Kernkraft "NRW-Landesregierung handelt verantwortungslos"

Der Atom-Versuchsreaktor in Jülich wurde über Jahre mit zu hohen Temperaturen gefahren. Reiner Priggen, Fraktionsvize der Grünen in NRW, wirft der Landesregierung im Interview mit SPIEGEL ONLINE vor, die Gefahr zu verharmlosen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Priggen, wie gut funktioniert die Atomaufsicht in NRW?

Priggen: Die zuständige Wirtschaftsministerin Frau Thoben hält den Ausstieg aus der Kugelhaufentechnologie für einen großen Fehler, so nachzulesen in einer Rede, die sie 2006 zur Energiepolitik gehalten hat. Sie und Forschungsminister Pinkwart von der FDP können sich sogar den Bau neuer Atomkraftwerke in Deutschland vorstellen. So jemand ist Partei und geht nicht mit der nötigen kritischen Distanz vor. Wir haben es hier wie beim Versuchsendlager Asse mit Behörden zu tun, die alle Augen zudrücken - wider besseren Wissen. Ich habe kein Vertrauen zu solchen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden, das Land handelt hier verantwortungslos.

SPIEGEL ONLINE: Die Landesregierung sagt inzwischen, die Vorwürfe seien schon länger bekannt gewesen. Stimmt das?

Priggen: Wir haben zum Zustand des Versuchsreaktors immer wieder Anfragen an die Landesregierung gestellt und die Antworten fielen - zurückhaltend gesagt - verharmlosend aus. Zuletzt wurden mir Temperaturen in Höhe von 1280 Grad genannt, inzwischen wissen wir, dass der Reaktor gut 200 Grad höher gefahren wurde. Wenn die Landesregierung das gewusst und die Öffentlichkeit und das Parlament nicht informiert hat, dann macht es alles noch skandalöser. Wo sind denn die Warnungen an die Südafrikaner und Chinesen vor dem Bau solcher Reaktoren?

SPIEGEL ONLINE: Der Störfall, bei dem 1978 Wasser eingedrungen ist und die Gefahr einer Explosion bis hin zur Kernschmelze bestand, wurde nur als "normaler Störfall" eingestuft. Kann das so stehenbleiben?

Priggen: Natürlich nicht. Der Reaktor ist jenseits des kritischen Auslegungspunktes gefahren worden und wäre nicht mehr beherrschbar gewesen. Grundsätzlich muss diese Technik als hochgefährlich eingestuft werden.

Atomkraftwerke in Deutschland
Zahlen
Getty Images
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.
Geografische Verteilung
AP
Die meisten Atomkraftwerke gibt es in Bayern. Dort stehen fünf AKW: Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C, sowie Grafenrheinfeld. In Baden-Württemberg gibt es vier Atomkraftwerke: Neckarwestheim 1 und 2, sowie Philippsburg 1 und 2. Je drei Anlagen stehen in Schleswig-Holstein (Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel) und in Niedersachsen (Unterweser, Grohnde, Emsland). In Hessen stehen Biblis A und Biblis B.

Das Interview führte Barbara Schmid



insgesamt 7151 Beiträge
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Seite 1
walhalla33 06.07.2009
1. Ein entschiedenes "Nein"
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
Iggy Rock, 06.07.2009
2.
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
eeg-gegner 06.07.2009
3.
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
LumpY 06.07.2009
4.
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
Rainer Girbig 06.07.2009
5. Was für eine
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
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