Linken-Politikerin im Thüringen-Wahlkampf "Ich glaube nicht, dass ein Neonazi entscheidet, wann ich sterbe"

Natürlich kämpft Katharina König-Preuss auch um den Wiedereinzug in den Thüringer Landtag. Vor allem aber kämpft sie gegen Nazis. Einblicke in ein Politikerleben unter Morddrohungen.
Katharina König-Preuss, Landtagsabgeordnete in Thüringen und Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss

Katharina König-Preuss, Landtagsabgeordnete in Thüringen und Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss

Foto: Martin Schutt/ DPA

Irgendwo zwischen Saalfeld und Weimar macht Katharina König-Preuss im Auto den Song an, der zum Mord aufruft. Zum Mord an ihr.

"Du wirst grausam sterben, Das ist nicht die Frage [...] Vom Landtag auf die Bahre."

Sie schaut auf die dunkle Landstraße vor ihr. Dann sagt sie: "Musikalisch ja, musikalisch wirklich nicht schlecht." Das ist ihre Art des furchtlosen Umgangs mit diesen furchtbaren Zeilen.

Die Linkenpolitikerin König-Preuss, seit zehn Jahren Landtagsabgeordnete, ist an diesem Tag im Oktober unterwegs in ihrem Thüringer Wahlkreis Saalfeld-Rudolstadt II, an diesem Abend will sie ins nahegelegene Weimar und mit Parteimitgliedern diskutieren: Wie lässt sich der Kampf gegen rechts von der Straße in den Landtag tragen? Ein Treffen unter Freunden.

Am kommenden Sonntag wird in Thüringen gewählt. Es ist völlig unklar, wer künftig regiert. In der jüngsten SPIEGEL-Umfrage hat weder die amtierende rot-rot-grüne Regierung unter Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow eine Mehrheit noch der Herausforderer Mike Mohring, mit einem möglichen Simbabwe-Bündnis aus seiner CDU, SPD, Grünen und der FDP. Die AfD mit ihrem völkisch-nationalistischen Spitzenkandidaten Björn Höcke liegt bei über 20 Prozent.

König-Preuss hat den ganzen Tag Plakate im Wahlkreis geklebt. "Gegen rechte Hetze" steht unter ihrem Gesicht. "Nähe, Verlässlichkeit, Offenheit" unter dem des bei den Wählern beliebten Spitzenkandidaten Ramelow.

Sie weiß, dass sie ihren Wahlkreis nicht direkt gewinnen wird, in den vergangenen zwei Legislaturperioden schaffte es die 41-Jährige über die Liste in den Landtag. In dieser Gegend gewinnt eigentlich die CDU, diesmal könnte es auch die AfD sein. Es sei eben nicht ihre Sache, Bierfässer anzustechen und auf Volksfeste zu gehen, sagt König-Preuss. Ihre Sache ist der "Nationalsozialistische Untergrund".

Foto: Milena Hassenkamp/ DER SPIEGEL

König-Preuss ist Sprecherin ihrer Fraktion für Antifaschismus, bis 2019 saß sie im NSU-Untersuchungsausschuss, trug zur Aufklärung der Strukturen der rechten Terrorgruppe bei. Sie kann auf Abruf Zahlen zu Neonazigruppierungen, Rechtsrockkonzerten und rechtsmotivierter Gewalt runterbeten. Katharina König-Preuss kämpft nicht um ihr Direktmandat, sie kämpft gegen Nazis.

Das macht Feinde.

Im Auto erzählt sie, wie im Herbst 2016 ein Freund anruft und fragt, ob sie wisse, dass es diesen Song von der Schweizer Neonazi-Band "Erschießungskommando" auf YouTube gibt. Diesen Song, in dem Rechtsrocker zum Mord an ihr aufrufen. König-Preuss erinnert sich: Sie reagiert zunächst kühl, klickt auf den Link, sichert den Song, transkribiert ihn, lässt ihn von YouTube löschen. Dann erst, sagt sie, habe sie begriffen, was da passiert sei.

"Wieso ist Walter Lübcke anders als Mehmet Turgut oder Halit Yozgat?"

Seit damals ist viel geschehen. Es gibt ein weiteres Lied von derselben Rechtsrock-Band wie damals, mit der gleichen Botschaft; der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde ermordet; Halle erlebte einen rechtsextremen Anschlag.

Seit Lübcke führt das Land eine Debatte über Hass-Kommentare im Netz und ihre Folgen, über Rechtsterror. Aus König-Preuss' Sicht kommt das reichlich spät. Denn seit 2011 könne doch niemand mehr zu rechtsmotivierter Gewalt sagen, das habe jetzt "eine neue Qualität". Sie meint die NSU-Morde und die Opfer. "Wieso", fragt sie, "ist Walter Lübcke anders als Mehmet Turgut oder Halit Yozgat? Weil jemand mit einer Waffe gezielt zu seinem Haus geht und ihn gezielt erschießt? Das hat der NSU auch gemacht."

Einige Stunden bevor König-Preuss die Songs von Rechtsrock-Bands im Auto abspielt, ist sie unterwegs mit sieben jungen Männern, Plakate aufhängen. In einem Teil der Stadt Saalfeld, den Rechtsextreme auf Stickern an Laternenpfählen zur "national befreiten Zone" erklärt haben, die Plakate der Partei "Die Linke" nie lang hängen bleiben und schwarz-weiß-rote Reichsflaggen Stromkästen zieren. Eine davon haben sie gestern mit einer Bratwurst übermalt. Stadtbekannte Rechtsradikale, erzählen die jungen Männer, hätten sie dabei umstellt.

