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Markus Feldenkirchen

Corona-Krisenmanagement Warum nicht Lauterbach?

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Viele Bürger mögen genervt sein von seinen ewigen Warnungen. Übersehen wird aber oft, dass Karl Lauterbach auch konstruktive Vorschläge am Fließband produziert. Mit ihm wäre Deutschland vermutlich besser durch die Krise gekommen.
aus DER SPIEGEL 11/2021
Talkshow-Besucher Lauterbach

Talkshow-Besucher Lauterbach

Foto: Jürgen Heinrich / imago images

Man kann den Talkshow-Planern in Deutschland natürlich vorwerfen, dass sie bei der Besetzung ihrer Sendungen stur auf Karl Lauterbach setzen. Man könnte ihnen aber auch zugutehalten, dass sie ganz einfach sein Potenzial erkannt haben. Ich glaube sogar: Mit einem Gesundheitsminister Lauterbach wäre das Land besser durch die Pandemie gekommen.

Gewiss, Lauterbach ist nicht allzu kamerascheu. Sein Sendungsbewusstsein fußt aber auf einem stur angelesenen Fundament, das in der Politik selten ist. Die Emsigkeit, mit der er täglich neue Erkenntnisse auf Twitter aufbereitet, ehe er sie am Abend in der Talkshow erläutert, hat vermutlich mehr zum Pandemieverständnis beigetragen als alle Regierungserklärungen zusammen. Dabei ist er völlig unabhängig von parteitaktischen Zwängen. Wenn eine Flitzpiepe aus seiner Partei die Pandemie mal wieder nicht verstanden hat (schöne Grüße nach Brandenburg!), sagt er das ebenso deutlich wie bei anderen Flitzpiepen.

Aus: DER SPIEGEL 11/2021

Es wird finster

Zwei Monate nach seiner Wahl zum CDU-Chef sieht sich Armin Laschet mit der schwersten Unionskrise seit Jahren konfrontiert. Abgeordnete haben sich an Maskendeals bereichert und fallen durch dubiose Verbindungen nach Aserbaidschan auf. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl scheint das Kanzleramt für die Union nicht mehr sicher.

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Trotzdem gibt es in der landläufigen Lauterbach-Rezeption ein Missverständnis. Vielen gilt er als tumber Lockdown-Fetischist, der alle Bürger am liebsten in den Keller sperren würde – und für den Urlaub im Bett wirbt. Aber seine Warnungen waren fast immer richtig. Er sprach über die Gefahr durch Aerosole, als viele noch an Luftschokolade dachten. Im Sommer warnte er immer wieder vor einer zweiten Welle, als viele Vertreter der Bundesregierung Corona bereits für überwunden hielten – oder sich zumindest so lethargisch verhielten.

Zweimal war Lauterbach schon als Gesundheitsminister im Gespräch. Aber die SPD hat nie wirklich um dieses Ministerium gekämpft.

Übersehen wird bei Lauterbach gern, dass er schlicht und einfach auf Zack ist. Dass er nicht nur Schließungen fordert, sondern ständig neue Vorschläge macht, um künftige Shutdowns zu vermeiden, mal intern, mal öffentlich. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von der Kanzlerin, die ebenfalls eine begnadete Schließerin ist, der darüber hinaus aber nicht allzu viel einfällt. Vom amtierenden Bundesgesundheitsminister sowieso.

Schon Anfang Mai 2020 (!) sagte Lauterbach mir in einem Video-Interview über die Impfstoffproduktion: »Wenn ich erst abwarte, welcher Impfstoff den Erfolg bringt, und dann erst anfange, die Produktion vorzubereiten, dauert die Vorbereitung der Produktion möglicherweise so lange wie die Entwicklung des Impfstoffs. Das heißt: Jetzt ist es sehr, sehr, sehr wichtig, dass wir investieren in Impfstoffe, die möglicherweise später nie produziert werden. Das kann aber nur passieren, wenn das die Staaten machen. Das macht keine Firma. Wir müssen schauen, dass wir das vorbereiten.« Nur neun Monate später kam auch die Bundesregierung auf diesen Gedanken.

Lauterbach war es auch, der sehr früh die staatliche Beschaffung von Luftfiltergeräten (zum Beispiel für Klassenräume) forderte, von Schnelltests und vielem, vielem mehr. Vor der letzten Ministerpräsidentenkonferenz hatte er den Plan entwickelt, Öffnungsschritte mit systematischen Testungen in Schulen und Betrieben zu verbinden. Doch der Plan scheiterte vorerst, weil nicht genügend Selbsttests besorgt wurden. Lauterbach wollte auch den AstraZeneca-Impfstoff sofort für Ältere zulassen, zudem forderte er früh, den Abstand zwischen zwei Impfungen zu verlängern. So kam es dann auch, nur viel, viel später eben.

Zweimal, 2013 und 2017, war Lauterbach als Gesundheitsminister im Gespräch. Aber die SPD hat nie wirklich um dieses Ministerium gekämpft, am Ende war immer irgendetwas wichtiger, der Regionalproporz oder andere Quoten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gerade die SPD sehr gut darin ist, Genossen kleinzuhalten, die nur wenige Würstchen im Ortsverein gewendet haben. Kompetenz wird da eher als Makel empfunden. Das ist ziemlich ernüchternd, und außerdem schädlich. Nicht nur für die SPD.

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