Mögliche Kühnert-Nachfolgerin Rosenthal "Ich will den Kapitalismus überwinden"

Sie will Kevin Kühnert an der Spitze der SPD-Jugend ablösen: Jessica Rosenthal, Chefin der NRW-Jusos, erklärt, was sie antreibt, ob Olaf Scholz ein guter Kanzlerkandidat wäre - und warum Sigmar Gabriel sie nervt.
Jessica Rosenthal: "Ich werde im November kandidieren"

Jessica Rosenthal: "Ich werde im November kandidieren"

Foto: HC Plambeck/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Kevin Kühnert hat angekündigt, den Juso-Vorsitz aufzugeben. Wollen Sie den Posten übernehmen?

Jessica Rosenthal: Ja, ich werde beim Bundeskongress im November kandidieren.

SPIEGEL: Hat Kühnert Sie gefragt, ob Sie das machen wollen?

Rosenthal: Grundsätzlich ist es natürlich meine eigene Entscheidung. Mich haben verschiedene Genossinnen und Genossen angesprochen und mir gesagt, dass sie mir das auf jeden Fall zutrauen. Das freut mich natürlich.

SPIEGEL: Geht Kühnert jetzt den klassischen Weg von links unten nach rechts oben?

Rosenthal: Ich bin mir sehr sicher, dass er das nicht tun wird. Kevin ist Juso. Wir sind den bisherigen Weg alle gemeinsam gegangen. Wir werden ihn auch weitergehen. Ich bin sehr froh darüber, dass Kevin unser Stellvertreter im Parteivorstand ist und sicher bald in den Bundestag einziehen wird.

SPIEGEL: Er ist als Juso-Chef schnell bekannt geworden und prägt mittlerweile das Bild der SPD. Haben Sie Angst, künftig in Kühnerts Schatten zu stehen?

Rosenthal: Nein. Wir sind als Jusos erfolgreich, weil wir uns als Team verstehen und von unserer Sache überzeugt sind. Wir haben seit 2019 zwei Jusos im Europaparlament, unsere Präsenz in den Parteigremien ist deutlich gestiegen. Wir lassen uns als Jusos nicht erzählen, dass etwas alternativlos ist. Als Juso-Vorsitzende möchte ich das sozialdemokratische Zukunftsversprechen erneuern. Jeder soll wissen: Die Welt morgen wird besser sein als die heute. Aber dafür müssen wir jetzt große Veränderungen gestalten. Daran arbeiten wir alle zusammen.

SPIEGEL: Bislang sind Sie öffentlich aber noch nicht wirklich in Erscheinung getreten.

Rosenthal: Das sehe ich anders. Mein Schwerpunkt lag in den letzten zwei Jahren in NRW. Dort haben wir im größten SPD-Landesverband beispielsweise Beschlüsse herbeigeführt, Hartz IV zu überwinden und die Schuldenbremse zu beerdigen. Und die Kandidatur von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist ebenfalls bei uns in Nordrhein-Westfalen entstanden.

SPIEGEL: Warum machen Sie Politik?

Rosenthal: Politisiert wurde ich bei den Jusos. Ich halte es für eine große Ehre, wenn ich Kevins Arbeit fortsetzen darf. Vor uns liegen große Aufgaben: Ich möchte, dass wir in spätestens 20 Jahren kostenlos den Nahverkehr nutzen können und dafür weniger Autos brauchen. Aber trotzdem in einer ökologisch umgebauten Industrie die besten, also nachhaltigsten Autos, in Deutschland bauen.

"Die Märchenstunde vom verzwergten Staat ist seit Corona endgültig vorbei"

SPIEGEL: Worauf muss sich die Parteispitze gefasst machen, wenn Sie Juso-Vorsitzende werden?

Rosenthal: Ich erwarte, dass wir den eingeschlagenen Weg weitergehen. Der Staat muss eine stärkere Rolle übernehmen. Dazu müssen wir viel mehr investieren. Die Märchenstunde vom verzwergten Staat ist allerspätestens seit Corona endgültig vorbei. Alle vier Tage schließt in Deutschland ein Schwimmbad. Wie soll da jedes Kind schwimmen lernen? Das passt nicht zusammen. Das muss die SPD ändern.

SPIEGEL: Die Jusos hatten großen Anteil am Sieg von Esken und Walter-Borjans. Wie sehen Sie die Arbeit der Parteivorsitzenden?

Rosenthal: Die beiden haben die Partei nach einem langen Wettkampf geeint. Das verschafft uns für die Bundestagswahl eine gute Ausgangsposition. Und inhaltlich trägt das Konjunkturpaket die Handschrift der SPD, es sind Schritte in die richtige Richtung.

SPIEGEL: In der Partei hat die Kritik an Esken und Walter-Borjans aber deutlich zugenommen. Und in den Umfragen kommt die SPD nicht vom Fleck. Haben Sie nicht doch auf das falsche Team gesetzt?

Rosenthal: Überhaupt nicht. Mir geht es um die Inhalte. Und da setzen die Vorsitzenden die richtigen Weichenstellungen. Für Erfolg oder Misserfolg sind sie nicht allein verantwortlich. Die SPD-Spitze agiert als Team. Daran sollten sich alle ein Beispiel nehmen.

SPIEGEL: Das klingt alles recht zahm. Wenn Sie so zufrieden mit der Parteispitze sind, wozu braucht es dann noch die Jusos?

