Karl-Theodor zu Guttenberg Märchenprinz aus der Puderzucker-Welt

Was will Karl-Theodor zu Guttenberg? Der Verteidigungsminister ist der neue Polit-Star, doch wofür er politisch steht, ist unklar. Angela Merkel muss ihn nicht fürchten, vom Kanzlerformat ist der Frischling weit entfernt.

Verteidigungsminister Guttenberg: Kanzler kann man nicht lernen
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Verteidigungsminister Guttenberg: Kanzler kann man nicht lernen

Ein Debattenbeitrag von Thomas Steg


Deutschland im Herbst: Ein junger, sportlicher und eleganter Mann bringt die Deutschen aus der Fassung und um den Verstand. Karl-Theodor zu Guttenberg, Freiherr aus Franken, Bundesverteidigungsminister und nicht mal 40 Jahre alt, scheint alle Regeln des politischen Betriebs auf den Kopf zu stellen. Obwohl nach politischer Lesart fast noch ein Jungspund und Grünschnabel, löst er in der Bevölkerung kollektive Begeisterung aus. Das Publikum himmelt ihn an, denn er weckt Emotionen und bedient Sehnsüchte. Seine politischen Gegner aus CSU und CDU indes warten nur darauf, dass er wegen seiner eitlen und egomanischen Selbstdarstellung endlich einmal auf die Nase fällt und der Lack von der perfekten Fassade abfällt.

Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost, uns darüber zu ereifern, ob Guttenberg prinzipiell kanzlertauglich, bereits auf dem Weg ins Kanzleramt oder bloß Reserve-Kanzler ist? Zwar ist der smarte, eloquente und telegene Minister kein Novize mehr auf dem politischen Parkett, doch ein relativ unbeschriebenes Blatt ist er dennoch. Nun gut, er war gegen Staatshilfen für Opel, er nennt den Afghanistan-Einsatz Krieg und setzt die Wehrpflicht aus - aber qualifiziert das bereits zum Kanzler? Welche gesellschafts-, sozial-, wirtschafts-, umwelt-, steuer- oder beschäftigungspolitischen Ideen er verfolgt, ist weitgehend unbekannt. Guttenberg macht bei allen öffentlichen Auftritten bella figura, doch verfügt er auch über das Format zum Kanzler?

Auf jedes politische Amt kann man sich akribisch vorbereiten. Nur Kanzler kann man im Vorfeld nicht lernen. Die Bewährung kommt mit und im Amt. Dann müssen sich Erfahrung und Charakter beweisen, wenn jeden Tag der Druck der Verantwortung auf einem lastet. Deswegen gilt, dass zum Kanzler nur befähigt ist, wer zuvor hinreichend gestärkt und gestählt aus innerparteilichen Machtkämpfen, aus Medienkampagnen und Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner hervorgegangen ist. Und man muss Niederlagen erlitten und verarbeitet haben, um im Kanzleramt bestehen zu können. Willy Brandt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel haben das Kanzleramt nur über Umwege und nach bitteren Rückschlägen erobert. Dagegen wirkt Guttenberg eher wie ein Märchenprinz aus einer heilen Puderzucker-Welt.

Bislang ist die Inszenierung perfekt aufgegangen

Nach herkömmlichen Maßstäben spricht viel gegen einen Kanzler Guttenberg. Doch das Besondere an der Ausnahmeerscheinung besteht gerade darin, dass bei Guttenberg andere Kriterien angelegt werden müssen. Die Deutschen sind von der Politik enttäuscht, sie sind verbittert und verachten Politiker. Nur eben Guttenberg nicht. Da mag mitschwingen, was die Franzosen als heimliche Sehnsucht nach dem guten König bezeichnen.

