Karriere eines Gastarbeiterkindes Der Türke und Herr Türk

Özcan Mutlu hat es geschafft, gegen alle Widerstände: Das Kind türkischer Gastarbeiter landete in einer Ausländerklasse, musste trotz guter Noten zur Hauptschule - heute sitzt der Grünen-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus. Viel verdankt Mutlu seinem damaligen Lehrer. Anatomie einer Karriere.

Ex-Schüler Mutlu, Lehrer Türk: "Ich hab nicht losgelassen"
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Ex-Schüler Mutlu, Lehrer Türk: "Ich hab nicht losgelassen"

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Berlin - In einem Café in Berlin sitzen zwei Männer. Wer sie beobachtet, könnte sie für alte Freunde halten. Der jüngere hat schwarze Haare, trägt Hemd und Sakko. Der ältere hat kurzgeschorene graue Haare, trägt ein orangefarbiges Shirt unter einer olivfarbenen Jacke und eine Brille mit schmalem Metallrahmen. Es ist ein gestenreiches Gespräch, immer wieder klopfen sich die beiden gegenseitig auf die Schulter.

Die beiden kennen sich tatsächlich schon sehr lange, seit fast 30 Jahren. Ihre gemeinsame Geschichte begann in der Adolf-Damaschke-Oberschule in Berlin-Kreuzberg, beim Chemieunterricht: Der eine hatte damals noch keine grauen Haare und stand an der Tafel. Der andere war noch ein Kind, zwölf Jahre alt, und saß auf der Schulbank. Werner Türk heißt der Lehrer, Özcan Mutlu der Junge.

Heute sitzt Mutlu, 42, für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. In seinem Stadtteil ist er bekannt und beliebt. 1999 wählten ihn seine Kreuzberger per Direktmandat ins Landesparlament.

Doch der Start des kleinen Özcan in Berlin war schwer. Er war fünf Jahre alt, als seine Eltern als Gastarbeiter mit ihm nach Deutschland zogen, aus einem Dorf im Osten der Türkei. Wie Hunderttausende andere - die ersten kamen nach dem Abschluss des Anwerbeabkommens vor 50 Jahren nach Deutschland -, die in Berlin, in Köln, in Stuttgart, im Ruhrgebiet nach Arbeit und einem besseren Leben suchten.

Die Mutlus waren arm und, wie man heute wohl sagen würde, bildungsfern. Nachmittags spielte Özcan auf der Straße, mit Deutschen. Er prägte sich die Wörter ein, bald konnte er die fremde Sprache fließend. Schon als kleiner Junge dolmetschte er für seine Eltern und andere Verwandte.

"Özcan wollte immer noch mehr wissen"

In der Schule half ihm seine rasche Auffassungsgabe zunächst nur wenig. Bis zum Alter von zehn Jahren war er in einer sogenannten Ausländerregelklasse untergebracht, bis ihn eine Lehrerin in eine Klasse mit deutschen Kindern steckte. Özcan brachte gute Zeugnisse nach Hause. Doch seine Lehrer waren dennoch der Auffassung, er solle lieber auf eine Hauptschule gehen. Der Leistungsdruck auf dem Gymnasium sei nichts für ihn, hieß es zur Begründung. "Die dachten ernsthaft, sie täten mir damit etwas Gutes", sagt Mutlu heute.

Die Eltern konnten ihm nicht helfen, sie sprachen kaum Deutsch, waren ausgelaugt von der Arbeit, hatten fünf Kinder zu ernähren. Der Vater, ein Bauarbeiter, verließ die Wohnung um 4 Uhr morgens und kehrte erschöpft am Nachmittag heim. Die Mutter schob Schichtdienst in einer Schokoladenfabrik. "Ich wusste, wenn ich mich nicht anstrenge, würde ich ein Leben wie mein Vater führen", erzählt Özcan Mutlu.

Also wollte Mutlu immer nur Einsen. Auch auf der Hauptschule, wo er dann Werner Türk begegnete. Resignieren mochte der Junge nicht, auch wenn es ja offensichtlich nichts half, wenn er sich anstrengte. Viele andere Gastarbeiterkinder teilten sein Schicksal, nicht alle brachten den Mut auf weiterzumachen.

Dass Mutlu den Mut aufbrachte, hat auch mit Türk zu tun. Dieser war damals ein junger Lehrer, voller Tatendrang in seinem Beruf, begeistert von den Naturwissenschaften, von Physik, Chemie, Arbeitslehre. An den Wochenenden bastelte er mit Kollegen im Keller Roboter. Und Türk ahnte, wie es dem kleinen Özcan, der sich immer im Unterricht meldete, gehen musste. Der Lehrer stammt selbst aus einer Familie, die ihm beim Aufstieg kaum behilflich sein konnte. Sein Vater arbeitete als Werkzeugschleifer, seine Mutter als Näherin.

