Karriere einer Landrätin Der Fall Pauli

Im Dezember machte sich die Landrätin Gabriele Pauli auf, um Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zu stürzen. Das dauerte vier Wochen und ging ganz intuitiv. Fertig. Doch jetzt will Pauli nicht mehr in ihr altes Leben zurück - und trifft auf Widerstand.

Von , München


München - Vielleicht geschah es auf dem Neujahrsempfang des bayerischen Ministerpräsidenten. Damals im Januar, kurz vor Stoibers Rückzugsankündigung: Gabriele Pauli ist das Medienereignis des Abends. Im grün-samtenen Kleid defiliert sie an einem gezwungen überschwenglich lächelnden Ministerpräsidenten samt zerknirschter Gattin vorüber. Dann geht es los: "Frau Pauli, Frau Pauli, hierher!", rufen die Fotografen.

Engel Pauli, Gummi-Stoiber: Im Polit-Poker überreizt?
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Engel Pauli, Gummi-Stoiber: Im Polit-Poker überreizt?

Die Stoiber-Kritikerin aus dem Landkreis Fürth, die schöne Landrätin, die Jeanne d'Arc der CSU, Heldin der Basis. Sie trägt so viele Titel. Und so viele Kameraleute und Fotografen und Journalisten bestürmen sie an diesem Abend derart, dass ihre Begleiterin - eine unscheinbare Dame aus dem Landratsamt - aus dem Tritt gerät und zu Boden geht. "Selbst schuld!", blafft ein Fotograf nach unten - und nach oben: "Frau Pauli, bitte lächeln".

Und Frau Pauli lächelt.

Vielleicht hat die Fürther Landrätin Gabriele Pauli an diesem Abend in der feinen Münchner Residenz, zwischen all den Abendkleidern und Krawattenschleifen, zwischen all den Politgrößen und im Medienhype um ihre Person an Basiskontakt verloren. Das Bild: Ihre fränkische Begleiterin geht zu Boden, sie aber hebt ab.

Ministerpräsidentin? "Ist spannend"

Eine Woche später kündigt Edmund Stoiber seinen Rückzug an. Gabriele Pauli muss sich jetzt immer öfter fragen lassen, welches Amt sie denn eigentlich anstrebe. Denn in der männlich dominierten Politik hat man sich der Macht mit vielen Hintergedanken planvoll anzunähern. Sonst lohnt sich Kritik ja nicht. Also: Ministerpräsidentin? "Es freut mich, dass manche darüber nachdenken. Und es ist auch spannend", sagt Pauli. Doch ihre Freiheit stamme daher, "dass ich Landrätin bin". Das erlaube ihr, "alles frei zu sagen". Während man dies in der CSU-Führungsetage als kokettes Geflunker abtut, bewundert die christsoziale Basis die Landrätin, die ihre Meinung sagt, ohne dabei ans eigene Fortkommen zu denken. Anfangs.

Schließlich kündigt Gabriele Pauli aber an, sich die Kandidatur für den stellvertretenden CSU-Vorsitz zu überlegen. Das ist ein erster Schritt weg von der seit 18 Jahren vertrauten Landratswelt. Gestern dann der vollständige Bruch: Pauli erklärt ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur für den Fürther Posten 2008 und sagt, sie könne sich "eine Zukunft in der freien Wirtschaft oder auch in Form eines höheren politischen Amts vorstellen". Der Münchner "Abendzeitung" sagt sie mit Blick auf Bayern: "Ich bin bereit fürs Kabinett."

War es denn überhaupt möglich, dass diese Frau einfach da weiter macht, wo sie am 18. Dezember 2006 mit ihren Bespitzelungsvorwürfen gegen Stoibers Staatskanzlei startete - als Chefin des kleinsten bayerischen Landkreises? Binnen weniger Wochen hatte sie sich zur bekanntesten CSU-Frau in Deutschland gemausert, war in allen wichtigen Polit-Talks der Republik, hatte den einzigen mit Zwei-Drittel-Mehrheit regierenden deutschen Ministerpräsidenten in Pension geschickt. Wer hat schon solch einen Aufstieg von der politischen Bedeutungslosigkeit ins Rampenlicht hingelegt? Vielleicht noch diese schüchterne Politikerin aus dem Osten, die als stellvertretende DDR-Regierungssprecherin startete. 15 Jahre später war Angela Merkel dann Bundeskanzlerin.

Ohne den Gegenstand der Kritik stürzt die Kritikerin

Nur: Die Kanzlerin ist eben Kanzlerin. Angela Merkel hat Bedeutung qua Amt. Gabriele Pauli hat nur die auf Zeit verliehene Popularität der Stoiber-Kritikerin. Gibt es aber nichts mehr zu kritisieren, stürzt sie tief: Bis ins Landratsamt. Dort wartet schon das "Franken Fernsehen", mit dem Großraum Nürnberg als Verbreitungsgebiet.

Gabriele Pauli hat die Macht gespürt, ihr Wort zählte. Die Hitze der Kameralichter hat ihr im Gesicht gebrannt. Dieses Geschubse, immer dieses "Hierher, Frau Pauli, bitte!", all die Journalisten. Fragte man sie, ob ihr das alles nicht irgendwie auf die Nerven gehe, schaute sie immer ein wenig erstaunt. Manche ihrer Freunde erzählen, sie hätten die Medienleute gebeten, doch auch mal Ruhe zu geben. Darauf hätten die nur geantwortet, Frau Pauli wolle das so, lasse auch mal anrufen.