Ihm gelingt eine bemerkenswerte Volte: Obwohl Teil der politischen Klasse, distanziert er sich rhetorisch vom politischen Alltagsbetrieb und geriert sich als das Gegenstück zum politischen Establishment. Bislang ist diese Inszenierung perfekt aufgegangen. Guttenberg verkauft sich im doppelten Sinne gut. Auch wenn seine Inszenierung in den vergangenen Tagen überdehnt und aufdringlich wirkte, sie blieb immer noch stimmig und professionell. Dagegen mutet die Selbstdarstellung des vermeintlichen Medienkanzlers Gerhard Schröder wie die eines Waisenknaben an.

Guttenberg verfügt überdies über Fähigkeiten, die an der Kanzlerin so schmerzlich vermisst werden. Sie handelt sachlich, kühl, distanziert, in einem Wort respektabel. Er hingegen begeistert. Er besitzt qua Herkunft Aura und Ausstrahlung, ihm wird Charisma zugeschrieben, er kann auf Menschen zugehen, er verfügt über Empathie, er verkörpert Leidenschaft, er kann durch politische Rede begeistern. Wofür er inhaltlich steht, mag nicht immer klar sein, aber dass er standfest ist, attestieren ihm die Menschen. Guttenbergs Erfolg liegt nicht darin begründet, was er bisher geleistet hat, sondern welche - auch irrationalen - Projektionen auf ihn gerichtet sind.

Bedroht muss sich die Kanzlerin gleichwohl nicht durch Guttenberg fühlen, sondern durch unzufriedene Wähler. Denn Guttenberg taugt nicht zum Putschisten, das würde seinen Nimbus beschädigen. Er muss nicht danach trachten, ihr die Kanzlerschaft zu entreißen. Aber er stünde bereit, wenn Merkel nicht mehr könnte, weil die Unionsfraktion ihr die Gefolgschaft verweigerte oder wenn sie nicht mehr wollte. Guttenberg ist ein Zugpferd der Union. Er kann abwarten. Seine Zeit wird kommen - ob in München oder in Berlin.

insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
hornbeam, 22.10.2010
1. Lächerlicher SPIEGEL
Es gibt keinen "Karl-Theodor zu Guttenberg, Freiherr aus Franken"! Es gibt NUR einen Karl Theodor zu Puttenzwerg, richtig. Alles Andere, Grafen, Könige und Freiherren sind seit 100 Jahren in Deutschland abgeschafft.
Ch3fkoch 22.10.2010
2. Wann bekommt Gutti endlich seine eigene Kolumne?
Ich gebs zu, ich habe den Artikel nicht gelesen; aber ich frage mich wirklich: Wie kommt es, dass SPON quasi TÄGLICH ein neues Gutti-Dossier lanciert - immer brav nach dem Motto: "Hey, es gibt da diesen Hype, keine Ahnung wieso, aber Spiegel ist wie immer vorne mit dabei.." Als ob es nicht wichtige Motive gäbe..
günterjoachim 22.10.2010
3. Altkluges Gefasel...
Altkluges Gefasel von Herrn Steg, ziemlich überflüssig.
dr_gisela_v._kerf-binsing 22.10.2010
4. Zuckerguß
Zitat von sysopWas will Karl-Theodor zu Guttenberg? Der Verteidigungsminister ist der neue Polit-Star, doch wofür er politisch steht, ist unklar. Angela Merkel muss ihn nicht fürchten, vom Kanzlerformat ist der Frischling weit entfernt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724444,00.html
Jetzt machen diese güldenen Herzschmerz-Blätter, die beim HNO-Arzt herumliegen schon Politik. Kanzler wird man nur durch eine Hausmacht. Oder durch eine Reihe von "Unfällen", wie bei Frau Merkel.
Beduine, 22.10.2010
5. Hat Merkel das Zeug zur Kanzlerin?
Welche "gesellschafts-, sozial-, wirtschafts-, umwelt-, steuer- oder beschäftigungspolitischen Ideen" hat denn unsere derzeitige Kanzlerin?
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