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Parteitag: Piraten mit neuem Gesicht

Foto: Lennart Preiss/ Getty Images

Ponader-Nachfolgerin Katharina Nocun Das neue Gesicht der Piraten

Die Piraten haben eine junge Datenschützerin zur neuen Politischen Geschäftsführerin gewählt. Katharina Nocun soll im Bundestagswahlkampf das sympathische Gesicht der Partei geben. Schon werden Parallelen zu Marina Weisband gezogen.

Kämpferisch kann sie also auch. "Ich möchte nie wieder von irgendjemandem in der Piratenpartei hören, dass wir den Bundestag nicht wuppen", brüllt Katharina Nocun ins Mikrofon. "Wir werden uns verdammt noch mal den Arsch aufreißen, um die anderen anzugreifen!"

Die Piraten haben eine neue Politische Geschäftsführerin. Nocun ist die Nachfolgerin von Johannes Ponader. 81,7 Prozent Zustimmung gaben ihr die Piraten. Der Zweitplatzierte kam auf etwas mehr als 40 Prozent Zustimmung. Nocun steht auf der Bühne und strahlt.

Es ist ein lauter Auftritt einer Piratin, die sonst durch nüchterne Sachpolitik aufgefallen ist. Katharina Nocun, vor etwas mehr als 26 Jahren in Polen geboren, dann in Niedersachsen aufgewachsen, ist in den vergangenen Monaten so etwas wie die oberste Datenschützerin der Piraten geworden. Nocun ist Fachpolitikerin, sie beteiligt sich nicht an den üblichen Shitstorms gegen Parteimitglieder.

Sie jobbte bei der Verbraucherzentrale als Referentin für digitale Verbraucherrechte, studiert nebenbei Politik, Philosophie, Wirtschaft und Wirtschaftsinformatik und arbeitet ein bisschen für ein Online-Magazin. Sie lebt in der Nähe von Osnabrück.

Für Schlömer ist Nocun keine zweite Weisband

Nocun ist erst seit gut einem Jahr bei den Piraten. Zuvor war sie bereits jahrelang im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung aktiv, einer der wichtigsten Gruppen in der Netzpolitikszene. Als Expertin für Datenschutz hat sie in der Partei schnell eine wichtige Rolle eingenommen.

Seit März ist sie offizielle Themenbeauftragte für Datenschutz, bei der Bundestagswahl tritt sie in Niedersachsen auf Listenplatz zwei an. Auch bei der Landtagswahl im Januar war sie auf Listenplatz zwei, wurde aber dennoch als "Spitzenkandidatin" für die Medien vorgeschickt. Die Piraten scheiterten aber mit 2,1 Prozent deutlich am Einzug in den Landtag.

Der bayerische Landesvorsitzende Stefan Körner freut sich über die Wahl: "Sie wird den Piraten ein neues Gesicht geben." Seine Hoffnung sei, "dass sie ähnlich wie Marina Weisband die Piraten sympathisch und ansprechend vertritt." Und vor allem, betont Körner, "steht sie für die Kernthemen, also genau das, wofür die Piraten mal gegründet wurden".

Körners Lob überrascht nicht. Schließlich vertritt Nocun eine ähnliche Haltung wie Körner und eine Mehrheit in dessen Landverband. Die neue Geschäftsführerin ist Teil des Bürgerrechtsflügels der Partei und wie Körner skeptisch gegenüber der umstrittenen "Ständigen Mitgliederversammlung", die viele vom progressiv-linken Flügel der Partei wollen.

Der Parteivorsitzende Bernd Schlömer ist zufrieden mit der Wahl, er kennt Nocun vom Wahlkampf in Niedersachsen: "Sie ist ein Gewinn für unseren Bundestagswahlkampf." Doch als zweite Marina Weisband will er sie auf keinen Fall bezeichnen. "Man kann sie nicht mit Marina vergleichen. Wir geben Katta Zeit, ihre eigene Art zu entwickeln."

Nocun will sich Distanz bewahren

Doch die Zeit ist rar. Nocun ist vor allem für den Bundestagswahlkampf gewählt. Ihr inoffizieller Auftrag: Sie soll das neue sympathische Gesicht der Partei für die kommenden Monate werden. Im September ist die Wahl und die Partei dümpelt in den Umfragen bei zwei bis vier Prozent.

Nach ihrer Wahl übte Nocun vor Journalisten indirekt Kritik an ihrem Vorgänger Ponader. "Es ist uns nicht gelungen, unsere Werte nach außen zu vertreten." Auch erteilte sie einem beliebten Werbeslogan der Partei eine Absage: "Wir müssen beweisen, dass wir nicht nur die mit den Fragen sind, sondern auch Antworten haben." Allerdings reagierte sie ausweichend, wenn es um Konkretes ging. Mehrfach fragten Journalisten auf einer Pressekonferenz nach ihrer Meinung zu ständigen Online-Parteitagen, festlegen wollte sie sich nicht.

Nocun hatte erst vor wenigen Tagen ihre Kandidatur bekanntgegeben. Viele Piraten hatten damit gerechnet, dass die Aktivistin aus Niedersachsen ein Amt im Bundesvorstand anstrebe - doch rausrücken wollte Nocun mit ihren Plänen bis zuletzt nicht. In Neumarkt redete die 26-Jährige dann so engagiert, als habe sie noch nie etwas anderes machen wollen. In ihrer Kandidatenbefragung - jeder Bewerber bekommt ein paar Minuten auf der Bühne, um Stellung zu nehmen - erklärte sie ihre Abneigung gegenüber dem ESM-Vertrag ("Ich habe ihn gelesen. Er ist intransparent und ohne Mitbestimmung der Menschen entstanden").

Immer wieder unterbrach sie ihre Redebeiträge für motivierende Appelle an die Piratentruppe, die seit Monaten unter miesen Umfragewerten leidet. "Wir müssen in den Bundestag!", rief Nocun, "und wir kommen auch in den Bundestag! Ich möchte sehen, wie Udo Vetter (ein Listenkandidat der Piraten und bekannter Jura-Blogger - d. Red.) per Live-Stream-Übertragung unseren Innenminister auseinandernimmt!"

Dann wurde sie persönlich. "Eine meiner Stärken ist es, dass ich mir auch mal eine Auszeit nehme und das Handy ausmache. Das werde ich auch nicht ändern. Es ist ganz wichtig, dass man eine gewisse Distanz hat zu den Dingen, weil man sonst Gefahr läuft zu verbrennen", sagte Nocun, während der Saal schwieg.

Nach ihrer Rede brandete Applaus auf: Führende Piraten, die unter dem Druck zusammenbrechen - damit haben die Piraten Erfahrung.

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