Jakob Augstein

Katrin Göring-Eckardt Sie hat Heimat gesagt

Die Grünen streiten über "Heimat". Das ist lächerlich, aber lehrreich: Es geht um alte deutsche Neurosen und neue grüne Unsicherheiten. Denn die Deutschen sind kein normales Volk. Und die Grünen suchen den Weg nach rechts.
Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt

Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Katrin Göring-Eckardt ist im soeben zuende gegangenen Wahlkampf als maximalsympathische, weil vollkommen konturlose, cemözdemirbegleitende Grünen-Spitzenkandidatin aufgefallen - oder vielmehr nicht. Nun aber hat sich Göring-Eckardt so weit vorgewagt, hui, davon werden grüne Enkel noch in Generationen nachhaltige Geschichten erzählen. Sie hat nämlich auf einem Länderrat gesagt, es gebe etwas, worin sich die Grünen "nicht übertreffen lassen": "Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen."

Heimat! Sie hat Heimat gesagt! Jetzt streiten die Grünen: Darf die das? "Heimat ist ein ausgrenzender Begriff", schrieb sogleich die Grüne Jugend, was der Europa-Grüne Reinhard Bütikofer "arg altbacken" fand und dem Schleswig-Holsteiner Robert Habeck Gelegenheit bot, ein Ernst-Bloch-Zitat unterzubringen. Dieser relativ überschaubare Konflikt taugt bei den Grünen also tatsächlich noch für Auseinandersetzungen.

Eigentlich könnte man das Thema schnell erledigen: Für das Wort "Heimat" gilt, was man einst vom Beton gesagt hat: Es kommt drauf an, was man daraus macht. Heimat kann knisternder Kandis am Kamin sein und Kreidefelsen im Sonnenuntergang - oder das Tor zur braunen Nazihölle. Je nachdem.

Aber in Deutschland ist das H-Wort kontaminiert. Die Nazis haben uns die Heimat kaputt gemacht. Das ist ja die Lesart der Linken, die sich an diesen Begriff nicht mehr rantrauen. So zeigen die grünen Gefechte an der Heimatfront wie nebenbei: Deutschland ist immer noch nicht ganz normal. Normal würde nämlich bedeuten, dass Deutschland trotz seiner Vergangenheit nicht anders angesehen wird als andere Länder, sich nicht anders verhält und sich nicht anders fühlt. Damit ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hat einmal in einer Rede gesagt, er wolle "eine Bitte an uns Deutsche richten: dass auch wir diesem grundlegend gebesserten Land zuallererst in der Grundhaltung des Vertrauens begegnen". In jedem anderen Land wäre das ein vollkommen absurder Satz. In Deutschland versteht jeder sofort, was gemeint ist.

Die Deutschen waren an Orten, die die anderen nicht kennen. Normalität bedeutet für sie etwas anderes als für die anderen. Einen Streit um das Wort "Heimat" könnte gar kein anderes Land führen.

Die Grünen sind - das kann auf dem Weg in eine Koalition mit der CDU nicht schaden - bei ihrer Heimatsuche also auf treudeutscher Spur. Außerdem aber hat die ganze Wortklauberei für die Grünen noch eine einigende Wirkung: die viel interessantere Frage, ob man wirklich mit Horst Seehofer und der FDP eine Koalition bilden soll, ist nämlich stillschweigend längst erledigt worden. Klar soll man. Opposition ist Mist.

Grüne Selbstvergewisserung bleibt also einstweilen auf vergleichsweise harmlose Randthemen beschränkt.

Manchmal führt aber die Befassung mit den Randthemen - mit den Nebenkonflikten - zum Kern der Wahrheit. Als Katrin Göring-Eckardt sich genötigt sah, ihren Heimat-Urlaub zu rechtfertigen, schrieb sie in der "taz": "Die Antworten auf das Gefühl der Unbehaustheit, das viele Menschen angesichts der rasanten Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt heimsucht, dürfen deshalb nicht den Rechten überlassen werden."

Dieser Satz ist in Wahrheit das Eingeständnis eines Versagens. Er sagt: Uns war das "Gefühl der Unbehaustheit" vieler Menschen schnuppe, bis die Rechten kamen und damit ihre braune Suppe kochten. Von dem, was man früher die soziale Frage nannte, haben sich die Grünen nämlich vor langer Zeit abgewendet. Erst jetzt, da die Rechten den Zufriedenen den ganzen Spaß am Kapitalismus versauen, wendet man sich notgedrungen dem Thema wieder zu. Das ist arg spät.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat geschrieben: "Der rechte Populismus floriert, weil die Welt der arbeitenden Schichten vom Konzernkapitalismus zerstört und von den kulturell fortschrittlichen Eliten entwertet wurde, nachdem diese ihre intellektuellen und politischen Energien seit den Achtzigerjahren auf sexuelle und kulturelle Minderheiten konzentrierten, was zu erbitterten culture wars führte."

Die Grünen, die man getrost zu den liberalen Eliten zählen darf, sind auf der falschen Seite der Geschichte gelandet: Sie sind mit ihrem Verständnis von Freiheit inzwischen Verbündete des Konzernkapitals. Wer vom Ideal der offenen Grenzen redet, klingt zwar wie ein ganz süßer Kuschelhumanist, vertritt aber vor allem ein zentrales Anliegen der Banken und Konzerne, die von freiem Waren- und Kapitalverkehr profitieren.

Die Grünen - und mit ihnen die liberalen Eliten im Land - sind weit davon entfernt, sich an die Macht- und Verteilungsverhältnisse zu trauen. Solange das so ist, wird der rechte Populismus weiter florieren. Und die Illusion rassischer, religiöser und ethnischer Privilegien wird der einzige Ersatz bleiben für Entfremdung, Benachteiligung und Ohnmacht.

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