Juso-Chef Kühnert Der Krisengewinner

So brutal der Absturz der SPD ist, so steil verläuft der Aufstieg von Kevin Kühnert. Nun treffen sich die Jusos zum Bundeskongress. Was hat der oberste GroKo-Gegner vor?

Kevin Kühnert
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Die Episode liegt schon ein paar Wochen zurück, aber sie zeigt, wie sich die Wahrnehmung des Juso-Vorsitzenden in der SPD verändert hat. Es war nach den Wahlschlappen in Bayern und Hessen, die Partei lag am Boden, und der Vorstand diskutierte im Willy-Brandt-Haus mal wieder über das große Ganze: die GroKo und die Dauerkrise der Partei. Kevin Kühnert meldete sich zu Wort und warnte, die SPD müsse aufpasse, bei den Wahlen in Sachsen und Thüringen 2019 nicht an der Fünfprozenthürde zu scheitern.

Da platzte, so berichten es Teilnehmer, dem sächsischen Landeschef der Kragen: "Hör' jetzt auf mit dieser Scheiße!", habe Martin Dulig gebrüllt. Sein Vorwurf: Mit seinen Untergangsszenarien mache Kühnert alles nur schlimmer, er solle besser mal die Klappe halten.

Nicht nur Duligs Ausbruch, auch die Tatsache, dass Genossen die Anekdote genüsslich weitererzählen, zeigt, wie misstrauisch Kühnerts Karriere in der SPD beobachtet wird. Innerhalb von zwölf Monaten ist er zu einem der einflussreichsten Politiker in der SPD aufgestiegen. Mit 29.

Kevin Kühnert bei Vorstellung der NoGroKo-Kampagne
DPA

Kevin Kühnert bei Vorstellung der NoGroKo-Kampagne

Im November 2017 wählten ihn die Jusos an die Spitze des Jugendverbands. Anschließend setzte sich Kühnert innerhalb weniger Wochen an die Spitze der GroKo-Gegner und entwickelte eine professionelle Kampagne. Das Schlagwort NoGroKo und eine aggressive Mitgliederwerbung unter dem Motto "Tritt ein, sag Nein" sorgten für Aufsehen. Kühnert wurde rasch bekannt, war omnipräsent in den Medien, auch die Niederlage beim Mitgliedervotum bremste seinen Aufstieg nicht. Das "Time Magazine" kürte ihn im Mai zu einem "Next Generation Leader", einem Anführer von Morgen.

Am Wochenende kommen die Jusos nun wieder zum Bundeskongress zusammen. Einer Wahl muss Kühnert sich in Düsseldorf nicht stellen, der Vorstand ist immer für zwei Jahre gewählt. Aber für Kühnert ist das Treffen Standortbestimmung und Weichenstellung für die Zukunft. Wie geht es weiter für den Jungpolitiker? Wie stark positioniert er seinen Verband gegen die GroKo? Und wie empfangen seine Leute Parteichefin Andrea Nahles, die am Samstagvormittag beim Bundeskongress auftritt?

Im Video: SPD-Hoffnungsträger: Kevin Kühnert auf NoGroKo-Tour

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Erfolg bei der Europaliste

Kühnerts Aufstieg ist ein Phänomen. Kein Juso-Vorsitzender vor ihm hatte nach so kurzer Zeit eine so große Bedeutung in der SPD. Und das obwohl er namhafte Vorgänger hat wie Heidemarie Wieczorek-Zeul, Gerhard Schröder und Andrea Nahles. Der Mann, der scheinbar unbeeindruckt mit Kapuzenpullover und Rucksack auch die größten Medientumulte meistert, ist ein politisches Talent. Er verzichtet meist auf Politikerfloskeln, hat eine einfache, klare Sprache und zeigt keine Angst, sich mit führenden Genossen anzulegen. Als die Parteispitze jüngst die Liste für die Europawahl zusammenstellte, sorgte bereits sein öffentlich geäußerter Unmut dafür, dass zwei junge Frauen nach vorne geschoben wurden - gegen den Willen ihrer jeweiligen Landesverbände.

Doch Kühnerts Karriere verläuft parallel zum Niedergang seiner Sozialdemokraten. Er wolle, dass "verdammt noch mal noch was da ist" von der Partei, wenn er an der Reihe sei, sagte er beim Parteitag in Berlin.

