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02. November 2017, 16:08 Uhr

Grüne an der Regierung

Die Pastoralisierung der Politik

Eine Kolumne von

"Nächstenliebe kennt keine Obergrenze." Wenn Sie eine Aversion gegen den hohen Predigtton haben, dann sollten Sie beten, dass die Grünen mit Katrin Göring-Eckardt nicht in die Regierung einziehen.

Ich hatte mir fest vorgenommen: kein Wort über Jamaika. Kein Text über den Versuch, ein Regierungsbündnis zustande zu bringen. Bereits das Wort, unter dem das Unternehmen steht, ist so unseriös, dass es an einem Platz wie diesem nichts zu suchen hat.

Bis heute können sich nicht einmal die Beteiligten entscheiden, ob sie den Namen ihrer Koalition nun deutsch aussprechen, also mit einem J wie in Julia und dann einem ai wie in ei - oder englisch, das heißt mit weichem Dsch und mäj in der Mitte. Die meisten haben sich für einen Mittelweg entschieden: englisch beginnend, auf deutsch endend. Jens Spahn hat recht: Gegen den Zwang zum Kosmopolitismus ist kein Kraut gewachsen.

Koalitionsgespräche sind eine mühsame Angelegenheit, bei der die Dauer anzeigen soll, wie ernst es den Beteiligten mit ihren Anliegen ist. Auch das spricht gegen eine nähere Befassung.

Mir ist herzlich egal, ob zur Debatte stand, den Soli nur zur Hälfte abzuschaffen oder auf einen Schlag alle Kohlekraftwerke stillzulegen. Für mich zählt das Ergebnis. Dann weiß ich, worauf ich mich einstellen muss. Ich glaube, den meisten Menschen geht es so wie mir. Nur absolute Politjunkies halten Sondierungen für spätere Koalitionsverhandlungen für so spannend, dass es sich darüber zu reden lohnt.

Positionswechsel als Ausweis besonderer Standfestigkeit

Was die Aussicht auf eine grüne Regierungsbeteiligung angeht, bin ich relativ gelassen. Das Land hat Rot-Grün überlebt, da wird es auch Schwarz-Grün-Gelb überstehen. Das Einzige, wovor mir jetzt schon graut, ist die Aussicht auf eine Nebenkanzlerin Katrin Göring-Eckardt. Ich sage das ganz ehrlich. Ich weiß nicht, ob ich das überstehen würde.

Das Problem sind für mich nicht die Positionen. Tatsächlich ist es schwer zu sagen, wofür die Fraktionschefin der Grünen steht, außer für den festen Willen, ganz vorne dabei zu sein. Als die Realos das Sagen hatten, war sie eine überzeugte Realpolitikerin. Als es bei den Grünen wieder schick war, als links zu gelten, war sie ebenfalls wieder links. Jetzt ist sie irgendwo in der Mitte, also weder links noch rechts, weil das gerade am besten passt.

Jedem anderen würde man solche Flexibilität als Prinzipienlosigkeit auslegen. Bei Göring-Eckardt gilt der Positionswechsel als Ausweis besonderer Standfestigkeit. "Sich nicht beirren lassen, für die eigene Überzeugung einstehen, auch bei Gegenwind: Das ist weiter mein Kompass." Damit hat sie für sich geworben. Und das Tolle ist: Niemand hat gelacht. Mehr muss man über die Grünen von heute nicht wissen.

Anderseits: Es gibt viele Politiker, die nach dem Genscher-Satz "fordern, was kommt" handeln. Das Besondere an Göring-Eckardt ist der Ton, mit dem sie den größten Binsen Weihe verleiht. Ich bin aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil ich den Ton der Predigten nicht mehr ertrug. Jetzt bekomme ich das Ganze von der Regierungsbank serviert, wenn ich Pech habe.

Zwischen Prenzlauer Berg und Pfarrhaus

"Nächstenliebe hat keine Obergrenze", ist so ein Satz, bei dem man unwillkürlich nach dem Gesangbuch greift. Oder: "Zukunft wird aus Mut gemacht." Der stand bei den Grünen sogar auf dem Wahlprogramm. Unvergessen auch ihre Begründung auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, warum es keinen Grund, gebe sich zu fürchten, sondern nur Grund, sich zu freuen. Denn: "Wir kriegen jetzt plötzlich Menschen geschenkt."

Manchmal geht es ein wenig durcheinander, die Dankbarkeit für die Menschengeschenke und der Mut zur Zukunft. Dann klingt es so: "Sind wir ein Land, das für Migrantinnen und Migranten offen ist? Was Leute anzieht, die wir übrigens dringend brauchen - nicht nur die Fachkräfte, sondern weil wir auch Menschen hier brauchen, die in unserem Sozialsystem zu Hause sind, und die sich hier auch zu Hause fühlen können?"

Ich würde eher bezweifeln, dass wir wirklich Menschen brauchen, die in unseren Sozialsystemen zu Hause sind. Aber ich bin ja auch kein Grüner.

Katrin Göring-Eckardt ist die Art von Politiker, die herauskommt, wenn man den Prenzlauer Berg mit dem protestantischen Pfarrhaus kreuzt: So unbedingt dafür, das Gute und Richtige zu tun, dass man gar nicht anders kann, als die Hände zum Gebet zu falten - aber dabei immer so im Ungefähren, dass niemand widersprechen kann. Manchen Leuten gefällt das. Bei mir führt die Pastoralisierung von Politik leider zu allergischen Anfällen.

Ökologisierung der CDU

Ich gebe zu, die Grünen von früher waren mir lieber. Einer wie Joschka Fischer würde heute nicht mal über die Schwelle der Geschäftsstelle kommen, so wie der aufgetreten ist. Der Einzige aus der alten Riege, der überlebt hat, ist Jürgen Trittin. Und der wird nur geduldet, weil man sich erhofft, dass er den Fundi-Flügel ruhig hält.

Ich habe neulich lange mit Volker Beck geredet. Wir saßen bei ihm im Büro und sprachen über seinen Abschied aus der Politik. Ein paar Wochen zuvor hatten die Grünen mit der Ehe für alle ihren größten Triumph nach dem Atomausstieg gefeiert. Wenn es jemanden gibt, dem sie diesen Erfolg zu verdanken haben, dann Beck. Aber es hat dennoch nicht mehr für einen ordentlichen Listenplatz gereicht.

Beck kann eine furchtbare Nervensäge sein. Er ist eigensinnig, halsstarrig, mitunter auch selbstgerecht. Aber manchmal muss man all das sein, wenn man eine Mehrheit für ein Projekt gewinnen will, das am Anfang niemand für relevant hält. Wenn Katrin Göring-Eckardt immer schon die Grünen angeführt hätte, würden sie heute noch darüber reden, dass man mal was für die Schwulen und Lesben tun müsse.

Die offene Frage ist jetzt, ob die Grünen so werden wie die CDU. Oder ob die CDU so wird wie die Grünen. Wenn die Vergangenheit einen Hinweis auf die Zukunft gibt, dann steht jetzt erst einmal die Ökologisierung der CDU an. Die meisten Leute denken, die Lehre aus dem Debakel bei der Bundestagswahl sei ein Rechtsschwenk, um die AfD wieder aus dem Parlament zu vertreiben. In Wahrheit bereiten sich die Christdemokraten unter Angela Merkel darauf vor, noch weiter nach links zu ziehen.

Was die Tonlage angeht, sind Grüne und CDU schon nah beieinander. Merkel und Göring-Eckardt verstehen sich blind, wie es heißt. Das ist für alle, die für die Trennung von Staat und Kirche sind, keine gute Nachricht.

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