Debatte über Mensch-Tier-Chimären "Ein klarer ethischer Megaverstoß"

Japan will die Geburt genetisch manipulierter Mischwesen aus Mensch und Tier erlauben, um Spenderorgane für Menschen zu gewinnen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht darin einen Tabubruch.

Mäuseembryo nach 9,5 Tagen
Science Photo Library

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"Mit der Züchtung von Mensch-Tier-Wesen wird eine Grenze überschritten, die wir als Menschen nicht überschreiten dürfen. Das ist ein klarer ethischer Megaverstoß", sagte Lauterbach dem SPIEGEL. Mit der genetischen Veränderung versuche man, "sich selbst zu Göttern zu machen", so der SPD-Gesundheitsexperte.

Eine Forschergruppe um Hiromitsu Nakauchi von der University of Tokyo und der Stanford University in Kalifornien hat in Japan die Erlaubnis bekommen, Mensch-Tier-Chimären zu erzeugen und bis zur Geburt wachsen zu lassen. Die Tier-Embryonen sollen mit menschlichen Zellen bestückt und einem Muttertier eingepflanzt werden, das sie zur Welt bringt. So sollen menschliche Organe für Transplantationen gewonnen werden (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Forschung mit Chimären und deren Züchtung ist in mehreren Ländern erlaubt, darunter Deutschland. Nicht erlaubt war bislang, diese Mischwesen auch zu gebären - das hat Japan nun gestattet.

Lauterbach, der sich gemeinsam mit Nina Scheer um den SPD-Vorsitz bewirbt, warnt außerdem vor Versuchen, die in die andere Richtung zu gehen: Nach der erfolgreichen Geburt von Tieren mit menschlichen Organen sei der Schritt nicht weit, auch Menschen mit tierischen Eigenschaften auszustatten. Die Schaffung solcher Mischwesen, egal ob Tiere mit menschlichen Organen oder Menschen mit tierischen, sei ein "Schritt über den Rubikon". Dazu gibt es aktuell allerdings keine wissenschaftlichen Ansätze.

Karl Lauterbach: "Schritt über den Rubikon"
Wolfgang Kumm/ dpa

Karl Lauterbach: "Schritt über den Rubikon"

Ohnehin bezweifelt Lauterbach die Notwendigkeit der Chimären. Statt der Schaffung manipulierter Tiere als "menschliche Organfabrik" sieht er effektivere Möglichkeiten:

  • Lauterbach fordert bessere Regeln für die Organspende. So setzt er sich gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für die sogenannte Widerspruchslösung ein, mit der jeder zum Organspender würde, der nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. (Den Hintergrund dazu finden sie hier.)
  • Der SPD-Politiker plädiert für mehr "Organpflege", also gezielte präventive Maßnahmen, die die Erkrankung und den Ausfall eines Organs verhindern. So könne die Zahl der nötigen Transplantationen gesenkt werden. Durch die Kontrolle und Behandlung von Blutdruck und Blutzucker könnten etwa Nierentransplantationen teilweise unnötig werden.
  • Zudem fordert Lauterbach, die Forschung zu alternativen Methoden stärker zu fördern. Diese sei zum Teil schon weit fortgeschritten und könne in Zukunft die Schaffung neuer Organe aus menschlichem Gewebe im Labor ermöglichen - ohne die in Japan geplante Austragung manipulierter Tiere mit menschlichen Organen.

Das Wissenschaftsministerium in Japan hatte im Frühjahr die Regularien geändert, um ein längeres Heranwachsen der Mischwesen im Muttertier zu ermöglichen. Nakauchi ist der erste Forscher, der davon profitiert. Es handelt sich um Grundlagenforschung, ob der Plan des Wissenschaftlers gelingt, ist offen. Offiziell vom Wissenschaftsministerium genehmigt werden die Versuche wohl im August. Ein Expertengremium hat sich aber bereits dafür ausgesprochen.

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