Mordfall Walter Lübcke Tausende gehen gegen Neonazi-Demo in Kassel auf die Straße

Etwa 8000 Menschen protestieren in Kassel gegen eine Neonazi-Veranstaltung. Eine rechtsextreme Kleinstpartei fühlte sich wegen des Mordes an Walter Lübcke vorverurteilt - und rief zu einer Demo auf.

Swen Pförtner/ DPA

Knapp acht Wochen nach dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke haben am Samstagmorgen Tausende Menschen in Kassel gegen einen Aufzug Rechtsextremer demonstriert. Rund 8000 Menschen versammelten sich bei drei großen Veranstaltungen, wie die Polizei mitteilte.

Die Kleinstpartei "Die Rechte" hatte mit der Begründung zu einer Demonstration aufgerufen, der Mord an Walter Lübcke werde instrumentalisiert, um Rechte in die Nähe von Gewalt und Terror zu rücken. Die Behörden erwarteten zur Demonstration 500 Teilnehmer.

Die Stadt Kassel war vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof mit dem Versuch gescheitert, den Aufmarsch der Rechtsextremen zu verbieten. Bis Mittag waren weniger rechtsextreme Personen nach Kassel gereist als angenommen, berichten Beobachter vor Ort.

Der CDU-Politiker Lübcke war am 2. Juni auf der Terrasse seines Hauses im Landkreis Kassel mit einem Kopfschuss getötet worden (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Der Generalbundesanwalt geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Tatverdächtig ist der als Neonazi aktenkundige Kasseler Stephan Ernst.

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Er hatte die Polizei nach einem Geständnis der Tat zum Versteck der Waffe geführt, mit der Lübcke in den Kopf geschossen wurde. Später widerrief er, Lübcke erschossen zu haben.

Eine ballistische Untersuchung hatte Ernst allerdings kürzlich schwer belastet. Demnach haben die kriminaltechnischen Untersuchungen des hessischen Landeskriminalamts und des Bundeskriminalamts ergeben, dass die tödliche Kugel aus einer Schusswaffe stammt, die Ernst in einem Erddepot versteckt hatte.

Die Kasseler Neonaziszene gilt in Hessen als besonders gut vernetzt. Vor 13 Jahren geriet die Stadt in die Schlagzeilen, als der 21-Jährige Halit Yozgat in seinem Internetcafé ermordet wurde. Er ist eines von zehn Opfern des "Nationalsozialistischen Untergrunds".

mho/dpa



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wwissen 20.07.2019
1. Danke!
Danke an 8000 MENSCHEN (!!!), die gegen die rechte Brut aufstehen und dieser so zeigen, dass sie wenige sind - und bleiben. Denn - und das geht auch an alle, die AfD sind und wählen, an alle, die bei Pegida und anderen lächerlichen Spaziergrüppchen mitlaufen, an alle, die meinen, sie seien das Volk: Ihr seid es nicht. Ihr seid mickrig, Ihr seid nichts. Wir waren mehr, wir sind mehr und wir werden immer mehr sein! Kassel beweist das heute eindrucksvoll - vielen Dank!
isar56 20.07.2019
2. Warum
laufen diese "Rechten" nicht bei einer Demo gegen den Mord an Lübcke mit? Diese Frage würde ich den jungen Herrn allzu gerne stellen.
burlei 20.07.2019
3. Wieso "... in die Nähe von Gewalt und Terror" rücken?
Rückt man sie "in die Nähe", würde man sie doch aus dem Zentrum von Terror und Gewalt heraus rücken. Vom Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, fast 200 getötete Mitmenschen, über den Mord an Lübcke und Mordanschlägen auf Lokalpolitiker bis zu Morddrohungen an Journalisten, die etwas gegen die AfD sagen - kann man noch näher an Terror und Gewalt sein? Diese Nazi-Gruppe, die sich auch noch "Die Rechte" nennt, steht den Terroristen, Mördern und auch den Brandstiftern aller Orten näher als sonst jemand. Gut, sollen sie ihren komischen Aufmarsch durchführen. Hoffentlich sind die Ordnungshüter noch so weit auf dem Boden des GG verankert, dass sie jeden einzelnen dieser Täter (in Spee) registrieren. Dem Bürger reicht dieser Dreck so langsam.
locust 20.07.2019
4.
Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man einen Aufmarsch von 'Die Rechte' zulassen kann. Meines Erachtens hätte man juristisch diese provokante Demo verhindern können, man erinnere sich daran, was zu Zeiten der RAF alles möglich war. Mir fehlt das wehrhafte Verhalten eines Staates gegen die Zunahme rechter Gewalt und die Protagonisten dahinter, die mit ihrer unerträglichen Propaganda und Hetze dafür sorgen, dass die Täter_Innen glauben, dass ihre Taten und die dahinterstehenden Motive einen wie auch immer gearteten Zuspruch erfahren. Insbesondere Kleinstparteien wie 'Die Rechte' der 'Dritte Weg' und 'NPD/JN' teilen seit Jahren unverblümt mit, was sie im Falle der Machtergreifung tun würden, wie sie die Demokratie gedenken auszuhebeln und wie Sie mit den Gegner_Innen ihrer Ideologie verfahren würden. Zahlreiche führende Köpfe in NRW, in Sachsen und Thüringen sind einschlägig vorbestraft, waren an Brandstiftungen, Bombenattentaten, Körperverletzungen und Mord beteiligt und dürfen sich jetzt wieder einmal als die Opfer verkaufen. Ein Blick auf die Protagonisten der 'Die Rechte', deren Wirken in u.a. Dortmund lassen sich ohne weiteres im Netz finden. Es handelt sich bei 'Die Rechte' um lupenreine Antisemiten, Rassisten, Nationalsozialisten und Homophobe. Dies ist kaum zu ertragen. 8000 Menschen scheinen auf den ersten Blick eine große Anzahl zu sein, danke an alle die sich an den Protesten beteiligen, aber wo bleibt die Masse an Menschen, die es benötigt um ein politisches Umdenken und Handeln zu bewirken? Hunderte Rechtsextremisten sind untergetaucht und deren Haftbefehle wurden bisher nicht vollstreckt, während ein deutsches Gericht nach wie vor die Mär der Einzeltäter im Kontext des NSU Prozesses erklärt. Antifaschistische Gruppen dokumentieren seit Jahrzehnten die Rechten Netzwerke, erklären die Hintergründe von Veranstaltungen wie dem 'Schild und Schwert Festival', erläutern die Rolle u.a. eines Tommy Frenck usw, man hat jedoch den Eindruck, dies würde niemanden so wirklich interessieren. Weder die Zivilgesellschaft noch die Justiz. Es ist erschreckend was sich zur Zeit abspielt.
bonus 20.07.2019
5. Wäre nicht Urlaubszeit,
wären noch mehr gekommen. Herzliche Urlaubsgrüße den 8000 und viel Unheil an die Dumpfbacken!
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