Reichsflagge in Gorndorf - dürftig von Jugendlichen übermalt

Reichsflagge in Gorndorf - dürftig von Jugendlichen übermalt

Foto: Milena Hassenkamp/ DER SPIEGEL

Am Ortseingang bringen zwei Plakatwände die Gesinnungslage im Viertel auf den Punkt: "Gorndorf bleibt deutsch" steht auf der einen. Daneben: "Faschos aufs Maul". Die Aussage würde König-Preuss unterschreiben: Für sie gibt es nur rechts oder links. Nichts dazwischen.

"Nach Gorndorf fährt niemand alleine"

Wenn die Linken "Gorndorf zukleistern", wie sie sagen, dann fahren sie im Konvoi: drei Autos hintereinander. Gleichzeitig halten, aussteigen, Plakate aufhängen, einsteigen. Seitdem sie 2014 an einem Wahlkampfstand in der Gegend von einem vermummten Mann mit Metallkette  und einigen anderen bedroht wurde, sagt König-Preuss: "Nach Gorndorf fährt niemand alleine." Es klingt, als wäre sie unterwegs in einer Kampfzone.

König-Preuss bleibt wachsam, beobachtet die vorbeifahrenden Autos, einen Rentner auf seinem E-Bike, einen Vater in Tarnjacke, der in sein Handy tippt. Alle könnten Meldung geben, Verbündete rufen, Nazis sein.

Was die dann tun könnten? Sich Gesichter merken, einschüchtern, handgreiflich werden. Dabei sei physische Gewalt nicht das Schlimmste, meint König-Preuss: "Wenn du blutest, dann glaubt dir wenigstens jemand." Schlimmer sei die Drohkulisse, die einem niemand glaube.

Das erste Mal von Nazis zusammengeschlagen zu werden, das scheint für König-Preuss und ihre Leute wie ein Initiationsritus. Es ist der Moment, in dem sie sich für eine Seite entscheiden. Er habe das mit sieben Jahren erlebt, erzählt einer der jungen Männer mit Plakat in der Hand. "Da drüben", er zeigt auf einen grauen Häuserblock: "Zwischen Grundschule und zu Hause."

König-Preuss selbst war 14 Jahre alt, als drei Rechtsradikale sie nach einem Fußballspiel festhielten und verprügelten. Zwei Männer halten sie fest. Eine Frau tritt ihr erst in den Magen, dann mit dem Fuß ins Gesicht. Die Narbe davon trägt sie noch heute unterm Auge. Seit damals, sagt sie, sei das noch drei Mal passiert.

Im Jahr nach dem ersten Mal gründete sie die erste weibliche Antifa-Gruppe. Wie radikal ihre Ansichten teilweise immer noch sind, zeigt sich darin, dass sie dem Verfassungsschutz nicht traut und sich manchmal darauf freut, wenn ihr Mandat zu Ende geht. Denn dann könne sie bei Demos wieder in der ersten Reihe stehen. Doch sie hat sich auch an den Job der Politikerin gewöhnt, die Kompromisse schließen muss, um zu regieren.

Die Wut hat sie vielleicht von ihrem Vater Lothar König, Pfarrer in der Jungen Gemeinde Jena, selbst ein Kämpfer gegen rechts, der vor einer radikalen Szene in seiner Stadt warnte, noch bevor die drei Neonazis aus Jena - Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt - für ihre Taten bekannt wurden.

König-Preuss ist in mehreren Neonazi-Chatgruppen, sie recherchiert, notiert sich Namen, fotografiert Nachrichten ab, beobachtet Menschen auf Rechtsrockkonzerten, sucht nach verfassungsfeindlichen Motiven, überwacht. Manchmal, erzählt ihr Mann Olli, summe das Handy die ganze Nacht. Er wünsche sich einfach, dass sie stattdessen Handyspiele spielte. Später am Abend wird er sie in Weimar mit dem Auto abholen. Wenn es dunkel ist, sagt er, solle sie nicht auf der Straße sein.

Foto: Milena Hassenkamp/ DER SPIEGEL

Unterwegs mit den sieben jungen Männern in Saalfeld markieren die Wahlplakate ein Territorium, um das links und rechts kämpfen. Manchmal hängen die Linken drei Plakate übereinander. Dabei entfernen sie Aufkleber von den Laternen, auf denen "NS-Area" und "White Power" steht. Auf einem ist auch das Gesicht von König-Preuss zu sehen.

Was macht das mit ihr? Nichts, sagt sie später im Auto. Vielleicht sei sie abgestumpft. Sie zeigt die Beleidigungen, die Drohungen, die Hasskommentare nicht mehr an. Es gebe Wichtigeres, das man in dieser Zeit gegen rechts machen könnte. Was mit Anzeigen passiere, habe das Urteil im Fall der Grünenpolitikerin Renate Künast gezeigt: Sie muss sich die Beleidigungen im Internet gefallen lassen.

"Die singen davon, dass sie Politiker umbringen"

"Ich verstehe einfach nicht, wie man immer noch davon ausgehen kann, dass das, was Neonazis sagen, nicht auch Taten werden", sagt König Preuss, nachdem sie den ersten, dann den zweiten und schließlich noch einen dritten Song der Rechtsrockband vorgespielt hat.

Neben der Morddrohung wird dort auch die rechtsextreme Vereinigung Combat 18 erwähnt. König-Preuss klappt ihr Notebook zu und starrt wieder nach vorn auf die dunkle Straße.

"Die singen davon, dass sie Politiker umbringen, die singen davon, dass sie Punks umbringen. Die singen davon, dass Muslime getötet werden müssen, Juden getötet werden müssen."

Die Pfarrerstochter König-Preuss sagt schließlich: "Ich glaube nicht, dass ein Neonazi entscheidet, wann ich sterbe." ´

Im Video: Wie ein Stadtrat in Hitlers Lieblingsstadt gegen die AfD kämpft

SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.