Lauterbach über Isolationspflicht-Debatte »Die Luxusdiskussion, die wir in Deutschland führen, gibt es in den USA nicht«

Der Gesundheitsminister ist zurück aus den USA – im Vergleich fange das deutsche Sozialsystem Infizierte gut auf. Die Forderung nach einem Ende der Isolationspflicht bezeichnet er als »wissenschaftswidrige Position«.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat sich in der vergangenen Woche mit Wissenschaftlern und Politikern in den USA ausgetauscht und einige Lehren für den Umgang mit der Pandemie in Deutschland gezogen.

»Wir haben viele genau entgegensetzte Probleme«, sagte Lauterbach dem SPIEGEL. In den USA plane man eine große Impfkampagne für den Herbst und warte noch auf eine klare Zusage für die Finanzierung durch den Kongress, es gebe keine Lohnfortzahlung für Isolierte. »Bei uns ist es genau umgekehrt: Wir haben die Impfstoffe bereits bestellt, ein gutes soziales Netz und wir leisten uns aber eine Diskussion darüber – zum Beispiel durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung – ob wir das, was wissenschaftlich gesichert ist – die vierte Impfung, Schutzmaßnahmen, Isolation – auch einsetzen werden. Die Luxusdiskussion, die wir in Deutschland führen, gibt es in den USA nicht«.

In deutschen Kliniken liegen derzeit etwa doppelt so viele Coronapatienten wie zur selben Zeit im Vorjahr. Gleichzeitig fällt verstärkt Personal wegen Infektionen und den daraus folgenden Isolations- und Quarantänepflichten aus. Kassenärztechef Andreas Gassen schlug deshalb kürzlich vor, die Isolationspflicht für Infizierte auszusetzen. Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Andrew Ullmann, pflichtete ihm bei.

»In den USA bereitet man sich auf eine schwere Herbstwelle vor«

Lauterbach zeigt sich über die Debatte einigermaßen verwundert. »Hinter der Diskussion um die Abschaffung der Pflichtisolation, den Verzicht auf Schutzmaßnahmen oder auf eine vierte Impfung steckt die These, dass eine Infektion besser ist als eine Impfung«, erklärt Lauterbach. Schließlich haben geimpfte Menschen nach einer Erkrankung eine Schleimhautimmunität. »Das hieße übersetzt: Jetzt ist Zeit für Durchseuchung. Wie Herr Gassen sagt, ein Friedensangebot, da müsse man sozusagen zugreifen. Aber schon jetzt werden täglich Hunderte Tote in Kauf genommen. Diese wissenschaftswidrige Position ziehe ich nicht in Erwägung«. Auch die Wissenschaftler, mit denen sich Lauterbach in den USA ausgetauscht hat, hielten diese Position demnach für absurd.

Lauterbach sagte, er sei froh, sich wieder persönlich mit Coronaexperten wie Anthony Fauci oder dem US-Gesundheitsminister Xavier Becerra ausgetauscht zu haben. »In den USA bereitet man sich auf eine schwere Herbstwelle vor«, sagte er. Dort werde die vierte Impfung ab 50 bereits empfohlen, er gehe davon aus, dass diese im Herbst ab 18 gelten werde.

Gleichzeitig werde dort das Coronamedikament Paxlovid viel konsequenter eingesetzt, als das noch in Deutschland der Fall sei. »Obwohl die USA eine größere Impflücke hat als Deutschland, ist die Sterberate dort nicht so hoch, wie zu erwarten. Das liegt auch daran, wie häufig Paxlovid dort zum Einsatz kommt«.

mfh
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