswegs regierungsfreundliche öffentliche Meinung neu prägte. Die demoskopischen Werte für das Kabinett Adenauer waren besorgniserregend. Der Motor des großen Wirtschaftswunders war noch nicht recht angesprungen. Mit den Gewerkschaften gab es Querelen über die Unternehmensmitbestimmung. Und das kriegsmüde Volk haderte mit den Plänen Adenauers zur Wiederbewaffnung.

Die Christliche Union schwächelte enorm; die oppositionellen Sozialdemokraten witterten Morgenluft. Das jedenfalls indizierten die vorangegangenen Landtagswahlen, bei denen CDU bzw. CSU schlimm verloren, so dass selbst dem erfahrene Fuchs an der Spitze der Bundesregierung allmählich die Nerven flatterten. Infolgedessen griff er sich Otto Lenz.

Wirbelwind des Politischen

Dabei mochte er Lenz gar nicht sonderlich. Denn der war ein ganz unabhängiger Mann, der munter jederzeit seine Meinung kundtat, auch wenn er damit den sakrosankten Auffassungen seines Kanzlers widersprach. Mit dergleichen Vorwitz allerdings tat sich der Alte aus Rhöndorf chronisch schwer. Überdies hatte Lenz immer auch eigenen politischen Ehrgeiz, was Adenauer ebenfalls nicht behagte. Doch Adenauer brauchte ihn in der Krise der Regierung und seiner Partei. Denn Lenz war ein political animal, ein ungeheures Energiebündel, ein wahrer Wirbelwind des Politischen, rund um die Uhr als draufgängerischer Kriseneindämmer einsetzbar. Er war ein unermüdlicher Netzwerkschmieder, rastloser Verhandler, phantasiereicher Initiator.

Lenz sollte die öffentliche Meinung umdrehen. Dafür hatte ihn Adenauer in seiner demoskopischen Not auserkoren. Otto Lenz ging dabei beherzt und mit Hilfe einiger durchaus dubioser Reptilienfonds recht unbekümmert zur Sache. Er schickte mehrere junge Menschen in die Vereinigten Staaten von Amerika, damit sie dort die neuen und modernen Wahlkampfmethoden studieren konnten. Er fädelte einige – und seither für die Union stabile – Kontakte zum Allensbacher Meinungsforschungsinstitut ein und tüftelte mit deren Experten griffige, mitunter auch durchaus demagogische Wahlkampfslogans aus.

Unter der Verantwortung von Lenz lancierte die Union sodann den Slogan, dass alle Wege des Sozialismus nach Moskau führen würden. Kurzum, Lenz erwies sich als der zupackende Öffentlichkeitsarbeiter, heute würde man sagen: der effiziente und knallharte Kommunikationsmanager, nach dem Adenauer in der Depression des Jahres1950 so händeringend Ausschau gehalten hatte. Die Baisse der Union war alsbald überwunden. 1953 siegte die Adenauer-Partei triumphal, da sie ihre Wählerquote um 14,2 Prozentpunkte steigerte. Kurzum: Adenauer hatte Lenz einiges zu verdanken; aber nach dem Wahlsieg servierte er ihn dann rasch und gewohnt unsentimental ab.

Mittelstürmer und Ausputzer zugleich

Ein ähnlicher Typus, wenngleich weit ehrerbietiger gegenüber seinem Herrn, war Horst Ehmke, der zwischen 1969 und 1972 für Bundeskanzler Willy Brandt die Regierungszentrale dirigierte. Ehmke war ganz ähnlich wie Lenz ein Draufgänger, ein Kraftpaket, unaufhörlich nach vorne stürmend. Er hatte in Göttingen und Princeton studiert. Mit 34 Jahren erhielt Ehmke bereits seinen ersten Ruf als Ordinarius für Öffentliches Recht nach Freiburg. Ehmke war zwar Professor, aber keineswegs professoral. Dafür agierte er zu vital, gab sich nachgerade bullig. Ehmke ging nicht, wie viele andere Hochschulwissenschaftler, die in die Politik geraten waren, ängstlich, intellektuell, übervorsichtig abwägend vor. Ehmke marschierte vielmehr, fuhr hart die Ellbogen aus, rammte seine Gegner beiseite. Er genoss förmlich die Offerten der politischen Macht.

Sein wirbeliges Temperament war dem Kanzler durchaus von großem Nutzen. Denn Willy Brandt war bekanntlich ein eher kontemplativer Charakter, oft ein wenig zögerlich, in sich gekehrt, introvertiert, eher konfliktscheu, verhalten, mitunter depressiv. Ehmke war das genaue Gegenteil: fröhlich, extrovertiert, für jede Rauferei zu haben, schnell in der Entscheidung, handlungsfreudig. Und so warf sich Ehmke häufig genug für seinen zurückhaltenden Chef in das politische Getümmel, legte sich genüsslich und entschlossen mit allen Rivalen Brandts an, war also Mittelstürmer und Ausputzer in einem, hielt seinen harten Schädel hin, wo der Kanzler seinen Kopf zurückzog, auch vernünftigerweise zurückziehen musste.

