SPIEGEL-Spitzengespräch über Corona "Es ist nicht Aufgabe der Regierung, mit Angst Politik zu machen"

Droht ein Shutdown bis Weihnachten? Können wir auf einen Impfstoff hoffen? Diese Antworten gaben Karl Lauterbach, Wolfgang Kubicki sowie die Medizinerinnen Franziska Knolle und Ute Teichert im SPIEGEL-Spitzengespräch.
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) im SPIEGEL-Studio

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) im SPIEGEL-Studio

Foto: DER SPIEGEL

Ute Teichert blickt mit Sorge auf die kommenden Wochen. "Die Karte färbt sich von Süd nach Nord rot", sagte die Bundesvorsitzende der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes über die Entwicklung der Corona-Infektionszahlen in Deutschland. Viele Gesundheitsämter seien dieser extremen Belastung kaum gewachsen, die Politik habe sie über den Sommer nicht ausreichend vorbereitet.

"Wenn die Zahlen weiter so rapide hochgehen, wie sie es gerade tun, können sie sich vorstellen, wie viel Arbeit vom einen auf den anderen Tag in den Gesundheitsämtern anfällt", sagte Teichert im neuen SPIEGEL-Spitzengespräch mit Markus Feldenkirchen. Die Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten ließe sich dann kaum noch bewerkstelligen.

Ob und wie gut Deutschland in seinen zweiten Shutdown seit den massiven Kontaktbeschränkungen im Frühjahr gestartet ist – und welche Herausforderungen in den Wintermonaten bevorstehen, das waren die Fragen der SPIEGEL-Talkrunde. Neben Teichert waren die Medizinerin Franziska Knolle von der TU München, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, FDP-Vize Wolfgang Kubicki sowie SPIEGEL-Redakteur Veit Medick geladen. Der Tenor bei allen: verhalten pessimistisch.

"Wir sind knapp vor einer Notlage in den Intensivstationen."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach

"Wir laufen der Welle hinterher, wir kommen nicht vor sie", sagte Lauterbach. Infiziert sich jemand, würden seine Kontakte mühsam aufgespürt und dann getestet. Dem SPD-Politiker schwebt stattdessen ein radikaleres Modell vor, wie es asiatische Länder wie Japan vollziehen: Alle Menschen, die mit einem Neuinfizierten in engen Räumen zusammen waren, kommen dort sofort in Quarantäne. Dies würde helfen, die Verbreitung des Virus durch sogenannte Superspreader zu verhindern. So wie es jetzt laufe, drohe schon bald die Überlastung der Kliniken: Infizierte lägen aktuell mehr als drei Wochen auf Station, in der Zeit kommen viele neue Patienten nach. "Wir sind knapp vor einer Notlage in den Intensivstationen", prophezeite Lauterbach.

Was wird aus Weihnachten und Silvester?

Auch der FDP-Politiker Kubicki warnte vor einer weiteren Belastung des Gesundheitssystems, schlug anders als Lauterbach aber vor, den "Fokus auf vulnerable Gruppen" zu richten. Besonders in Alters- und Pflegeheimen müssten Menschen besser vor der Pandemie geschützt werden. Er will die Heime umfangreich mit wirkungsvollen FFP2-Masken ausrüsten.

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Kubicki und Lauterbach äußerten unisono die Sorge, dass das geplante Ende des Shutdowns Ende des Monats zu früh kommen könnte. "Ich befürchte, dass die Infektionszahlen auch Ende November noch nicht heruntergehen", sagte Kubicki. Dann die Beschränkungen wieder aufzuheben, sorge nur für einen Jo-Jo-Effekt der Maßnahmen den ganzen Winter über.

"Weihnachten und Silvester feiern können wir, aber auf keinen Fall wie im letzten Jahr", mahnte auch Lauterbach. Die Menschen müssten sich überlegen, wie viele und welche Besuche wirklich nötig seien: "Einer kann die ganze Familie krank machen, das muss sich jeder überlegen, ob es das wert ist."

