Rennen um Parteivorsitz Kühnert hört die Signale

Wer traut sich, die SPD zu führen? Fast die gesamte Führungsriege hat bereits abgewinkt - jetzt richtet sich der Blick auf Juso-Chef Kühnert. Im SPIEGEL erhält er erste Unterstützung.

Kevin Kühnert: Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen
DANIEL HOFER

Kevin Kühnert: Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen


Es ist eine heikle Phase, in der sich die Genossen in der Woche nach dem Rücktritt von Andrea Nahles befinden. Es geht jetzt darum, ein Verfahren zu finden, wie eine neue Parteispitze bestimmt werden soll. Alles ist offen, es gibt keinen Masterplan. Gemessen an den vergangenen Wochen herrscht eine merkwürdige Stille in der Partei.

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Heft 24/2019
Sprengkommando Kühnert - warum SPD und GroKo den Juso-Chef fürchten müssen

Unter der Oberfläche schwirren erste Optionen durch den Raum, eine Doppelspitze etwa, ein Mitgliederentscheid. Nur hebt niemand bislang den Finger - aus Angst, sofort verbrannt zu sein (Lesen sie hier die SPIEGEL-Titelstory zu Kühnert und der SPD).

Viele führende Sozialdemokraten haben sich schon selbst aus dem Spiel genommen. Und je mehr Spitzengenossen abwinken, desto mehr richtet sich der Blick auf Kevin Kühnert, den Juso-Chef. Er macht sich rar und hüllt sich in Schweigen - hält sich aber als einer der wenigen aus der Führungsriege bislang eine Kandidatur offen.

Für die einen in der Partei ist er ein Symbol für die Disruption, nach der sich viele nun sehnen. Für die anderen ist er ein Schreckgespenst.

Er hat begeisterte Unterstützer, aber auch entschiedene Gegner, er polarisiert. Die allermeisten wollen sich in dieser heiklen Phase nicht zitieren lassen: die Unterstützer nicht, weil sie fürchten, ihrem Favoriten zu schaden, wenn sein Name zu früh fällt. Und die Gegner nicht, weil sie keine neue Unruhe erzeugen wollen.

Doch es gibt erste Genossen, die sich aus der Deckung wagen und nach Kühnert rufen. "Ich würde mich sehr freuen, wenn Kevin Kühnert kandidiert", sagte die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange dem SPIEGEL. Lange war selbst im vergangenen Jahr bei der Wahl zum Parteivorsitz gegen Andrea Nahles angetreten und war ihr unterlegen.

"Er wird ganz vorne mitmischen"

Nahles hatte Anfang der Woche ihre Ämter als Partei- und Fraktionsvorsitzende niedergelegt und angekündigt, auch ihr Bundestagsmandant zurückzugeben. Bis zum nächsten Parteitag wird die SPD von einer Interims-Troika geführt.

Stimmenfang #101 - Tabula rasa bei der SPD - Die Rekonstruktion von Nahles' Scheitern

Auch die kürzlich gewählte SPD-Vorsitzende in Schleswig-Holstein, Serpil Midyatli, plädiert dafür, Kühnert mehr Verantwortung zu übertragen. "Ein frischer, junger Kopf würde uns guttun", sagte Midyatli. "Ich bin mir sicher, dass Kevin im nächsten Parteivorstand eine herausragende Rolle übernehmen wird." Sympathien äußert auch Veith Lemmen, Vizevorsitzender des SPD-Landesverbands Nordrhein-Westfalen. "Kevin hat Fähigkeiten und Ansichten, welche die Bundespartei braucht, er wird ganz vorne mitmischen."

Andere SPD-Mitglieder sehen eine mögliche Kandidatur des Juso-Chefs skeptisch. Horst Arnold, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bayerischen Landtag, hält Kühnert "für einen begabten jungen Mann", wie er dem SPIEGEL sagte. "Aber einige Themensetzungen waren nicht sehr zielführend." Kühnert hatte in einem Interview mit der "Zeit" unter anderem angeregt, große Unternehmen wie BMW zu kollektivieren.

Wie es weitergeht, will die SPD in einer Vorstandssitzung am 24. Juni entscheiden. Die Wahl der neuen Parteiführung wird im Kontext der strategischen Frage stehen, ob die SPD die Große Koalition verlassen soll oder nicht. Das macht den Auswahlprozess zusätzlich kompliziert - und spannend.

