Katholizismus Rüttgers Bekenntnis löst Empörung aus

Einen Monat vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen sorgt CDU-Spitzenmann Jürgen Rüttgers mit zumindest missverständlichen Äußerungen zum Katholizismus für Kopfschütteln und Aufregung. Zwar versuchte er schnell wieder zurückzurudern, trotzdem erhielt der Wahlkampf nun eine eigentümliche Note.


CDU-Spitzenkandidat Rüttgers: Umstrittenes Bekenntnis
DDP

CDU-Spitzenkandidat Rüttgers: Umstrittenes Bekenntnis

Hamburg/Berlin - Lange haben die Parteistrategen von SPD und Grünen in Nordrhein-Westfalen gerätselt, was Jürgen Rüttgers noch für einen Fehler begehen könnte, damit er den schon sicher geglaubten Sieg in Nordrhein-Westfalen noch einmal aufs Spiel setzen könnte. Vor fünf Jahren sorgte seine Aussage "Kinder statt Inder" für Wirbel. Bei der N24-Sendung "Studio Friedman" wurden seine politischen Gegner am Donnerstagabend dann hellhörig. Dort ließ sich der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 22. Mai von Moderator Michel Friedman zu einer umstrittenen Äußerung hinreißen.

Nach ersten Angaben des Senders N24 hatte Rüttgers in der Talkshow erklärt: "Ich glaube, dass die katholische Kirche und ihr Menschenbild das Richtige ist und anderen Religionen überlegen ist." Die CDU und Rüttgers bestritten am Freitag in Düsseldorf aber, dass er der katholischen Kirche Überlegenheit bescheinigt habe. Er habe sich vielmehr auf das christliche Menschenbild bezogen. Der Sender korrigierte seine Darstellung daraufhin. Das Zitat sei "ungenau wiedergegeben" gewesen.

Nach übereinstimmender Darstellung von CDU und N24 antwortete Rüttgers auf Fragen nach einer Äußerung von Papst Benedikt XVI., die katholische Kirche sei anderen Kirchen überlegen. Rüttgers sagte in der entscheidenden Wortlautpassage tatsächlich - etwas verschwurbelt - folgendes: "Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, dazu zu stehen, dass wir wieder etwas für wahr und etwas für unwahr halten. Ich bin Katholik und ich glaube, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit den anderen Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt." Auf Nachfrage, ob die katholische Kirche und ihr Menschenbild anderen Religionen überlegen sei, habe Rüttgers geantwortet: "Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch 'überlegen'."

Am Freitagabend sah sich Rüttgers zu einer weiteren Stellungsnahme bemüßigt: "Das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild ist keine Überheblichkeit", hieß es in seiner in Düsseldorf verbreiteten Mitteilung. Er habe andere Religionen nicht abgewertet. "Jeder, der mich kennt, weiß, dass dies falsch ist. Ich will einen gleichberechtigten Dialog und einen respektvollen Umgang der Religionen miteinander." In der christlich-jüdisch-abendländischen Kultur gebe es "Religionen erster und zweiter Klasse nicht".

Auch dem "Kölner Stadt-Anzeiger" sagte er, der Eindruck, er werte andere Religionen ab, sei falsch. "Ich mache Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes, weil es meiner Überzeugung entspricht und ich es für richtig halte." Er wolle einen "gleichberechtigten Dialog und einen respektvollen Umgang der Religionen miteinander".

Politische Freunde gehen auf Distanz

 Rüttgers: "Das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild ist keine Überheblichkeit"
DPA

Rüttgers: "Das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild ist keine Überheblichkeit"

Zuvor hatten sich aber schon Freund und Feind auf ihn eingeschossen. Selbst Rüttgers Parteifreund, Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus, sagte der "Thüringer Allgemeinen": "Ich teile Rüttgers Auffassung nicht." Auch die FDP in Nordrhein-Westfalen, die nach der Landtagswahl mit der CDU koalieren will, ging auf Distanz. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP im Landtag, Marianne Thomann-Stahl, betonte, egal wie das Zitat gedeutet werde: "Mit der FDP wird es in der künftigen gelb-schwarzen Landesregierung kein Gegeneinander der Religionen geben."

