Bayerns Grünen-Kandidatin Schulze "Macht ist nichts Schlimmes"

Die Grünen in Bayern träumen bei der Landtagswahl von der 20-Prozent-Marke. Vor allem Spitzenkandidatin Katharina Schulze sorgt für Aufsehen - steht aber auch unter großem Druck.
Katharina Schulze, Ludwig Hartmann

Katharina Schulze, Ludwig Hartmann

Foto: Andreas Gebert

Katharina Schulze ist ein wenig heiser. Kein Wunder, in den vergangenen neun Wochen hat sie rund 180 Wahlkampftermine absolviert. Nun steht sie im Plenum des Landtags in München und spricht über Europa. "Bayern liegt im Herzen Europas", ruft sie. Beim Reden ballt sie ihre Fäuste.

Es sind noch wenige Wochen bis zur Landtagswahl. Gemeinsam mit Ludwig Hartmann ist Schulze Teil der Doppelspitze der bayerischen Grünen. Die Partei strotzt vor Selbstvertrauen. In der jüngsten SPON-Umfrage liegen die Grünen mit 17,9 Prozent klar auf dem zweiten Platz hinter der mit 36 Prozent schwächelnden CSU. Manch Grüner glaubt, es könnte am 14. Oktober sogar für die 20-Prozent-Marke reichen.

Und dann? Schwarz-Grün in Bayern? Ja, warum nicht. Was für Außenstehende noch gar exotisch klingt, wird im Freistaat seit Jahren diskutiert. Die Grünen sind hier bürgerlicher als anderswo, ländlicher sowieso.

In Bayern versuchen sie das umzusetzen, wovon die Grünen auf Bundesebene träumen: Volkspartei werden. Sie wollen konservativer und sozialer werden, rechtes und linkes Klientel ansprechen, Menschen auf dem Land und in der Stadt. All das suchen Schulze und Hartmann zu verkörpern.

Und wenn die beiden in Bayern nicht gut abschneiden, wird das natürlich Auswirkungen auf die Bundespartei und deren Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck haben.

Hartmann ist 40 Jahre alt, hat kurze, braune Haare. Er trägt meist Hemd oder Sakko, ein Sinnbild der Seriosität. Schulze ist 33, blond, charismatisch mit ausufernder Gestik. Lieblingsfarbe pink, Lieblingsserie "Game of Thrones".

Schon vor Beginn des Landtagswahlkampfs lobte Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt die bayerische Spitzenkandidatin. Eine tolle Frau sei diese, mit so viel Ausstrahlung. Die Grünen wollen Politiker wie Schulze im Vordergrund, die anders aussehen und klingen als die Männer von der CSU in ihren schwarzen Anzügen.

"In meiner Vorstellung ist es das Ziel, pragmatisch die Welt zu retten", sagt Schulze. Das klingt moralisch. "Wenn wir es nicht schaffen, unseren Planeten zu bewahren und Europa zu verteidigen, dann haben wir alle ein großes Problem."

"Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus"

Schulze ist aber vor allem Innenpolitikerin. Sie fährt Streife mit der Polizei, trifft sich mit dem Verfassungsschutzpräsidenten in Bayern, organisiert Polizeikongresse. "Dass die Grünen nicht mehr nur die Apo sind, ist total gut", sagt sie. Ob sie selbst denn früher mal radikaler war? Nein. Natürlich gehe sie auf Anti-Nazi-Demos, kenne auch viele Antifaschistinnen und Antifaschisten. Aber sie sei nie extrem gewesen, immer Demokratin.

Beim Fasching in Veitshöchheim verkleidete sie sich als Daenerys Targaryen, die Drachenmutter aus "Game of Thrones". Daenerys ist eine kühne Strategin, die Sklaven befreit, aber vor allem das Königreich ihres Vaters zurückerobern will. Das passe doch ganz gut, findet Schulze - auch zum Vorhaben, die absolute Mehrheit der CSU in Bayern zu brechen.

Katharina Schulze als Daenerys Targaryen

Katharina Schulze als Daenerys Targaryen

Foto: Andreas Gregor

Schulze war auf dem Christoph-Probst-Gymnasium in Gliching. Sie schrieb ihre Facharbeit über Probst, den Widerstandskämpfer der "Weißen Rose". "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" - der Ausspruch müsse 365 Tage im Jahr der politische Handlungsauftrag sein.

"Antifaschistin zu sein bedeutet ja nicht, linksextrem zu sein", sagt Schulze. Trotzdem: Innenpolitiker mit Kontakten zur Antifa sind in anderen Parteien eher eine Seltenheit. Auch wenn sie findet, es sei kein Gegensatz, Innenpolitik und antifaschistische Arbeit zu verbinden, eine Herausforderung war die parlamentarische Arbeit am Anfang trotzdem. "Ich hatte davor null Berührungspunkte mit der Polizei. Wirklich null", sagt sie. Sie habe um die Vorurteile von beiden Seiten gewusst.

Zu jung für das TV-Duell mit Söder

Anruf also bei der Polizeigewerkschaft Bayern. Wie denn die Zusammenarbeit mit Frau Schulze laufe? "Sie ist sehr engagiert", sagt Peter Schall, Landesvorsitzender der Gewerkschaft. Seit Schulze für die Innenpolitik zuständig sei, habe sich das Verhältnis zwischen Grünen und Polizisten in Bayern verbessert. Trotzdem habe man bei vielem fundamental andere Ansichten, zum Beispiel bei der Kennzeichnungspflicht für Polizisten.

Schulze ist mit ihren 33 Jahren zu jung, um in Bayern Ministerpräsidentin zu werden, das geht erst mit 40. Deshalb tritt auch Hartmann beim TV-Duell gegen Ministerpräsident Markus Söder an. Trotzdem sucht Katharina Schulze schon jetzt die große Bühne. "Ich finde, Macht ist nichts Schlimmes", sagt sie. Wenn eine Frau Macht wolle, werde das oft argwöhnisch beobachtet. Sie aber sei in die Politik gegangen, um zu gestalten. Die Altersregel für Ministerpräsidenten würde sie deshalb gern abschaffen.

Ein Dienstagabend im September in München. Die Grünen veranstalten ein Townhall, Bürger können ihre Fragen an Hartmann und Schulze stellen. Es ist für 300 Leute bestuhlt, nur etwa 150 sind gekommen. Es geht um Klimaschutz, Mieten und um Migration. Die Frage nach Asyl, Einwanderung und Zuwanderung ist einer der Kernpunkte im bayerischen Wahlkampf. Die Grünen wollen unbedingt zeigen, dass sie auch beim Thema Sicherheit kompetent sind.

Als Schulze gefragt wird, wie die Grünen mit abgelehnten Asylbewerbern umgehen, antwortet sie: "Wir leben in einem Rechtsstaat." Doch man könne ja auch auf freiwillige Rückkehr setzen.

Für so manchen CSU-Wähler klingt das eher nach Utopia und nicht nach geregelter Asylpolitik. Katharina Schulze ist manchen dann eben doch noch zu grün.

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