Rosenthal: Unsere Positionen sind längst noch kein Konsens, auch in der SPD nicht. Wir müssen weiter dafür kämpfen. Ich finde es aber auch falsch, wenn Sie die Rolle der Jusos darüber konstruieren, dass sie konträr zur Parteiführung stehen muss. Ich bin Jungsozialistin. Bei mir gibt es keinen Etikettenschwindel. Ich will den Kapitalismus, der auf Ausbeutung beruht, überwinden. Nehmen Sie unser Gesundheitswesen: Es ist doch pervers, wenn Kinderkliniken schließen müssen, weil sie sich nicht rechnen. Die Gesundheitsversorgung muss in der Hand des Staates liegen. Und was ist mit den jungen Menschen? Die sind in der Bewältigung der Coronakrise leider weitestgehend vergessen worden.

"Es ist pervers, wenn Kinderkliniken schließen müssen, weil sie sich nicht rechnen"

SPIEGEL: Was fordern Sie, wie sollte Schülern und Studenten geholfen werden?

Rosenthal: Die Kommunen werden im Stich gelassen, sie brauchen dringend mehr Geld. Denn gerade in den Städten und Gemeinden spiegelt sich die Lebensrealität von jungen Menschen unmittelbar wider. Sie merken dort sehr genau, wenn der Bolzplatz in die Jahre gekommen ist oder das Programm im Jugendzentrum eingespart wird. Ich bin für eine Garantie eines Ausbildungsplatzes und für die Ausweitung des Bafög. Schüler sollten ein Anrecht auf ein kostenloses Tablet bekommen.

SPIEGEL: Das sind Vorschläge, die viel Geld kosten. Wenn weitere Schulden gemacht werden, werden diese auch von der jüngeren Generation geerbt.

Rosenthal: Das ist ein Märchen, das immer wieder erzählt wird. Am Ende sind es nicht nur die Kontostände, die wir vererbt bekommen, sondern auch der Investitionsstau. Dazu gehören marode Schwimmbäder und Schulen oder die eingesparte Buslinie.

SPIEGEL: Also einfach raus mit dem Geld?

Rosenthal: Ich will nicht an alle Champagner verteilen. Aber natürlich müssen wir auch auf die Einnahmeseite schauen. Wir haben eine Vermögensverteilung, die nahezu wieder bei einer Adelsgesellschaft angekommen ist. Für mehr Gerechtigkeit müssen wir konsequent umverteilen.

Jessica Rosenthal: "Als Sozialdemokrat verbieten sich manche Tätigkeiten moralisch"

Jessica Rosenthal: "Als Sozialdemokrat verbieten sich manche Tätigkeiten moralisch"

Foto: HC Plambeck/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sie sagten, die Partei solle als Team agieren. Die SPD ist aber dafür bekannt, dass etwa ehemalige Vorsitzende gern mal querschießen.

Rosenthal: Das stört mich sehr. Die Herren sollten sich ein Beispiel daran nehmen, wie es Andrea Nahles macht. Sie hält sich völlig zurück. Die Parteivorsitzenden waren lange Zeit in der Partei aktiv und haben eine Menge Zeit für sie geopfert. Gerade deshalb ist es nicht in Ordnung, wenn sie der Partei nun schaden. Das gilt auch für berufliche Entscheidungen.

SPIEGEL: Sie spielen auf Gabriels Engagement für den Fleischhersteller Tönnies an. Ist es nicht seine Privatsache, wie er damit umgeht? Er ist kein aktiver Politiker mehr.

Rosenthal: Als Sozialdemokrat verbieten sich manche Tätigkeiten moralisch. Die Arbeitsbedingungen bei den Tönnies-Mitarbeitern sind katastrophal. Ich war selbst vor Ort in Gütersloh und habe mir ein Bild gemacht. Tönnies steht für alles, wogegen die SPD ankämpft. Deshalb geht so eine Beratertätigkeit nicht.

"Wenn Olaf Scholz ein guter Kanzlerkandidat werden möchte, macht er Angebote an die Jusos"

SPIEGEL: In der SPD mehren sich die Stimmen, die Olaf Scholz gern als Kanzler sehen würden. Wie sehen Sie das?

Rosenthal: Im vergangenen Jahr haben wir entschieden, wer das bessere Vorsitzendenduo ist. Und ich glaube, Saskia und Norbert sind das bessere. Das ist aber unabhängig von der Frage, ob Scholz nicht dennoch ein guter Kanzler sein könnte.

SPIEGEL: Also sind die Jusos jetzt plötzlich auch noch Scholz-Fans?

Rosenthal: Es ging uns nie darum, einzelne Personen zu verhindern, sondern um die inhaltliche Ausrichtung. Wir haben beschlossen Hartz IV zu überwinden, wir wollen die Schuldenbremse abschaffen, wir stehen für mehr Investitionen. Und ich sehe bei Olaf Scholz zum Beispiel im Konjunkturpaket, dass er diese Beschlüsse, soweit wie derzeit möglich, umsetzt.

SPIEGEL: Olaf Scholz wäre also ein guter Kanzlerkandidat?

Rosenthal: Das kann ich Ihnen heute nicht abschließend beantworten. Ein guter Kandidat braucht immer ein gutes Programm. Das Versprechen von einem besseren Morgen. Wenn Olaf Scholz ein guter Kanzlerkandidat werden möchte, macht er Angebote an die Jusos und führt Gespräche.

SPIEGEL: Wann sollte die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur fallen?

Rosenthal: Am 13. September sind in NRW Kommunalwahlen. Das ist für uns eine sehr wichtige Wahl, bei der auch viele Jusos kandidieren. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir alle Fragen, die die Bundesebene betreffen, erst danach entscheiden.

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