Rüttgers Gegenkandidat von der SPD, NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück, sagte der "Westdeutschen Zeitung": "Für mich gibt es keine Christen erster und zweiter Klasse, und keine Religion sollte sich über eine andere erheben." NRW-SPD-Landeschef Harald Schartau erklärte, Rüttgers habe die Gefühle vieler gläubiger Menschen verletzt. Seine Aussage zeuge "von einem intoleranten und verengten Weltbild". SPD-Fraktionschef Edgar Moron sagte, Rüttgers habe sich als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten disqualifiziert. Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck erklärte, viele gläubige Christen engagierten sich für die Ökumene. "Wer versöhnen will, kann nicht gleichzeitig spalten. Das hat Jürgen Rüttgers offenbar nicht verstanden."

NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) nannte die Rüttgers-Aussagen "vollkommen unverständlich und überheblich." Religion solle zwar Werte für das eigene Leben vermitteln, aber "man darf nicht den Eindruck vermitteln, die Christen seien besser als etwa Juden, Muslime oder Buddhisten." Für NRW-Kulturminister Michael Vesper (Grüne) spricht aus der Sicht des CDU-Politikers "kulturelle Hybris", mit der er sich für das Amt des Ministerpräsidenten von NRW disqualifiziere. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, kommentierte: "Dass er jetzt dreist abstreitet, was er nachweislich gesagt hat, ist erbärmlich."

Die Grünen-Landesvorsitzenden Britta Haßelmann und Frithjof Schmidt warfen Rüttgers vor, seine Äußerungen seien "ein Schlag ins Gesicht für die überwältigende Mehrheit der deutschen Katholiken", auch habe er "die deutschen Protestantinnen und Protestanten zutiefst beleidigt".

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, warnte in der "Rheinischen Post" davor, "den eigenen Glauben über den Anderer zu setzen". In der "Bild"-Zeitung empfahl er Rüttger, darüber nachzudenken, "woher der katholische Glaube abstammt, nämlich aus dem jüdischen Glauben". "Und im übrigen heißt es "Glauben" und nicht "Wissen". Kategorien wie "überlegen" seien in Religionsfragen fehl am Platz.

Schwarz-Gelb bis Freitag zehn Punkte vorn

Nach einer am Freitag veröffentlichten Umfrage liegt die CDU wenige Wochen vor der Landtagswahl am 22. Mai mit einem Vorsprung von zehn Punkten weiter deutlich vor der SPD. Ein Bündnis von CDU und FDP hätte demnach einen Vorsprung von sieben Punkten vor der regierenden rot-grün Koalition. Nach der jüngsten Umfrage liegt die CDU stabil bei 45 Prozent. Allerdings hat nach den vom Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid veröffentlichten Zahlen die FDP einen Prozentpunkt verloren und steht nur noch bei 6 Prozent. Dennoch ergäbe das für Schwarz-Gelb eine Mehrheit von 51 Prozent der Stimmen.

Die SPD kommt nach dieser Umfrage unverändert auf 35 Prozent, die Grünen erreichen 9 Prozent. Laut Emnid will die Mehrheit den politischen Wechsel. 58 Prozent der Befragten seien der Meinung, dass die SPD nach 39 Jahren in der Regierung verbraucht sei, 37 Prozent teilten diese Auffassung nicht. Dagegen berichtete die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf eine Forsa-Umfrage, nur 31 Prozent der Wähler glaubten, eine CDU-geführte Landesregierung würde es besser machen als die jetzige. 59 Prozent meinen, die Zeit für einen politischen Wechsel sei nicht reif.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.