SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach über Modellversuche »Wir brauchen hier nicht wie bei Jugend forscht auszuprobieren«

Tübingen und das Saarland proben Öffnungsstrategien, Kinos und Restaurants inklusive. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält solche Versuche für gefährlich – und wirbt bei »Maybrit Illner« erneut für eine schärfere Maßnahme.
Karl Lauterbach

Karl Lauterbach

Foto: Frederic Kern / imago images/Future Image

Die dritte Corona-Welle rollt, doch Wirtschaft und Bildung leiden. Politikerinnen und Politiker in Deutschland stoßen daher Modellprojekte an, die Corona-Lockerungen unter bestimmten Bedingungen ermöglichen. Beim Talk von Maybrit Illner im ZDF hat sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nun vehement gegen solche Modelle ausgesprochen.

»Wir brauchen hier nicht wie bei Jugend forscht auszuprobieren, was ich mit ein paar Tests hinbekomme, bevor mir das alles kollabiert«, sagte Lauterbach. Statt der Teststrategien forderte der SPD-Politiker einen strengen, zweiwöchigen Lockdown: »Auch wenn es unpopulär ist, das zu sagen.«

Lauterbach bezieht sich konkret auf Tübingen. Die Stadt in Baden-Württemberg erlaubt seit Dienstag in einem Modellversuch testweise Öffnungen. An mehreren Teststellen in der Stadt können die Menschen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden oder zum Friseur. Aber auch die Außengastronomie und Kultureinrichtungen wie Kino und Theater werden geöffnet – und dürfen mit Zertifikat besucht werden.

Lockdown »nur einer Frage der Zeit«

Lauterbach hält solche Modelle für sinnvoll, wenn »man aus dem exponentiellen Wachstum« raus sei. Aber aktuell sei die Idee, dass man mit viel Testen die dritte Welle beherrsche, unausgegoren. Die Corona-Variante B.1.1.7 sei so viel ansteckender, dass ein Lockdown »nur eine Frage der Zeit« sei, so Lauterbach. »Wenn wir ihn später bekommen, wird er aber länger gelten«, prophezeite der SPD-Politiker. Deutschland sei derzeit in einer komplett instabilen Lage und das müsse erst einmal abgefangen werden. »Das werden wir ohne einen Lockdown nicht schaffen«, sagte Karl Lauterbach.

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Auch das Saarland plant Öffnungen, auch hier hält sie Lauterbach für einen Fehler. Als erstes Bundesland will es nach Ostern wieder umfangreich öffnen. Die saarländische Landesregierung will ab dem 6. April mit einer entsprechenden Rechtsverordnung die Corona-Restriktionen für Gastronomie, Sport und Kultur sowie private Treffen lockern. Mit einem negativen Coronatest soll auch der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerthäusern und Fitnessstudios wieder möglich sein.

Wenn sich das Vorgehen als erfolgreich erweist, sollen ab dem 18. April weitere Öffnungsschritte folgen. Eine Schnellteststrategie soll die Fallzahlen gering halten. Die Inzidenzwerte im Land liegen in allen Landkreisen unter 100, jedoch weiterhin über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sagt dem SPIEGEL, die Öffnungen seien »ein programmierter Misserfolg«.

Auch der Virologe Martin Stürmer hat sich skeptisch über die geplanten Corona-Lockerungen im Saarland geäußert. Der Versuch sei sehr mutig, sagte Stürmer am Freitag im RBB-Inforadio. Auch die Grundidee, sich Alternativen zum Lockdown zu überlegen, sei nicht schlecht. Stürmer riet allerdings davon ab, die Regelung gleich für das ganze Bundesland zu beschließen.

»Ich finde, man sollte jetzt erst mal versuchen, das Infektionsgeschehen insgesamt wieder in den Griff zu bekommen«, gab der Virologe zu bedenken. »Auch wenn jetzt das Saarland eine niedrige Inzidenz hat, heißt es ja nicht, dass das so bleiben muss.« Man müsse jetzt erst mal runterfahren und gleichzeitig ebensolche Modelle nicht aus den Augen verlieren, »aber ich würde sie kleiner und gezielter machen.«

mrc