Das war vor fast einem Jahr. Seitdem ist die SPD in Umfragen weiter abgestürzt. Je nach Institut kommen die Genossen bundesweit nur noch auf 13 bis 15 Prozent, das reicht gerade mal noch für Platz vier - hinter Union, Grünen und AfD.

Ständige Gefahr für die Parteispitze

Kühnert hat sich nach seiner Niederlage beim Mitgliedervotum zunächst eingereiht und etwa Andrea Nahles bei der Wahl zur Parteichefin unterstützt. Das habe geholfen, den Laden zusammenzuhalten, loben selbst Parteifreunde, die ihn kritisch sehen.

Doch bereits beim Unionsstreit im Frühsommer und vor allem im September beim Fall Maaßen zeigte Kühnert, welche Gefahr er für die Parteispitze um Nahles darstellt. Als einer der ersten forderte der Juso-Chef die Trennung von Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Und nach der Einigung der GroKo-Parteichefs, Maaßen zum Staatssekretär zu machen, griff er die SPD-Chefin frontal an. Nur Nahles' Kehrtwende verhinderte eine Eskalation des Konflikts und einen möglichen Bruch der Koalition.

Kevin Kühnert beim Landesparteitag der Berliner SPD
DPA

Kevin Kühnert beim Landesparteitag der Berliner SPD

Was will Kühnert nun? Alle Angebote der Partei hat er bislang ausgeschlagen - ob den Posten eines Vizechefs in Berlin oder die Spitzenkandidatur für die Europawahl. Sein Zögern ist durchaus verständlich, ein Stellvertreterjob in einem Landesverband ist für ihn eigentlich schon zu klein. Und in Brüssel wäre er von der bundespolitischen Bildfläche verschwunden.

Doch irgendwann muss Kühnert mal springen, sagen selbst Vertraute. Er hat angekündigt, im kommenden Jahr für den Parteivorstand zu kandidieren, bislang ist er als Juso-Chef nur kooptiertes Mitglied. Doch als was könnte er antreten? Als Beisitzer, als Stellvertreter oder gar als Nahles-Nachfolger? Der SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Horst Arnold, brachte diese Option kürzlich ins Spiel. Angesichts der prekären Lage der SPD und der Großen Koalition ist selbst das nicht auszuschließen.

Doch für dieses Szenario müsste es mit der Partei noch weiter bergab gehen. Und daran hat Kühnert eigentlich auch kein Interesse.



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chrimirk 30.11.2018
1. Die Jungen müssen endlich ran!
Sonst geht die SPD selbst in Rente, wird überflüssig und allenfalls Geschichte. Die jetzige SPD-Führung ist nämlich auf keinen Fall in der Lage, die Partei zu retten und zum Wohle Deutschlands wieder auf Kurs zu bringen.
man 30.11.2018
2. Die SPD
beschäftigt sich zu sehr mit sich selbst und hat den Blick für die Bedürfnisse der einfachen Leute total verloren. Der junge Hr. Kühnert wirbelt etwas Staub auf, wird sich aber genauso als Luftnummer entpuppen wie Hr. Schulz oder die überforderte Fr. Nahles.
erzengel1987 30.11.2018
3. Man kann ihn mögen oder nicht
Ich finde dieser Mann hat Potential. Das Potential die SPD nochmal aufwärts zu bringen. Das große Problem der SPD ist allerdings, dass die meisten Bürger dieser Partei kein vertrauen mehr geben... für den einfachen Bürger muss es sich lohnen die SPD zu wählen. Der kleine Mann wird derzeit einzig durch die Linken vertreten und die sind zerstritten.
payoso 30.11.2018
4. ...
Meiner Meinung nach ist Kevin Kuhnert genau das was die SPD dringend nötig hat - ein frischer Neustart. Ein junger, charismatischer Politiker mit guten Ideen, der sich auch für mehr Engagement in der EU einsetzt.
seinedurchlaucht 30.11.2018
5.
Ich glaube nicht, dass die SPD auf einem besseren Weg ist, wenn ein Neosozialist wie Kevin einen wichtigen Posten in der SPD übernimmt. Er hat das gleiche Problem, wie seine Chefin: Nie in einem regulären Job gearbeitet, daher nicht mit dem Wissen, was die wirklichen Probleme abseits der vielpropagierten "sozialen Gerechtigkeit" sind. Auch er wird den Nierdergang der SPD nicht aufhalten können. Zum Glück hat die SPD noch ein weitverzweigtes Firmengeflecht, vielleicht lässt sich darauf aufbauen
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