"Ich hab nicht losgelassen"

"Özcan ist mir aufgefallen, weil er immer noch mehr wissen wollte, als wir Lehrer sowieso schon gefordert haben", sagt Türk beim Wiedersehen im Café. "Und das Besondere an ihm war, dass es ihn nicht gejuckt hat, wenn die anderen ihn zu ehrgeizig fanden." Immer wieder erinnert sich der 62-Jährige an Einzelheiten von damals - Hunderte Schüler müssen inzwischen durch seinen Unterricht gegangen sein, aber Özcan hat er nicht vergessen. "Weißt du noch, Özcan, wie du...", so beginnen die Sätze oft bei diesem Lehrer-Schüler Gespräch.

Dass es einzelne Lehrer waren, die für ihre Schüler die Barrieren der sozialen Herkunft gebrochen haben, Menschen, die genau hingesehen haben, die Motivation und Talente erkannt haben, die sich nicht haben abschrecken lassen vom Urteil anderer Pädagogen - das sagen Migranten, die den Aufstieg in die obersten Sphären dieser Gesellschaft geschafft haben, immer wieder.

"Wenn mir Herr Türk und ein paar andere Lehrer nicht die Hand gereicht hätten, wäre ich vielleicht, wie so viele hier in Kreuzberg, als Hartz-IV-Empfänger oder Drogenabhängiger geendet." Denn Türk wollte sich nicht damit zufriedengeben, dass Mutlu Einsen schrieb. Er lieh dem türkischen Jungen Bücher aus, Fachliteratur, die eigentlich für Erwachsene gedacht war. "Und er hat sie wirklich gelesen", sagt Türk.

"Ich hab ja auch nicht losgelassen, habe ständig nach Neuem gefragt", sagt Mutlu. "Türk war ein richtiges Vorbild, er war nicht autoritär und trotzdem streng, wenn es darauf ankam. Und das Wichtigste: Er hatte immer eine Linie, ein Konzept."

Doch auch der Lehrer hat dem einstigen Schüler etwas zu verdanken: die Einsicht, dass Mühen und Engagement der Pädagogen manchmal fruchten. "Es gab in meiner Klasse Özcan, der es ins Abgeordnetenhaus geschafft hat, und es gab einen, der später drei Menschen umgebracht hat." Das Beispiel Özcan hat ihm gezeigt, dass seine Arbeit viel bewegen kann.

Der fordernde Lehrer als Ansporn

Welche Wirkung Türk damals auf ihn hatte, erzählt Mutlu heute: "Ich wollte ihn immer mit Wissen beeindrucken. Ich wollte ihm zeigen, dass es sich lohnt, dass er an mich glaubt, dass seine Einschätzung richtig ist." Für Mutlu war es Ansporn, dass dieser Mann ihn forderte. Umso mehr, da es auch ganz andere Lehrer gab. Einen etwa, der folgenden Satz sagte: "Diesem Schrott kann man nichts beibringen." Mit Schrott waren ausländische Schüler gemeint.

Türks Engagement, seine Begeisterung, seine Leidenschaft - "die haben mit dazu geführt, dass ich Ingenieur wurde. Er hat meinen Enthusiasmus getriggert", sagt Mutlu. Schon auf der Hauptschule bekam er so gute Noten, dass sein Abschluss als Mittlere Reife anerkannt wurde. Er hatte das beste Abschlusszeugnis des Jahrgangs 1985 in ganz Kreuzberg. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung als Kommunikationstechniker, in der Abendschule lernte er parallel fürs Abitur. Danach studierte Mutlu, das Gastarbeiterkind, Nachrichtentechnik.

Wiedergesehen hat Mutlu seinen Lehrer Türk nach vielen Jahren, als er längst Politiker war. Und das kam so: Der neue Schulleiter hatte gesagt, er würde keinem deutschen Elternpaar dazu raten, sein Kind auf eben jene Schule zu schicken. Die Probleme dort seien zu groß. Eine Aussage, über die sich Mutlu öffentlich entrüstete: Die Schule habe sich aufgegeben, wetterte der Ex-Schüler, es müssten neue Konzepte her, deutsche Schüler seien dringend notwendig. Daraufhin lud das Kollegium ihn zu einer Diskussion ein. Es wurde ein Kampf: der eines Aufsteigers, der hofft, dass Einwandererkinder auf ihrem Weg in eine erfolgreiche Zukunft nicht mehr auf den Zufall angewiesen sind. Oder auf das Glück, dass ihnen ein Lehrer wie Werner Türk begegnet.



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