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cte/hic/tik/vme

insgesamt 343 Beiträge
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markusfoos 07.06.2019
1. Endlich wieder politische Visionen
Mit Kühnert kämen endlich wieder politische Visionen und frische Ideen in die SPD. Ob die jedem passen, sei dahin gestellt. Man kann sich dann ja aber auch anderen Parteien anschließen. Mehr Fluktuation und weniger Festhalten an alten Wahrheiten würde ohnehin gut tun. Denn wenn die SPD glaubt, sie könnte in der aktuellen Form und Zerrissenheit fortbestehen, wird das sehr übel ausgehen. Gleiches gilt auch für die CDU, der ein visionärer Hoffnungsträger wie Kevin Kühnert aktuell noch fehlt.
der-junge-scharwenka 07.06.2019
2. Warum nicht?
Warum nicht? Es war einmal ein ehemaliger Frankfurter Sponti, der zum deutschen Außenminister wurde - und seine Sache so gut machte, dass er internationale Anerkennung bekam. Das ist, zugegeben, etwa 20 Jahre her, und die Jüngeren in diesem Land werden sich nicht mehr daran erinnern; richtig bleibt es trotzdem. Ohne A mit B vergleichen oder gar gleichstellen zu wollen, ist "Joschka" Fischer doch immerhin ein Beleg dafür, dass man mit seinen Aufgaben wachsen kann. Das allerdings traue ich Kevin Kühnert auch zu. Das Inhaltliche, das bislang von Kühnert kam, muss man nicht gut finden. Aber es ist immerhin ein Lebenszeichen der SPD und ein Hinweis darauf, dass die Partei nicht bis ins letzte Glied in der ominösen "Mitte" festhängt, in die Gerhard Schröder sie gedrängt hat und von der allgemein - und ich glaube: zu Unrecht - behauptet wird, dass dort Wahlen gewonnen würden. Das Gegenteil dürfte richtig sein; das ist die Lehre aus drei Großen Koalitionen. Und alles, was zu einer Neupositionierung der SPD beitragen kann, muss nach der zehnjährigen Symbiose mit der CDU gut tun. Wie gesagt: Man muss Kühnerts Ideen nicht mögen. Aber man kann. Und immerhin: Es sind Ideen!
advocatus diaboĺi 07.06.2019
3. Künert muss endlich übernehmen
als Juniorpartner des künftigen grünen Bundeskanzlers, etwa als Wirtschaftsminister, kann er maßgeblich zum witschaftlichen und sozialen Umbaus des Landes hin zu einer klimafreundlichen Gesellschaft beitragen. Wie die Umfragen andeuten, haben die meisten Deutschen die Notwendigkeit der sofortigen Klimarettung erkannt und sind auch bereit sich nicht mehr von den Fetischen "Arbeitsplätzen" , "individuelle Mobilität" und "Wohlstand" schrecken zu lassen. Die Jugend und der fortschrittliche Teil der deutschen Bevölkerung stehen voll hinter ihm.
Doppeler 07.06.2019
4. Paßt schon...
..., die SPD ist auch ohne Kühnert bereits zum Kindergarten geworden. Wie wäre es, wenn sich die Sterbende Partei Deutschlands zunächst einmal ein schlüssiges und zukunftsgerichtetes Programm gäbe, das die Interessen der Bevölkerung widerspiegelt und das sie dann auch ernsthaft umzusetzen versucht, ohne in bester F.D.P.-Manier bei erstbester Gelegenheit wieder einmal umzukippen? Solange stattdessen Personen derart in den Vordergrund gerückt werden, wird das nichts mehr beim Wahlvolk...
markusfoos 07.06.2019
5. Zudem: Ämter trennen
Sollte die SPD in der groko bleiben wollen, wäre es außerdem dringend notwendig, Partei und Fraktionsvorsitz zu trennen. Der FV kümmert sich dann um regierung und Kompromisse und der PV richtet die Partei neu aus. Dabei darf und soll es auch Streit geben, denn die Ausrichtung der SPD sollte ja nicht sein, weiter die CDU beim regieren zu unterstützen. Ich habe nie verstanden, wie sich Andrea Nahles antun konnte, beide Ämter zu übernehmen. Eine Zerrissenheit, die zum scheitern verurteilt war.
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