Sie habe in den vergangenen Monaten viel gelernt, sagte Pauli selbst hin und wieder. Es war ein Schnellkurs, für den andere ein ganzes Politikerleben brauchen.

Am Anfang galt sie Vielen als naiv, Kommunalpolitik eben. Und dann noch eine Frau. Sie lächelte die ganze Zeit und ihre Aussagesätze endeten ziemlich oft mit einem fragenden "oder?". Aber das entfaltete Durchschlagskraft. Denn genau darauf waren Stoiber und Co. nun wirklich nicht vorbereitet. Die schützende Juristen-Bastion um den CSU-Chef hätte jeden professionellen Angreifer abgewehrt. Aber Gabriele Pauli gab sich eben ganz unprofessionell, unkonventionell - und unterlief die Verteidigungslinien.

In einer ruhigen Stunde mag sich Stoiber wundern, wie er sich einst von der Frau aus Franken aus dem Tritt bringen lassen konnte. Ähnlich mag es Hessens Ministerpräsident Roland Koch gehen: Jungunionist von Beginn an, mit 16 schon im Anzug gesteckt, Netzwerke geknüpft, über Bande gespielt, Hahnenkämpfe ausgefochten. Und trotzdem ist die Frau aus dem Osten Kanzlerin geworden. Auch Stoiber hat ähnliche Erfahrungen mit Angela Merkel vorzuweisen. Insofern ist er den starken Frauen in der deutschen Politik gleich zwei Mal zum Opfer gefallen.

"Bei der Gabi überwog die Show"

Mag sein, dass Gabriele Pauli eher ungeplant in die Rolle der Stoiber-Kritikerin hineingerutscht ist. Als sie es aber einmal war, hat sie daraus eine Art von intuitiver Strategie entwickelt - vielleicht nach dem Neujahrsempfang, vielleicht auch kurz darauf. So hat Nürnbergs 3. Bürgermeister Klemens Gsell (CSU), einer der ursprünglichen Pauli-Unterstützer, seit dem Nürnberger CSU-Ball Anfang Februar eine Wandlung an der Landrätin bemerkt: Früher habe man sich "da einfach mit ihr unterhalten" können, in diesem Jahr aber habe sie "die Medienstimmung angeheizt, das war nicht ungewollt", so Gsell. Überhaupt sei in den letzten Wochen das Fachliche, die kommunalen Angelegenheiten bei Pauli in den Hintergrund gerückt: "Zuletzt überwog bei der Gabi die Show."

Auf der traditionellen Prunksitzung des fränkischen Faschings in Veitshöchheim erschien sie als Engel verkleidet. Mit überm Kopf montiertem Heiligenschein trieb sie Schabernack mit einem Stoiber-Maskenmann. Irgendwie passte das nicht so recht ins Bild der einfachen Landrätin ohne große Strategie.

Zuletzt attackierte sie auch noch den designierten Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU), der einst einen Vermittlungsversuch zwischen ihr und Stoiber unternommen hatte. Er sei kein Erneuerer, müsse es aber irgendwann schaffen, "die Wende hinzukriegen". Er habe schließlich jenen, die sich für eine stärkere Öffnung der Partei eingesetzt hätten, den Posten zu verdanken, sagte Pauli doppeldeutig. Auf ihre Ankündigung vom Montag, nicht mehr Landrätin sein zu wollen, reagierte Beckstein hart: "Ein höheres politisches Amt" für Pauli komme aus seiner Sicht weder in einem Kabinett Stoiber noch in einem Kabinett Beckstein in Frage. Aus der Traum vom Kabinett.

Und dann die Gerüchte. Sie sind derzeit fester Bestandteil der christsozialen Binnenkultur. Die "Abendzeitung" zitierte am Dienstag ein anonymes CSU-Vorstandsmitglied, wonach es eine Geheimabsprache zwischen dem um den Parteivorsitz kämpfenden Bundesagrarminister Horst Seehofer und Pauli gebe: "Einen Kabinettsposten unter Beckstein kann Seehofer ihr zwar auch nicht verschaffen, aber als Parteichef wird er sie zum Dank für ihre öffentliche Unterstützung zur Generalsekretärin machen."

Seehofer-Freunde und -Feinde sind sich einig, dass diese Meldung Horst Seehofer eher schadet denn nützt. Er selbst beklagte in den "Nürnberger Nachrichten" mit Blick auf ein in der Partei kursierende Zitat - "Wer Seehofer kennt, muss Huber wählen" - eine "persönliche Vernichtungsstrategie" seiner Gegner.

Während Gabriele Pauli noch hoch hinaus will, wird sie im Zweikampf Huber-Seehofer längst schon instrumentalisiert. Hat sie im Politpoker überreizt? Was wird sie sein, in fünf Jahren? Ministerpräsidentin, Bundeskanzlerin? Bürgermeister Gsell denkt ein paar Sekunden nach. Dann sagt er entschieden: "Leiterin eines mittelständischen Medienunternehmens."



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