Im Rahmen der Gesprächsrunde wurde auch das neue Buch "Lockdown" vorgestellt. Darin skizzieren SPIEGEL-Redakteure, wie die erste Pandemiewelle dank der Politik wieder abebbte – oder besser: "trotz der Politik", wie es Mitautor Veit Medick formulierte. Im Buch wird beschrieben, wie die Bundesregierung zuerst zu langsam, dann überfordert reagierte. Im Sommer habe man sich auf den niedrigen Zahlen ausgeruht und wenig vorausgedacht, sagte Medick: "Aus dem Modus des Auf-Sicht-Fahrens ist die Regierung bis heute nicht rausgekommen."

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08.12.2022 07.29 Uhr

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Was die Regierung den SPIEGEL-Recherchen zufolge gut hinbekam, war Angst zu schüren. In einem Positionspapier warnte das Innenministerium damals vor Schreckensszenarien: "Viele Schwerkranke [...] sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause."

Angststörungen und Depressionen nehmen zu

Dass Angst kein guter Ratgeber ist, konnte die Neurowissenschaftlerin Franziska Knolle von der TU München bestätigen. In einer Studie hat sie untersucht, wie die Deutschen zu Beginn der Pandemie mit psychischen Problemen umgingen. "Viele Menschen gingen sehr entspannt mit den Restriktionen um", sagte Knolle. "Aber dennoch kam es vermehrt zu psychischen Problemen." 40 bis 60 Prozent der Befragten hätten den klinischen Schwellenwert für Angststörungen und Depressionen erreicht. "Der Shutdown war eine stressige und Situation, also reagierten die Bürger gestresst und verängstigt", sagte Knolle. "Das war erwartbar."

Gefährlich werde das für Menschen mit psychischen Vorbelastungen. Im April und Mai habe der Wert für suizidale Gedanken bei 14,3 Prozent gelegen – ein Anstieg von knapp einem Drittel im Vergleich zum europäischen Mittelmaß vor der Pandemie. "Es ist wichtig, nun herauszufinden, wer am gefährdetsten in der aktuellen Situation ist und dort konkrete Hilfe anzubieten", sagte Knolle. Dort, wo Ämter überfordert und Kliniken überlastet seien, würden sich Patienten, die dringend psychische Hilfe benötigen, sonst zurückziehen, warnte die Ärztin. Die Politik habe im Frühjahr viele Menschen in einen "permanenten Ausnahmezustand versetzt", kritisierte auch SPIEGEL-Redakteur Medick. Nun versuche sie es mit neuen "Angstzahlen" erneut.

"Wir haben keinen Meinungsstreit mehr, keine parlamentarische Debatte über die Maßnahmen."

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach nahm den Vorwurf an, so etwas dürfe nicht wieder passieren: "Es ist nicht Aufgabe der Regierung, mit Angst Politik zu machen." Ein sachliches Gespräch über die Pandemie müsse dennoch möglich sein. "Wir müssen die Sachlage erklären", sagte Lauterbach. "Gefahren ehrlich rüberzubringen ist keine Angstmache."

Kubicki sieht hier vor allem das Parlament als Schlüssel: "Wir haben keinen Meinungsstreit mehr, keine parlamentarische Debatte über die Maßnahmen." Vor jeder OP würde man die Meinung eines zweiten Arztes einholen, bei den Corona-Entscheidungen passiere das nicht. Vor allem die FDP fordert seit Längerem, die Entscheidungen über die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus stärker im Bundestag und den Länderparlamenten zu diskutieren.

Hoffen auf den Impfstoff

Zumindest in einem war sich die Runde einig: Alle legen große Hoffnung auf den neuen Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und des US-Pharmariesen Pfizer. Laut Biontech zeigen die Daten einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Erkrankung mit Covid-19. Die Europäische Union hat bereits einen Vertrag zur Lieferung des vielversprechenden Impfstoffs ausgehandelt.

Lauterbach sagte, das Serum könne zum "Game Changer" werden. Bestätige sich die Wirksamkeit, wäre das "der Weg zur Herdenimmunität". Auch FDP-Mann Kubicki und die Ärztin Teichert sind optimistisch. "Wir haben einen starken öffentlichen Gesundheitsdienst", sagte Teichert. Wichtig sei dann nur, ihn für die bevorstehende Verteilung des Impfstoffs entsprechend vorzubereiten. Bislang operieren viele Gesundheitsämter noch mit Faxen, da müsse dringend mehr Digitalisierung her.

mrc
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