Das Zusammenspiel mit Ehmke also bot Brandt einige Vorteile. Je lärmender und schriller der Kanzleramtschef auftrat, desto moderater und ausgleichender wirkte Brandt. Bundeskanzler benötigen eben von Fall zu Fall einen beherzt austeilenden Kämpfer. Brandt brauchte ihn besonders. Solange er Ehmke an seiner Seite hatte, fielen die schwermütigen, gehemmten Seiten an Brandt nicht weiter negativ ins Gewicht. Im Gegenteil, es ging vielen so wie Ehmke selbst: Man liebte es an diesem Kanzler, dass er Autorität ohne autoritäres Auftreten ausstrahlte, mitunter gar verletzlich und verletzt wirkte, dass aus ihm und seiner Haltung Gebrochenheit, Reflexion, Nachdenklichkeit, etwas Suchendes und Schweifendes sprach. Für den forschen Aktivismus war eben Ehmke zuständig.

Mit gezielten Indeskretionen gegen den Konkurrenten

Zu den Prellböcken dieser Facon ließ sich unzweifelhaft auch der Zwei-Meter-Hüne Bodo Hombach in den ersten Monate der Regierung Schröder zählen. Der neue rot-grüne Regierungschef aus Hannover, vom Typ selbst - und darin ganz anders als Brandt - ein politischer Stierkämpfer, brauchte den ihm durchaus kongenialen Mann aus dem Ruhrgebiet seinerzeit dringend. Denn Gerd Schröder hatte sich eines lästigen Rivalen zu erwehren, der unverkennbar Einfluss und beherrschenden Zugriff auf das Kanzleramt und die Richtlinien der Regierungspolitik nehmen wollte: Oskar Lafontaine.

Daher hievte Schröder anfangs Hombach – und zunächst nicht, wie allseits erwartet, Frank-Walter Steinmeier – an die Spitze der Regierungszentrale, um die Ansprüche und Attacken des SPD-Vorsitzenden auch politisch entschlossen parieren zu können. Schließlich war Hombach, ein Mann mit beträchtlichem Tatendrang und Ideenreichtum, der bekennende „Modernisierer“, wo Lafontaine als traditionalistischer Keynesianer auftrat. Hombach zimmerte an einer Gegenideologie zur Politik des sozialdemokratischen Superministers aus dem Saarland. Der Chef im Kanzleramt ernannte Ludwig Erhard zum Ahnherrn einer modernen Sozialdemokratie, plädierte für eine „Angebotspolitik von links“, schrieb am sogenannten „Schröder-Blair-Papier“ mit und proklamierte die „Neue Mitte“.

Und von Fall zu Fall lancierte Hombach, der über intime Kontakte zu den Medien verfügte, gezielt Boshaftigkeiten und Indiskretionen über Lafontaine, bis der im März 1999, überraschend schnell mürbe gemacht, dann politisch resignierte und von einem Tag zum anderen das Feld räumte. Schröder hatte dank seines Hombachs das politische Mensch-ärgere-Dich-Spiel rasch und rundum gewonnen. Damit hatte der Prellbock seine Funktion schon erfüllt. Und so wurde Hombach, ganz ähnlich wie Lenz, auch rasch abgeschoben.

Die Furcht unsouveräner Kanzler

Zuweilen also brauchen Kanzler ihren Troubleshooter. Zuweilen genügen nicht allein die absolut loyalen, diskreten, unauffällig im Hintergrund agierenden Bürokraten der Macht. Zuweilen benötigen Bundeskanzler die Hilfe jener extrovertierten Selbstdarsteller, um in der Öffentlichkeit einigen nützlichen Budenzauber zu entfesseln, auch um neue, nicht unheikle Einfälle und gewagte konzeptionelle Überlegungen auszutesten.

In aller Regel stehen Kanzler ihren Prellböcken denkbar misstrauisch gegenüber. Sie sind ihnen zu selbstgefällig, zu eitel, zu unberechenbar, zu ehrgeizig, zu stark mit eigenen Interessen und Plänen unterwegs. Man kann auch sagen: Sie sind den Kanzlern ganz einfach zu ähnlich. Insofern dulden gerade unsouveräne Kanzler diesen durchaus brillanten und beweglichen Typus, dessen Konkurrenz sie fürchten, nicht oder nur höchst ungern um sich.

Und vielleicht ist es infolgedessen kein Zufall, dass man sich unwillkürlich fragt, wer denn eigentlich der Prellbock, das Energiebündel, die Ideenmaschine, der phantasiereiche Initiator von Projekten und Perspektiven bei Frau Merkel derzeit ist. Nur mit devotem Grau in Grau im eigenen Umfeld können Kanzler jedenfalls politisch nicht reüssieren. Die gegenwärtige Malaise der Großen Koalition mag auch damit zusammenhängen. In der Merkel-Müntefering-Republik - in der die Kanzlerin einen Mann wie Friedrich Merz und der Vizekanzler eine Frau wie Andrea Nahles nicht ertrugen - fehlen ganz einfach die kraftvollen, phantasiereichen, verwegenen, unbeirrt originären Troubleshooter der Politik.

Franz Walter ist Parteienforscher an der Universität Göttingen und regelmäßiger Autor für SPIEGEL ONLINE

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