Rennen um Parteivorsitz Kühnert hört die Signale

Wer traut sich, die SPD zu führen? Fast die gesamte Führungsriege hat bereits abgewinkt - jetzt richtet sich der Blick auf Juso-Chef Kühnert. Im SPIEGEL erhält er erste Unterstützung.
Kevin Kühnert: Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen

Kevin Kühnert: Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen

Foto: DANIEL HOFER

Es ist eine heikle Phase, in der sich die Genossen in der Woche nach dem Rücktritt von Andrea Nahles befinden. Es geht jetzt darum, ein Verfahren zu finden, wie eine neue Parteispitze bestimmt werden soll. Alles ist offen, es gibt keinen Masterplan. Gemessen an den vergangenen Wochen herrscht eine merkwürdige Stille in der Partei.

Unter der Oberfläche schwirren erste Optionen durch den Raum, eine Doppelspitze etwa, ein Mitgliederentscheid. Nur hebt niemand bislang den Finger - aus Angst, sofort verbrannt zu sein (Lesen sie hier die SPIEGEL-Titelstory zu Kühnert und der SPD ).

Viele führende Sozialdemokraten haben sich schon selbst aus dem Spiel genommen. Und je mehr Spitzengenossen abwinken, desto mehr richtet sich der Blick auf Kevin Kühnert, den Juso-Chef. Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen - hält sich aber als einer der wenigen aus der Führungsriege bislang eine Kandidatur offen.

Für die einen in der Partei ist er ein Symbol für die Disruption, nach der sich viele nun sehnen. Für die anderen ist er ein Schreckgespenst.

Er hat begeisterte Unterstützer, aber auch entschiedene Gegner, er polarisiert. Die allermeisten wollen sich in dieser heiklen Phase nicht zitieren lassen: die Unterstützer nicht, weil sie fürchten, ihrem Favoriten zu schaden, wenn sein Name zu früh fällt. Und die Gegner nicht, weil sie keine neue Unruhe erzeugen wollen.

Doch es gibt erste Genossen, die sich aus der Deckung wagen und nach Kühnert rufen. "Ich würde mich sehr freuen, wenn Kevin Kühnert kandidiert", sagte die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange dem SPIEGEL. Lange war selbst im vergangenen Jahr bei der Wahl zum Parteivorsitz gegen Andrea Nahles angetreten und war ihr unterlegen.

"Er wird ganz vorne mitmischen"

Nahles hatte Anfang der Woche ihre Ämter als Partei- und Fraktionsvorsitzende niedergelegt und angekündigt, auch ihr Bundestagsmandant zurückzugeben. Bis zum nächsten Parteitag wird die SPD von einer Interims-Troika geführt.

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Auch die kürzlich gewählte SPD-Vorsitzende in Schleswig-Holstein, Serpil Midyatli, plädiert dafür, Kühnert mehr Verantwortung zu übertragen. "Ein frischer, junger Kopf würde uns guttun", sagte Midyatli. "Ich bin mir sicher, dass Kevin im nächsten Parteivorstand eine herausragende Rolle übernehmen wird." Sympathien äußert auch Veith Lemmen, Vizevorsitzender des SPD-Landesverbands Nordrhein-Westfalen. "Kevin hat Fähigkeiten und Ansichten, welche die Bundespartei braucht, er wird ganz vorne mitmischen."

Andere SPD-Mitglieder sehen eine mögliche Kandidatur des Juso-Chefs skeptisch. Horst Arnold, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bayerischen Landtag, hält Kühnert "für einen begabten jungen Mann", wie er dem SPIEGEL sagte. "Aber einige Themensetzungen waren nicht sehr zielführend." Kühnert hatte in einem Interview mit der "Zeit" unter anderem angeregt, große Unternehmen wie BMW zu kollektivieren.

Wie es weitergeht, will die SPD in einer Vorstandssitzung am 24. Juni entscheiden. Die Wahl der neuen Parteiführung wird im Kontext der strategischen Frage stehen, ob die SPD die Große Koalition verlassen soll oder nicht. Das macht den Auswahlprozess zusätzlich kompliziert - und spannend.

cte/hic/tik/vme

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